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BUCHTIPP: Der Philosoph vom Stockwerk drüber

Aktualisiert: 16. Nov 2020

Selten hat man die Gelegenheit, einen Philosophen im Alltag zu beobachten.



Eigentlich war es die Aufgabe des Schwarzen Peter, das vorliegende Buch zu besprechen. Nach kurzer Lektüre hat er dem Blog-Betreiber jedoch eine Absage erteilt. Er machte einen geknickten Eindruck. Warum? Weil das Buch so gut ist, dass er es kaum erträgt, es nicht selbst geschrieben zu haben. Hinzu kommt, dass er sich an zahllosen Stellen des Romans wiederzufinden glaubt. Er ist die Hauptfigur, er ist der Philosoph vom Stockwerk drüber. Er verdächtigt den Autor Ralph R. Rogner, ihn zum Vorbild genommen zu haben.


Nun schlagen zwei Herzen in seiner Brust. Einerseits fühlt er sich geschmeichelt, weil das Buch seines Lebens ihm ein Stück Unsterblichkeit sichert. Ein Denkmal, errichtet aus Worten. Andererseits fühlt er sich entblößt. Er hofft, der Kreis der Leser möge sich auf Menschen beschränken, die ihn und seine neurotischen Marotten nicht kennen. Wie auch immer - das Werk ist gedruckt. Der Schwarze Peter hat keinen Einfluss auf das was kommt.


Der Blog-Betreiber hat übrigens das Vorwort zu „Der Philosoph vom Stockwerk drüber“ geschrieben. Das nagt zusätzlich am Ego des Schwarzen Peter, der sich im Vergleich zu seinem Chef (i.e. der Blog-Betreiber) für den talentierteren Schreiber hält.


Verweilen wir nicht länger bei unserem zart besaiteten Philosophen. Wenden wir uns lieber dem Buch zu. Um welches Genre handelt es sich? Um eine humorvolle Erzählung, einen gesellschaftskritischen Roman oder ein geschickt getarntes Philosophie-Sachbuch? Am ehesten um eine Genre-Grenzen sprengende Mixtur.


Ralph R. Rogner ermöglicht dem Leser einen Blick in die verborgene Lebens- und Gedankenwelt eines akademischen Philosophen.


„Nicht irdisch ist des Toren Trank noch Speise.
Ihn treibt die Gärung in die Ferne,
Er ist sich seiner Tollheit halb bewusst;
Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne
Und von der Erde jede höchste Lust,
Und alle Näh' und alle Ferne
Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust.“ (Mephistopheles)

Wie Goethes Doktor Faust ist der Philosoph vom Stockwerk drüber sowohl geistigen als auch weltlichen Ausschweifungen zugetan. Eine Ambivalenz, die sich schon in seiner Sturm-und-Drang-Zeit bemerkbar machte. So war sein erstes Automobil ein Golf GTi - in den 80er Jahren ein Objekt der Begierde, das übrigens eine enorme Wirkung auf die Frauenwelt hatte. Zurück in die Gegenwart: Wie Ralph R. Rogner richtig bemerkt, ist es dem Philosophen vom Stockwerk drüber zur zweiten Natur geworden, seinen Hedonismus und moderaten Wohlstand vor seinen besten Freunden zu verbergen.


Ralph Rogner (das R. in der Mitte lassen wir ab jetzt weg) beleuchtet in seinem Roman das Spannungsfeld, in dem sich sein Nachbar ständig neu verortet. Der knorrige Philosoph irrlichtert zwischen dem Wunsch nach vollständiger Weltabgeschiedenheit und der Gier nach irdischen Genüssen. Diesbezüglich ähnelt er mehr einem zerrissenen Künstler als einem in sich ruhenden Philosophen. Der Philosoph vom Stockwerk drüber arbeitet sich an seiner Umwelt ab. Der Alltag und die Mitmenschen verlangen ihm mehr ab, als komplexe philosophische Theorien.


Zur Handlung: Ralph Rogner hatte das Glück oder Unglück (je nach Perspektive), in unmittelbarer Nachbarschaft zu dem universitär gebildeten Philosophen zu leben. Es ist die Geschichte der Annäherung zweier Männer, die kaum unterschiedlicher sein können. Einerseits der Autor, ein jugendlich wirkender und umtriebiger Lebenskünstler, der auch die Schwere des Lebens kennt. Andererseits der emotional angeknackste und misanthropisch veranlagte Philosoph, der seine Kontakte zur Außenwelt auf ein Minimum beschränkt. Das hindert ihn nicht daran, aus unterschiedlichen Gründen immer wieder an der Tür des Autors zu klopfen. Der will es zunächst nicht wahrhaben, aber mit jeder Begegnung interessiert er sich mehr für den kauzigen Philosophen. Im Laufe der Zeit erfährt er mehr über die wechselhafte Vita seines Nachbarn.


Die Handlung spielt auf wenigen Quadratmetern, verteilt auf zwei Stockwerke. Entgegen der räumlichen Enge öffnet sich dem Leser ein emotionaler, psychologischer, sozialer und philosophischer Kosmos, der sich mit jeder Seite des Buches weitet. Die Mehrzahl der Leser werden im Verlauf der Lektüre Sympathien für den Autor des Buches und/oder den Philosophen entwickeln. Sie werden auf dieser Reise Einblicke in die spannende Welt der Philosophie gewinnen. Sie werden bedeutenden Philosophen und deren Theorien begegnen.


Das Buch zeigt, dass verschiedene Zugänge zur Philosophie existieren. Die packendsten Pfade sind nicht so holprig und steinig, wie es die sperrige Sprache vieler philosophischer Werke vermuten lässt. Mit den Worten Ludwig Wittgensteins:


„Alles was überhaupt gedacht werden kann, kann klar gedacht werden. Alles, was sich aussprechen lässt, lässt sich klar aussprechen.“

Zum Schluss ein Wort an unseren Gastautor Der Schwarze Peter: Eines Tages wird er sich freuen, dass Ralph Rogner sein bewegtes Leben sprachlich vollendet auf den Punkt gebracht hat.



Literatur


Rogner, Ralph R. : Der Philosoph vom Stockwerk drüber, 1. Auflage, Verlag: BoD Books on Demand, 2020.

Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus, Suhrkamp, Frankfurt a. Main 2006.



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