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GASTBEITRAG: Ästhetik und Evolution

Aktualisiert: 7. Jan.

Was ist an einem Bild von Picasso schön? und Wie weit reicht Charles Darwins Bedeutung, wenn es um das Gefühl vom Schönen geht? Vor allem die zweite Frage mutet im philosophischen Kontext exotisch an.

Helmut Walther vermutet (und findet) aber an dieser Stelle Spuren, mit deren Hilfe er der Forschung über das Wesen des Schönen eine neue Dynamik verleiht. Das gelingt ihm, indem er die Entwicklung des menschlichen Geistes mit den sich daraus ergebenden unterschiedlichen und sich qualitativ steigernden Fähigkeiten der Informationsinterpretation verbindet. Wenn Helmut Walther seine Veröffentlichung in aller Bescheidenheit einen Versuch nennt, erweist er sich zudem als profunder Wissenschaftstheoretiker. Darüber hinaus verfügt er über die Gabe, das komplexe, von zahlreichen natur- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen meist isoliert betrachtete, Thema „Ästhetik und Evolution“ durch eine klare Sprache einer breiten Leserschaft nahezubringen. Wir freuen uns sehr, seine philosophisch gehaltvollen Gedanken unseren Lesern zur Verfügung stellen zu dürfen. Wir werden den Artikel, seiner Systematik folgend, in zwei aufeinander folgenden Teilen veröffentlichen. Wir bitten unsere Leserinnen und Leser sich nicht von der angegebenen Länge des Beitrages abschrecken zu lassen. Die Zeitangabe berücksichtigt die empfehlenswerten, weil vertiefenden, Anmerkungen. Für das grundsätzliche Verständnis sind sie keine Voraussetzung.



Helmut Walther (Nürnberg)


Ästhetik und Evolution

Darwins Bedeutung für das Gefühl vom Schönen – ein Versuch


Der Grundgedanke Darwins, dass sich alle Lebewesen einschließlich des Menschen auseinander entwickelt haben, ist inzwischen nicht nur auf den Kosmos selbst übertragen worden, sondern findet ebenso Anwendung zur Erklärung etwa soziologischer oder ökonomischer Phänomene. Nicht nur alle natürlichen, sondern auch alle kulturellen Hervorbringungen des Menschen haben eine Genese, durch die sich seine Umwelt und in deren Rückwirkung wiederum der Mensch selbst weiter entwickelt. Der Evolutionsgedanke ist so einer der fruchtbarsten Denkansätze überhaupt, der sofort seit seiner Formulierung durch Darwin das Bild des Menschen von sich und seiner Welt revolutioniert hat und in seinen ausgreifenden Weiterungen bis heute unausgeschöpft ist.


Gerhard Vollmer, Mitherausgeber unserer Zeitschrift Aufklärung und Kritik, schrieb einmal in der „ZEIT“(1) :


„Hauptaufgabe der Philosophie ist gar nicht das Antworten, sondern das Fragen. [...] Naturalismus in der Philosophie ist die Auffassung, dass es überall in der Welt mit rechten Dingen zugeht, auch beim Menschen: beim Sprechen, Erkennen und Denken, beim

wissenschaftlichen Forschen, moralischen Handeln und ästhetischen Urteilen. Evolutionäre Erkenntnistheorie (die sich durchsetzt), Evolutionäre Ethik (die entworfen wird), Evolutionäre Ästhetik (die es noch nicht gibt) sind Teile eines solchen naturalistischen Programms. Sie setzen die unvollendete Aufklärung fort.“


In diesem Sinne möchte dieser Beitrag die Aufmerksamkeit auf jenes Gebiet der Ästhethik lenken, das nach Vollmers Worten unter dem evolutionären Blickwinkel noch terra incognita ist. Im ersten Teil wird dazu zunächst untersucht, was denn eigentlich gemeint ist, wenn wir von „Fühlen“ und „Gefühl“ sprechen, darauf aufbauend wendet sich der zweite Teil sodann dem Zusammenhang des Schönen mit dem Gefühl zu.



I. Was ist Fühlen?


Auf den ersten Blick mag es zunächst nicht ganz einsichtig sein, warum die Frage nach der Herkunft des Schönen scheinbar willkürlich mit der nach dem Wesen des Fühlens verbunden wird.


Nun, überall wo man sich nach einer Theorie der Ästhetik erkundigt, ist die Rede von der „Empfindung des Schönen“: Warum und was etwa an einem Bild von Picasso schön sei, kann nur vordergründig rational beurteilt werden, letztlich fällt die Entscheidung, ob ein Werk der bildenden Künste dem Betrachter gefällt oder nicht, völlig subjektiv auf der Ebene des Gefühls, ob es ihn also positiv anspricht, desinteressiert lässt oder gar abstößt (2).


Daher erscheint es zunächst jedenfalls als unauflösliches Rätsel: Was der eine schön findet, ist dem andern hässlich, so viele Einzelmenschen, ebenso viele Begründungen für die Herkunft und das Wesen der Schönheit; bei jedem Denker, der nur ein wenig auf sich hält, eine eigene „Ästhetik“ – auf den ersten Blick scheint es unmöglich, sich da

durchzufinden.


Die Beurteilung, ob etwas „schön“ sei oder nicht, erfolgt offenbar auf eine Weise, von der man sich selbst nicht Rechenschaft zu geben in der Lage ist, wie bei allen anderen Gefühlen auch, und daher sind wir leicht geneigt, das Fühlen als unseren eigentlichsten und innersten Beurteilungsmaßstab heranzuziehen, wie es etwa Freud tat, indem er hier seine „dritte Kränkung“ des Menschengeschlechts ansetzte, das nicht „Herr im eigenen Hause“ sei.


Ähnlich steht es bei Damasio, der in „Descartes‘ Irrtum“ die wesentliche

Bedeutung der Emotionen hervorhebt, wie etwa auch bei Goleman‘s „Emotionale(r) Intelligenz“: Beide wollen uns daran erinnern, dass die Ratio nicht für sich allein steht, sondern in jedem Falle mit Gefühlen verbunden ist.


Merkwürdigerweise habe ich für dieses Phänomen des Fühlens, dessen Bedeutung man so herausstreicht, fast nirgends, sei es in der Naturwissenschaft, sei es in der Philosophie, eine überzeugende Theorie finden können. Denn entweder wird das Fühlen, etwa bei Freud, mit dem „Unbewussten“ fast schon in die Nähe der Metaphysik gerückt (3) oder aber es wird „materialisiert“, d. h., auf chemisch-elektrische Vorgänge reduziert.


In beiden Fällen überspringt man dasjenige, was das Besondere des menschlichen Fühlens denn an sich sei. Ähnlich wie früher hinsichtlich des Denkens wird seine Natur nicht eigentlich problematisiert, sondern nur die Frage, warum der Mensch sich „gut“ oder „schlecht“ fühlt, und dass es besser sei, sich „gut“ zu fühlen, was dann meist als „Glück“

bezeichnet wird.


Dies geht in den Kognitionswissenschaften so weit, dass man dort ganz bewusst die emotionalen Bestandteile des Bewusstseins ausblendet, weil sonst die Aufklärung dessen, was Denken sei, nur noch mehr erschwert werde (4). Hingegen bekommt der Reduktionist das Fühlen überhaupt nicht in den Blick, weil er es auf physiologische Prozesse, etwa den Anstieg von Endorphinen, zurückführt, und damit die eigentliche psychische Bedeutung aus den Augen verliert.


Aber auch noch die Psychologie übergeht – wenn sie sich mit den einzelnen Gefühlen wie Liebe, Trauer, Neid oder Hass befasst – die eigentliche Grundstruktur des Fühlens an sich (4a). Die Begriffe Gefühl und Empfindung werden – nicht nur umgangssprachlich – ganz ähnlich wie Verstand und Vernunft meist synonym verwendet; wenn aber unsere Sprache für beide Fälle verschiedene Begriffe aufweist, so könnte es vielleicht erhellend sein, ihren je eigenen Bedeutungsgehalt einzugrenzen und so statt eines regellosen Nebeneinanders ein sinnvolles Mit- und Zueinander zu erhalten.


Dies insbesondere dadurch, indem wir die verschiedenen Begriffe mit dem evolutionären Aufbau unseres Gehirns zusammenstellen: Inzwischen ist (fast) jedem Laien bekannt, dass wir verschieden alte Areale des Gehirns zu unterscheiden haben (Stammhirn, Kleinhirn, Großhirn), die nach wie vor auch beim Menschen wirksam und miteinander verbunden sind. Statt aber diese Areale in ihrer phänomenalen Äußerungsweise unverbunden nebeneinander zu stellen, scheint es sinnvoller, ihr funktionales Auseinanderhervorgehen und Miteinander zu klären – und dies eben in der Weise, dass bestimmten Leistungen bestimmte Begriffe zugeordnet werden, etwa im Verhältnis von Verstand und Vernunft, und so auch im Hinblick auf Empfindung und Gefühl.


Um Gefühl und damit auch die „Empfindung des Schönen“ zu verstehen, brauchen wir also eine Theorie des menschlichen Geistes, wie wir zumindest schematisch seine Leistungen evolutionär auseinander hervorgehend verstehen können.


Ein solcher Frageansatz zwingt als erstes dazu, einen einseitigen reduktionistischen „bottom up“-Ansatz zurückzuweisen, der alle Erklärung ausschließlich „von unten nach oben“ leisten will. Die bedeutsamen Leistungen und Auswirkungen von Instinkt, Emotio und Ratio werden durch ihre Rückführung auf die physiologische Basis von Botenstoffen, das Zusammenspiel von axonalen Verbindungen und dendritischen Synapsen der Neuronen ebensowenig verstanden, wie die bloße Zusammensetzung von bestimmten Atomen die neuen Eigenschaften daraus hervorgehender Moleküle erklären kann.


Vielmehr müssen wir uns – und das hat die Kognitionswissenschaft inzwischen durchaus erkannt – neben dem reduktionistischen „bottom up“- vor allem auch dem sogenannten „top down“-Ansatz zuwenden, d. h., wir müssen von den spezifischen Leistungen auf das entsprechende Vermögen, also „von oben nach unten“ schließen, selbstverständlich immer im Hinblick auf die jeweilige Basis – und so sehen wir, dass die Vernunft sich auf den Verstand als ihren Vorläufer gründet ebenso wie dieser sich auf die Empfindung der Emotio.


Dieses Phänomen des Hervortretens qualitativ neuer Systemeigenschaften, die sich einer rein reduktionistischen Erklärung entziehen, wird in der Wissenschaft als Emergenz (5) bezeichnet. Die hauptsächliche emergente Systemeigenschaft der Vernunft ist es, von den Dingen selbst auf deren Wesen als den Inbegriff ihrer wesentlichen Eigenschaften zu schließen, diejenige des Verstandes besteht darin, die Daten der Einzelsinne zu Dingen zusammenzufassen und damit auf den Begriff zu bringen.


Was ist dann Gefühl? Fühlen ist in Verstand übersetztes Empfinden, in dem der Verstand das Vorhandenseins von Empfindung erfährt. Die eigentlichen menschlichen Gefühle – neben dieser Öffnung der Empfindungen für den Verstand – entstehen aus der emotionalen Bewertung und gesonderten Speicherung der Dingerkenntnisse und -benennungen des Verstandes.


Damit wissen wir immer noch nicht, was denn Empfindung sei – und dazu müssen wir uns zunächst klarmachen, wofür eigentlich so etwas wie ein Gehirn „gut“ ist: Alle seine Makrosysteme vom Instinkt bis zur Vernunft haben die Aufgabe, zur Erhaltung und Fortpflanzung des Organismus Information mittels Wahrnehmung und Interpretation zu sammeln, diese zu verarbeiten und zu speichern. Denn unter sich ändernden Umweltbedingungen, wie sie auf unserer Erde herrschen, sind diejenigen Lebewesen im Vorteil, die sich durch repräsentierende Information auf diese Änderungen einstellen können; hingegen sind die Spezialisten zwar unter gleichbleibenden Bedingungen im Vorteil, bei Änderungen jedoch zum Untergang verurteilt.


So führt die Tatsache der veränderlichen Umwelt zur Auslese derjenigen Lebewesen, die als „Generalisten“ am anpassungsfähigsten sind, und daher zu einer a posteriori sich als Teleologie ausnehmenden Entwicklung von Ratio als des bisherigen Höchststandes von

Informationsverarbeitung. (6)


Informationsspeicherung besteht in einer genetischen oder individuellen neuronalen Engrammierung; diese Engrammata sind wiederum mit verschiedenen Verhaltensmustern konditioniert. Auf instinktiver Ebene löst ein zu einem genetischen Engramm passendes Sinnessignal „automatisch“ das dazu gehörende Verhalten aus, etwa wenn der Frosch die Fliege als seine Nahrung „erkennt“ und fängt; hingegen erlaubt die Eigenempfindung von Lebewesen deren individuelle Konditionierung. Individuelle Auswertung von neuronaler Information und von dieser Auswertung abhängige Reaktion finden wir mithin erst auf der Stufe der Empfindung, und sie besteht immer in einem Vergleich: ob ein Sinnesreiz einer gespeicherten Information gleich, ungleich oder ähnlich ist.


Daher müssen wir davon ausgehen, dass wir ab dieser Stufe ein „individuelles

Bewusstsein“ anzunehmen haben, da dieser Vergleich individuell innerhalb eines

bestimmten Gehirnbereiches unter Hemmung der instinktiven Automatik vorgenommen werden muss.


Als Beispiel für diese individuelle Prägung mag hier die Mutter-Prägung von Vögeln stehen: Der erste Gegenstand, der in den Blick der Neugeborenen gerät, wird unausweichlich als „Mutter“ engrammiert, die dazugehörigen genetischen Verhaltensmuster werden mit der Wahrnehmung dieses Gegenstandes verbunden.(7) Offenbar haben wir es hier bereits mit einer individuellen Informationsspeicherung zu tun, die jedoch noch nicht individuell, sondern genetisch gesteuert ist – also die Rezeptionsstufe dessen, was wir „Empfindung“ nennen: die individuelle Informationsverarbeitung als ein qualitativ neues Vermögen, das zwar unlöslich mit den genetischen Programmen (Instinkt) und deren Verhaltensmustern verbunden ist, durch das aber die Auslösung der Verhaltensmuster individuell gesteuert werden kann.


Beobachten wir die eigentliche emotionale Steuerung am Fluchtverhalten: Nähert sich ein Raubtier einer Herde von Wildtieren an einer Wasserstelle, so werden die Tiere zunächst unruhig und beobachten „argwöhnisch“ die Annäherung, ohne sich jedoch zunächst bei der Wasseraufnahme stören zu lassen. Die „Spannung“ innerhalb der Herde „steigt“, d. h. die sensorischen Wahrnehmungen mittels Seh- und Geruchsinn bewirken eine hormonale Ausschüttung, deren Anstieg von dem als Emotio bezeichneten Zentrum abgegriffen wird. Einzelne Tiere werden immer unruhiger, während andere noch standhalten (individuell konditionierte Empfindung). Eine bestimmte Nähe des Raubtieres löst das allgemeine Fluchtverhalten in dem Moment aus, wenn der empfindend wahrgenommene Anstieg der hormonellen Ausschüttung bei den Führungstieren die individuell durch spielendes Lernen und spätere Erfahrung verschieden vorkonditionierte Erträglichkeit übersteigt.

Dieses neue Vermögen, Emotio genannt, das die Lebewesen zu individuellem Lernen

befähigt, können wir uns als eine Art „skalierbares Potentiometer“ vorstellen, verbunden mit einem über die Reihe der empfindenden Arten zunehmenden eigenen Speicherbereich (8): Wie jeder Mensch an sich selbst feststellen kann – aber eben auch nur an sich selbst –, ist „Empfinden“ die innere Selbstwahrnehmung der Auswirkung von über die Sinnes- und Körperorgane dem Gehirn zugeleiteten sensorischen „Ereignissen“; der Inhalt der Sinneswahrnehmung und die dieser zugemischte emotionale Bewertung sind etwas Verschiedenes. Ein die Latenzschwelle überschreitender und damit „Aufmerksamkeit“ erheischender Sinnesreiz macht sich durch den Anstieg von positiver oder negativer Empfindung geltend, die das Individuum zu entsprechenden Handlungen bewegen soll.


Was genau aber ist „positive“ und „negative“ Empfindung? Es ist der Abgriff des Ansteigens oder Abfallens von hormonalen Botenstoffen, ausgelöst durch sensorische oder körpereigene (vegetative) Ereignisse, die bereits auf der Ebene des Instinkts das Verhalten steuern. Der Abgriff der Differenzierung der Emotio als Selbstempfindung erlaubt erst ein abgestuftes Verhalten in der Reaktion: Der erfahrenen Empfindungsintensität entspricht die dadurch hervorgerufene Intensität der Handlung.



Die neuronale Basis der „Chemie der Psyche“ bilden die verschiedenen Botenstoffe und die von diesen ausgelöste Beeinflussung des Neurons an dessen Synapsen und Rezeptoren. Hervorzuheben ist, dass die Empfindung nicht in dieser neuronalen Synapsenveränderung besteht, sondern vielmehr in deren abgreifender Reflexion als Empfindung. Denn diese Steuerung von Neuronen über Botenstoffe finden wir bereits bei Tieren, die noch nicht über Empfindung verfügen, weil ihnen diese Reflexion fehlt, so etwa bei allen Arten, die nur Instinkte haben wie etwa die Amphibien.


Empfindung ist also die Auswertung der Erregungssteigerung, die durch die Anlagerung der Botenstoffe hervorgerufen wird. Das „System Emotio“ basiert zunächst auf den „Daten“ des Instinkts und arbeitet mit diesen, wie dies ebenso im Verhältnis von Verstand und Emotio bzw. Vernunft und Verstand gilt. Hier wird schematisch der Schichtenaufbau der verschiedenen Vermögen sichtbar, wie wir ihn in der schichtweisen neuronalen Verarbeitung wiederfinden.


Zwar werden diese Signale parallel im 10 Millisekunden-Takt verarbeitet, aber bei diesen Verarbeitungsschritten projizieren die Neuronen insgesamt in serieller Reihenfolge nacheinander in andere Schichten des Cortex bzw. andere beteiligte Systeme des Gehirns, bei der Empfindung insbesondere ins limbische System, Amygdala und Thalamus.


Rationales Bewusstsein sollte mithin im Feuern der letzten an der Endauswertung beteiligten Neuronen-Schichten und Systeme bestehen, das Bewusstsein von Empfindung und deren Intensität hingegen im Feuern der an der emotionalen Auswertung beteiligten Schichten und Systeme.(9)


Instinkt erlaubt in seiner Festverdrahtung zwischen Sensorik und Reaktion das genetische Erlernen von Verhaltensmustern über die Art, hingegen gestattet die Steuerung des einzelnen Lebewesens über den Abgriff der zu- und abnehmenden hormonalen Konzentrationen die individuelle Lernfähigkeit und damit ein subjektives Empfinden. Lernen selbst als eine individuelle Form der Speicherung besteht in der mehr oder weniger lang anhaltenden neuronalen Abspeicherung von Impulsmustern mittels Synapsenverstärkung im zugehörigen corticalen Feld.


Die Interpretation dessen, was schließlich das jeweilige Bewusstsein „wahrnimmt“, setzt sich immer zusammen aus dem aktuellen Sinnessignal mit der „entgegenkommenden Erinnerung“, die durch einen vorbewussten Vergleich aufgerufen wird; ohne dieses Entgegenkommen und Vermischen fände kein Tier seine Nahrung, könnte der Mensch sich in seiner komplexen Umwelt nicht bewegen noch einen einzigen Buchstaben lesen.(10) Wenn nicht alles täuscht, ist an diesem rückgekoppelten Vergleich insbesondere der Thalamus beteiligt, der mit allen bedeutenden Wahrnehmungsfeldern verbunden ist.


Die einzelnen Sinne wie auch der Körper und seine Organe selbst und ihre entsprechenden Repräsentationsfelder sind hier offenbar mit dem emotionalen System vernetzt; das Wiedererkennen eines Sinnessignals durch Vergleich mit dem zugehörigen Engramm ruft die entsprechende und konditionierte Bewertung dieses Ereignisses mit auf und gibt beim aktuellen Erreichen des „Grenzwertes“ die entsprechende Gesamtreaktion frei.


Was aber sind „Sinnessignale“ auf der Ebene der Emotio? Es sind die Eigenschaften der Dinge, die vom jeweils zugehörigen Sinn erfasst werden, und die entsprechende Empfindung auslösen. So gesehen ist auch noch jedes Bild eines Dinges auf empfindender Ebene nichts anderes als eine Eigenschaft von Dingen. Es sind Formen, Farben und Bewegungen von Dingen, die auf tierischer Ebene vom Sehsinn gespeichert und wiedererkannt werden, nicht aber die Dinge selbst.


Auf diese Weise wird mittels Empfindung eine horizontaladditive Konditionierung verschiedener Sinnessignale möglich.(11) Die Dinge in unserem menschlichen Sinne kristallisieren sich erst heraus als eine vertikal-integrierende Eigenleistung des Verstandes: in der Verbindung der verschiedenen Eigenschaften der unterschiedlichen Sinnesergebnisse zu einem Wirkungsträger.


Diese Zusammenfassung wird mit einem eigenen Begriff belegt, in einem eigenen Gehirnbereich repräsentiert und vom Verstand selbst bewertet (zunächst unter Anleitung der Emotio). Grammatik ist das Zueinanderstellen der Begriffe und damit die Bemächtigung von Welt mittels Sprache als Verstand (12). Um es im Bild zu sagen: Worte sind die Fackeln, in deren Licht uns erst die Dinge erscheinen.


An dieser Nahtstelle tritt auch dasjenige hervor, was der Mensch als sein „Ich“ bezeichnet: Die Fähigkeit des Verstandes, Dinge als Wirkungsträger zu identifizieren, führt per se ipsum dazu, auch sich selbst, die eigene Person als Wirkungsträger und Handlungsmittelpunkt zu erkennen und unter einem eigenen Begriff zusammenzufassen: das „Ich“ als Träger und „Inhaber“ der Selbstwahrnehmung einschließlich des Fühlens wie der Datenspeicherungen des Verstandes.


Daher sollte denn auch die nochmals erhebliche Zunahme der Gehirnmasse des homo sapiens sowohl gegenüber den Primaten als auch gegenüber seinen eigenen Vorläufern (habilis und erectus) stammen; das Sprechen selbst (Broca- und Wernicke-Zentrum) und die eigenständigen Speicherungen von Verstand und Vernunft erfordern ihren eigenen Bereich.


Aus dieser Verbindung von Emotio und Verstand geht dasjenige hervor, was wir Fühlen nennen: die Übertragung emotionaler Bewertungen nun nicht mehr an die Eigenschaften von Dingen, sondern auf die Dinge selbst. Das sich durch den Verstand als Fiktion herausbildende „Ich“ bezieht die durch die Emotio vorbewerteten Empfindungen der Sinne wie der Organe auf diese „Zentrale“ und erschafft so unsere Gefühle.


Dies ist der Unterschied zwischen dem Empfindungsbewusstsein von Tieren, die diesen Empfindungen direkt ausgesetzt sind, und dem Fühlen des Menschen, der seine Empfindungen in der Reflexion der Emotio immer auch durch den Verstand erfährt.(13)

Ob und welchem Beurteilungszentrum – und damit auch Werte-Zentrum! – der Mensch folgt, hängt von seiner individuellen Vernetzung dieser Vermögen Emotio, Verstand und

Vernunft ab, die zum Teil geschlechtsbedingt ist, und sich teils aus der Anlage, teils aus der umweltbedingten Epigenese des Gehirns ergibt.


Tiere verfügen nicht über diese verstandesfingierte „Ich-Zentrale“, und so macht es keinen Sinn, ihnen Gefühle zuzusprechen; andererseits sind sie der Selbstwahrnehmung von Grundempfindungen der Emotio direkt ausgesetzt, also neben der emotionalen Konditionierung der Sinneswahrnehmung vor allem auch den sich notwendig in diese Emotio einspeisenden Parametern der Selbstwahrnehmung: Die lebenswichtigen Signale des Gesamtorganismus, um dessentwillen alle Wahrnehmung und Informationsverarbeitung entsteht, müssen sich natürlich auch in den jeweils neu erstehenden Vermögenszentren geltend machen, und so werden diese Bedürfnisse als Grundempfindungen in das neue Zentrum „durchgeschleift“.


Hunger, Durst, Sexualtrieb, Schmerz und Lust aus der Herübernahme der instinktiven Notwendigkeiten, aber auch eigenständige Grundempfindungen der auf der Emotio basierenden Lebensorganisation bilden so den Bestand des Empfindungsbewusstseins bei Tieren; denn insbesondere die auf Basis der Emotio möglich gewordene individuelle Kommunikation und Sozialisation einschließlich der ab diesem Stadium möglich gewordenen Tradition von Verhaltensweisen führen zur Ausbildung von gegenüber dem Instinkt eigenständigen Empfindungen. Dazu zählen alle Empfindungen, die für den Bestand einer funktionierenden Herdenorganisation zu erwarten sind: eine Empfindung der Zugehörigkeit und des Ranges, von „Mut“ und „Furcht“ (im Hinblick auf Herdenverteidigung und männliche Rivalität), aber auch Vorformen von Scham, Freude und

Verlustempfindungen.


Diese sich aus der tierischen Sozialisation ergebenden Empfindungen sind es, die häufig mit den menschlichen Gefühlen verwechselt werden, deren Basis sie sind. Diese Empfindungen bilden die Grundlage der Kooperation ebenso wie der Täuschung, verbunden mit der Fähigkeit zu Empathie und Sympathie: die Fähigkeit zur Nachempfindung und daraus folgender Mitempfindung.(14)


Von daher macht es sehr wohl Sinn, zwischen „Ich“ und „Selbst“ zu unterscheiden, wie wir dies für uns selbst als Menschen denn ja auch ganz spontan tun: Das je eigene „Selbst“ umfasst einen wesentlich größeren Bereich als das sich als steuernd denkende „Ich“ – das „Ich“ weiß, dass es aus einem rationalen „Selbst“-Verständnis stammt, und dass neben dieser Rationalität noch ganz andere Quellen der Selbstwahrnehmung wirken, die sich zwar in der Rationalität spiegeln, aber nicht aus dieser stammen. Es legt sich also quasi von selbst nahe, das Selbst mit der Empfindung und das Ich mit der Ratio zu verbinden.(15)


An dieser Stelle noch ein Wort zur so oft beschworenen „weiblichen Intuition“: es ist inzwischen allgemein anerkannte Tatsache, dass sich die körperliche Ausprägung von Mann und Frau nicht gleichen, und eben dies gilt auch für das Gehirn; in seiner embryonalen und epigenetischen Entwicklung wirken genetisch gesteuert andere hormonale Einflüsse auf das Gehirn der Frau ein (Östrogene) als beim Mann (Testosteron) und führen so zu einer unterschiedlichen Vernetzung. Insbesondere ist das Corpus callosum, die Verbindung der rechten und linken Gehirnhälfte, beim weiblichen Geschlecht wesentlich stärker ausgeprägt, sodass zwischen beiden Hälften ein wesentlich stärkerer Austausch stattfindet.


Das bedeutet aber gleichzeitig, dass die emotionalen Bestandteile des Bewusstseins sich wesentlich wirksamer geltend machen können als beim Mann, bei dem rationales und

emotionales Bewusstsein einer stärkeren Trennung unterliegen. Und so fließt der vorrationale Entscheidungsprozess der Emotio in die sich rational kristallisierenden Handlungen als „weibliche Intuition“ mit ein.


In der Übertragung der im Tierreich erworbenen Empfindungen an die Dinge der Welt (einschließlich seiner selbst) differenziert der Mensch seine reiche Gefühlswelt aus; alle Antinomien unseres Verstandes wie unserer Vernunft bis hin zu unserer Einteilung der Welt in Gut und Böse, Nützlich und Schädlich, Schön und Hässlich entstammen der Skalierung der Emotio: Der Anstieg unangenehmer sowie der Abfall angenehmer Konzentrationen wird als negativ bewertet und umgekehrt. Daraus wird auch klar, warum das „Schöne“ des Verstandes bei verschiedenen Völkern so unterschiedlich ausfallen kann; ist seine Konditionierung doch abhängig von den entsprechenden Umwelterfahrungen, also vom konkreten Lebensraum und dessen Bedingungen, die überwiegend die Lebensverhältnisse bestimmen: Klima, Fauna und Flora, und schließlich die eigene menschliche Zivilisation, die unter diesen Voraussetzungen entstand.


Unser stärkstes Gefühl, die Liebe, gründet zunächst auf der genetischen Verwiesenheit des Instinkts, von wo aus sie sich mit der Emotio in Anziehung von angenehmen und damit reizenden Eigenschaften verwandelt; der Verstand will diejenigen Dinge haben, die ihm als angenehm bzw. nützlich erscheinen, die Vernunft wiederum ersehnt einen Zustand, der ihr als „gut“ erscheint. Die Maxima dessen, was Emotio und erwachender Verstand als angenehm und nützlich erfahren, ziehen den Menschen am stärksten an.


Entstammen diese Dinge zunächst alle der Natur, verlagert sich diese Anziehung mit der durch Sesshaftwerdung und Arbeitsteilung zunehmenden Zivilisation auf selbstgeschaffene Gegenstände der Kultur. Der Inhaber solcher anziehenden und damit schönen Dinge erlangt durch diesen Besitz selbst Bedeutung – Macht und Schönheit gehen hier ihren bis heute anhaltenden Bund ein.


Und was der Mensch aus Liebe zum Angenehmen, Nützlichen und schließlich zum Idealen und Heiligen hervorgebracht hat, macht seine Welt erst lebenswert.



Teil 2 folgt in Kürze unmittelbar auf diesen Teil.


Über den Autor

Helmut Walther, Jahrgang 1947, wohnhaft in Nürnberg, langjährige Vorstandstätigkeit in der Gesellschaft für kritische Philosophie Nürnberg und der LudwigFeuerbach-Gesellschaft Nürnberg, Hauptredakteur der Zeitschrift „Aufklärung & Kritik“, Autor bzw. Webmaster diverser philosophischer Internetprojekte.



Anmerkungen

1 Die ZEIT, Ausgabe vom 22. August 1997, S. 34 2 Hervorhebungen durch den Verfasser.

2 Anders B. Schmidt S. 48, der eine „ausschließlich rationale“ Interpretation für möglich hält; s. dazu meine Rezension des Buches in Aufklärung & Kritik, 2/2008, S. 276 ff.

3 Crick, S. 32: „Nach modernen Maßstäben kann Freud kaum als Wissenschaftler betrachtet werden; vielmehr war er ein Arzt mit vielen neuen Ideen, die er überzeugend und ungewöhnlich gut formulierte. Er wurde zum Hauptbegründer des neuen Kults der Psychoanalyse.“

4 Gardner, S. 18 4a s. dazu A&K 2/2007 S. 275 ff. meine Rezension der Philosophie der Gefühle von Demmerling/ Landwehr (2007)

5 lat. emergere – sich zeigen, auftauchen, sich herausarbeiten; zur modernen Verwendung dieses Begriffes vgl. Vollmer, Auf der Suche nach Ordnung, S. 70 und Vollmer, Evolutionäre Erkenntnistheorie, S. 81/82: „Für Physiker, Chemiker, Kybernetiker, Systemtheoretiker und Gestaltpsychologen ist nämlich das Auftreten völlig neuer Systemeigenschaften durch die Vereinigung von Untersystemen etwas ganz Natürliches. ... Die Eigenschaften eines Systems können sich also wesentlich (qualitativ!) von denen seiner Teile unterscheiden. Diese Tatsache ist für einige der wichtigsten zur Zeit diskutierten Probleme relevant: für die Frage der Entstehung des Lebens, für das Reduktionsproblem (Rückführbarkeit der Biologie auf Physik und Chemie), für die Gestaltpsychologie (das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile), für die Evolution des Bewusstseins oder auch für psychophysisches Probleme. Leben Bewusstsein, Erkenntnisfähigkeit sind nämlich Systemeigenschaften und nur als solche verständlich.“

6 Informationsspeicherung hat die Natur schon mit dem Hervorbringen des Lebens selbst auf seiner vegetativen Stufe im Wege der DNA „gelernt“, doch stellt sie hier den „Individuen“ noch kein „Wissen“ zur Verfügung, sondern die Lebewesen „sind“ dieses Wissen.– Im übrigen lässt sich die kulturelle Evolution des Menschen mit all ihren „Fortschritten“ durchaus auch als eine solche Spezialisierung auffassen, die eventuellen Umweltveränderungen, möglicherweise auch selbst herbeigeführten, durchaus zum Opfer fallen kann im Gegensatz zu weniger „optimierten“ Generalisten. Anders ausgedrückt: auch die zunehmeInformationsverarbeitung durch den Menschen und deren Folgen kann sich als eine Form der überlebensunfähigen Spezialisierung erweisen, wenn sich durch natürliche oder zivilisatorische Faktoren die Umwelt in erheblichem Maße verändert (z.B. Klimaumbrüche).

7 vergl. de Waal, S. 50/51: „Entenküken und junge Gänse haben keine genaue Kenntnis ihrer Spezies, wenn sie auf die Welt kommen; sie nehmen in den ersten Stunden ihres Lebens entsprechende Informationen auf. Normalerweise geschieht dies, indem sie ihre Mutter beobachten und ihr folgen; es kann jedoch auch passieren, dass sie irgend ein anderes bewegliches Objekt als Anhaltspunkt wählen, wenn sie während der aufnahmebereiten Phase darauf stoßen.... Der Wissenschaft ist es ... gelungen, Vögel dazu zu bringen, Spielzeuglastwagen und bärtigen Zoologen zu folgen. Diesen Vögeln ist also weniger ein detailliertes Wissen über ihre Spezies angeboren, als vielmehr eine Neigung, sich dieses Wissen in einem kritischen Lebensstadium anzueignen.“

8 Es handelt sich bei der „Emotio“ um ein System, das nicht an einer einzelnen Stelle des Gehirns geortet werden kann, sondern verschiedene Strukturen miteinander verbindet und selbst wieder mit den über und unter ihm liegenden „Großsystemen“ verbunden ist. Zu ihrem Bestand zählt man subcortical etwa das limbische System, die Amygdala und cortical eigene repräsentierende Rindenfelder. Dieses Übereinander-Schichten von Großsystemen ist es, was zu einer steten Zunahme der Gehirnmasse und der Neuronenzahl führt; man kann darauf rechnen, dass immer dann, wenn der Evolution eine grundlegend neue Erfindung geglückt ist, dies mit einer solchen Zunahme Hand in Hand geht. Leakey/ Lewin, S. 257: „Betrachtet man die Geschichte des Lebens als Ganzes, dann erkennt man für die relative Gehirngröße eine interessante Gesetzmäßigkeit, die der Entstehung neuer biologischer Gruppen – von Amphibien über Reptilien bis zu den Säugetieren – übergeordnet ist. Bei jedem Schritt gibt es eine augenfällige Zunahme der Gehirngröße in Relation zum Körpergewicht. Sie stieg beispielsweise bei der Entstehung der Reptilien im Vergleich zu den Amphibien um das Vier- bis Fünffache an; einen ähnlichen Größenzuwachs beobachtet man auch beim Auftauchen der ersten Säugetiere vor 150 Millionen Jahren und nochmals bei der Entstehung der heutigen Säuger vor 50 Millionen Jahren. Mit anderen Worten: Jede größere entwicklungsgeschichtliche Neuerung war begleitet von einem erheblichen Anstieg der Gehirnkapazität.“

9 Poetisch bezeichnen wir das Feuern beider Schichten, vor allem wenn sie uns gegensätzliche Ergebnisse aufdrängen, etwa mit „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust ...“: Wir können zwischen voneinander abweichenden Urteilen von Ratio und Emotio oft nur schwer wählen. Aber auch noch dasjenige, was wir „Gewissen“ nennen, können wir aus dieser Sachlage ableiten: Wenn wir gegen konditionierte oder selbst erworbene Werte der Vernunft zugunsten von Werten aus Verstand oder Emotio verstoßen wollen, meldet sich in uns die „Stimme des Gewissens“ als Feuern jenes Wertezentrums, das eine höhere Akzeptanz verlangt als die vor ihm liegenden.

10 Auf linguistischer Ebene spricht man hier von „Hintergrundwissen“, das die Voraussetzung bildet, dass sich Menschen mittels Sprache verständigen können, und das durch neue Erfahrungen selbst wieder verändert wird.

11 Man denke etwa an den „Pawlowschen Hund“: Indem man ihm sein Fressen zugleich mit dem Glockenschlag vorsetzt, werden die positive Empfindung, die der Geruch der Nahrung auslöst, die Magensekretion und der Klang assoziiert mit der Folge, dass allein schon der Klang die Sekretion auszulösen vermag. Diese emotional assoziierende Speicherung von Sinnesereignissen liefert die Datenbasis für den Verstand, der die Einzelsinnesereignisse vereinigend auf einen Wirkungsträger als Ding zurückführt und als Gesamt unter dem „Begriff“ speichert.

12 Diese Definition steht in Übereinstimmung mit den Überlegungen des theoretischen Neurophysiologen William H. Calvin, S. 73: „Sprache ist das Hauptmerkmal menschlicher Intelligenz. Ohne Syntax – ohne systematisches Ordnen verbaler Ideen – wären wir nur wenig schlauer als ein Schimpanse.“

13 Wie ich zu meiner Überraschung herausfand, gehen Damasios Überlegungen (S. 353, Anm. 1) in eine ganz ähnliche Richtung: „Wie der Leser noch feststellen wird, unterscheide ich auch zwischen Gefühl (emotion) und Empfindung (feeling). In der Regel meine ich mit ‚Gefühl‘ eine Reihe von Veränderungen, die in Hirn und Körper stattfinden und gewöhnlich durch einen bestimmten geistigen Inhalt ausgelöst werden. Eine Empfindung ist die Wahrnehmung dieser Veränderungen.“ Allerdings ist der Wortgebrauch genau umgekehrt wie hier – offenbar weil das englische Sprachgefühl das nahelegt.

„feeling“ scheint der menschlichen Ratio näher zu stehen als „emotion“; hingegen kann der Deutsche zwar sagen: „ich fühle mich wohl“, nicht aber, „ich empfinde mich wohl“. Daher scheint mir im Deutschen der Begriff „Gefühl“ der Ratio näher zu stehen als der Begriff „Empfindung“: Das Empfinden ist ein unpersönlicherer und der individuellen Selbstwahrnehmung fernerstehender Begriff als das Fühlen. Hingegen stammt der Begriff „emotion“/Emotion vom lat. emovere (herausbewegen, entfernen, erschüttern); interessant ist dabei auch die Wortbedeutung „mens emota“ = verrückt... Als Emotion wird man daher am besten das eigenständige Ergriffenwerden von der direkten und/oder durch den Verstand reflektierten Schwankung jenes Potentiometers bezeichnen, das die entsprechenden hormonellen Ausschüttungen an Glutamin, Serotonin, Dopamin („Neurotransmitter“) u.a. abgreift. Was hier als „emotionale Bewertung und Speicherung“ bezeichnet wird, beschreibt Damasio mit dem Konzept der „somatischen Marker“. Die hier vorgetragene Auffassung zum Fühlen steht in ihrer Grundkonzeption und den daraus folgenden Grundaussagen sowie auch sonst in weiten Bereichen mit diesem in Übereinstimmung. Dies gilt allerdings nicht für das Konzept von „Geist“ und „Denken“, welche Begriffe Damasio im Gegensatz zur hiesigen Definition bereits für tierische Bewusstseinsformen verwendet. Denken und Gedanken sind m.E. aber untrennbar mit der Ding-Erkenntnis und damit mit Verstand und Sprache verbunden, wohingegen höhere Tiere m.E. „nur“ über nonverbale Vorstellungen von Eigenschaften von Dingen verfügen. Da Dinge ohne den die Eigenschaften zusammenfassenden Begriff des Verstandes nicht vorhanden sind, kann es auf dieser Ebene weder Zeit noch rationale Kausalität noch Denken geben: Jeder Gedanke ist eine Verbindung von mehreren verbalen Begriffen, erst mit Sprache wird die Welt durchsichtig für den „Geist“. In diesem Zusammenhang auf die menschenähnlichen Leistungen des Affengehirns hinzuweisen, macht in meinen Augen wenig Sinn: die Vorläuferschaft der Menschenaffen ist ja allseits anerkannt, und so wäre doch nur der Umstand verwunderlich, wenn deren Gehirn solche Leistungen nicht erbringen würde. Die Menschenaffen stehen uns zu nahe, als dass wir das Neue des Verstandes an ihnen erkennen könnten, weil wir uns in den Übergangsformen stets selbst wiedererkennen. Sinnvoller wäre es m.E., zunächst solche Säugetierarten verstehen zu lernen, die noch nicht über solche Vorformen von Verstand verfügen, weil sich dann die Unterschiede deutlicher zeigen lassen. Wenn wir Affen (wie etwa „Kanzi“) durch lehrendes Einwirken in den Reaktionsstand eines zweijährigen Menschenkindes versetzen können, zeigt das ja nur, dass hier eine verstandesähnliche Potenz zwar bereits vorliegt, die jedoch noch nicht aktiv genutzt werden kann.

14 vergl. de Waal, S. 57f.; m.E. beruhen die meisten anthropomorphen Verwechslungen zwischen tierischer Empfindung und menschlichem Gefühl auf einer ungenügenden Unterscheidung von tierischer und menschlicher Empathie und Sympathie; weil es auf den ersten Blick so aussieht, als ob etwa unser Hund fast ebenso „fühlt“ wie wir selbst, unterstellen wir ihm auch unsere eigenen Motive anstatt zu sehen, dass sich sein Nach- und Mitempfinden als Grundlage der Kooperation einer Wolfshorde entwickelte.



Literatur

Calvin, William H.: Die Entstehung von Intelligenz, in Spektrum der Wissenschaft, Spezial 3: Leben und Kosmos, S. 70 ff.

Crick, Francis: Was die Seele wirklich ist – Die naturwissenschaftliche Erforschung des Bewußtseins, Rowohlt TB Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg Juni 1997.

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