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Ohne Umwege zum Glück!?

Aktualisiert: Juli 24

Was ist Glück? Laut Duden eine günstige Fügung des Schicksals - oder eine angenehme und freudige Gemütsverfassung.


Leider sind Glückszustände nicht von Dauer. Ein Leben lang wechseln sich Hochs und Tiefs ab. Glück als Lust (nicht im erotischen Sinn, sondern als ein intensives positives Erleben) ist flüchtig. Dennoch: Die Hoffnung langfristig glücklich zu werden, erweist sich als hartnäckig - und als trügerisch.


Kann Glück das oberste Ziel im Leben sein? Ja, meint Thomas von Aquin, denn:


„Die Glückseligkeit [..] ist das letzte Ziel, das der Mensch von Natur aus begehrt“.

Aber: Ist es Erfolg versprechend, das Glück zum Letztziel im Leben zu machen und direkt anzupeilen - oder ihm gar nachzulaufen? Nein, wenn es nach dem österreichischen Psychiater und Philosophen Viktor Frankl geht. Für ihn ist diese Art des Suchens zum Scheitern verurteilt. Warum? Weil der Grund fehlt, als dessen Folge sich die Lust und das Glück von selber einstellt. Glück ist nicht das Ziel, sondern das Ergebnis. Einfacher ausgedrückt: Um glücklich zu sein bedarf es eines Anlasses. Klingt zunächst trivial! Aber Frankl geht weiter:


„Was der Mensch wirklich will, ist letzten Endes nicht das Glücklichsein an sich, sondern ein Grund zum Glücklichsein.“

Man kann das Glück nicht direkt ansteuern, sondern nur den Anlass.


Warum jemand ein glückliches Leben führen möchte, ist für den Philosophie-Professor Michael Bordt keine sinnvolle Frage. Warum? Weil es darauf keine sinnvolle Antwort geben kann. Das glückliche Leben ist der Endpunkt dessen, was all unserem Wollen zugrunde liegt. Es wird um seiner selbst willen angestrebt.


Glück ist das Resultat sinnvollen Handelns. Man möchte tiefe, vertrauensvolle Freundschaften und Liebesbeziehungen führen, weil sie eine Voraussetzung (Mittel) für ein glückliches Leben (Ziel) sind. In dem Ideal des glücklichen Lebens findet die Mittel-Ziel-Relation ihren Abschluss. Es wäre Unsinn zu sagen „Ich möchte glücklich sein, um glücklich zu sein“.


In eine ähnliche Richtung weist Emmanuel Levinas. Für ihn besteht das Glück


„[…] in der Freude oder der Mühe zu atmen, zu schauen, sich zu ernähren, zu arbeiten“.

Man kann ergänzen: zu lieben, zu geben, mit Dankbarkeit anzunehmen oder - wieder mit den Worten Viktor Frankls - „sich einer sinnvollen Aufgabe zur Verfügung zu stellen“. Frankl unterstellt dem psychisch gesunden Menschen einen Willen zum Sinn. Der ist nichts anderes, als der Wille, sich selbst zu verwirklichen. Doch für die Selbstverwirklichung gilt das gleiche wie für das Glück - man kann sich nicht auf direktem Weg annähern. Es gelingt nur über die Biegung hin zu einer Sinn stiftenden Aufgabe sowie der Hinwendung zum anderen Menschen. Damit weist der Mensch prinzipiell über sich selbst hinaus. Er darf bei dem Versuch glücklich zu werden, nicht bei sich selbst und seinen eigenen Bedürfnissen stehen bleiben.


Das deckt sich mit Erkenntnissen der Glücksforschung: Das Individuum kann nur in der Gemeinschaft, z.B. in Partnerschaften oder Freundschaften, glücklich werden. George E. Vaillant als Leiter der seit 1967 laufenden Grant-Studie, vertritt in einem Interview die These:


„Eine gewisse Ordnung der Umgebung und der Umstände gehören zum Glück, und dazu Menschen, die man liebt und die einen lieben.“

Eigentlich kein Hexenwerk - zumindest in der Theorie.






Literatur

Levinas, Emmanuel: Totalität und Unendlichkeit, 5. Auflage, Verlag Alber, Freiburg 2014.

Frankl, Viktor E.: Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn, 24. Auflage, Piper Verlag, München 2011.

Frankl, Viktor E.: Sinn als anthropologische Kategorie, 2. Auflage, Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg 1998.

Thomas von Aquin: Summa contra gentiles, 4. Auflage, Lambert Schneider Verlag, Darmstadt 2013.

Vaillant, George E.: Der weite Weg zum Glück, Interview vom 28.03.2015, https://sz-magazin.sueddeutsche.de/wissen/der-weite-weg-zum-glueck-81077 (Stand 08.07.2019).


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