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Philosophisches Häppchen vom 02.08.2021

Aktualisiert: Aug 6

Zeit für eine Liebeserklärung - an das Schreiben mit einem Füllfederhalter und das, was die Schweizer treffend Schnürlischrift nennen.


Was ist daran beglückend? Der gleichmäßige Fluss der Tinte, das sanfte Geräusch der Feder und die Einzigartigkeit des Schriftbildes. Wenn es darum geht, Gedanken zu Papier zu bringen, ist der Füller für viele Menschen das bevorzugte Schreibgerät. Es mag überraschen, die Liebe zum Schreiben berührt am Rande die Frage nach dem guten und gelungenen Leben (eudaimonia).



Immer schön der Reihe nach


Ständig tut der Mensch etwas: Er schläft, isst, schreibt einen Blog-Beitrag oder entspannt sich vor dem Fernseher. Von außen betrachtet, fällt die zeitliche Verknüpfung dieser Tätigkeiten auf. Aus der Perspektive des jeweiligen Individuums stellt sich der Ablauf komplexer dar. Sämtliche Handlungen stehen in einer teleologischen Abfolge. Sie sind auf ein übergeordnetes, größeres Ziel (telos) hin geordnet.


„Wir tun Dinge, weil wir andere Dinge tun wollen.“ (Michael Bordt)

Vielleicht haben sie heute ausgiebig gefrühstückt, um gestärkt in ein Bewerbungsgespräch zu gehen. Sie tun das, um beruflich weiterzukommen, was wiederum die Voraussetzung für ihren materiellen Wohlstand ist usw.


„Das Ziel lässt einem verstehen, warum man sich für das Mittel entscheidet.“ (Bordt)

In Anlehnung an Aristoteles nennt Michael Bordt drei verschiedene Mittel-Ziel-Relationen:


1.) Die Handlung dient ausschließlich der Erreichung eines Ziels.

2.) Die Handlung erfolgt um ihrer selbst und um des Zieles willen.

3.) Die Handlung ist ein integraler Bestandteil Ihres Ziels.



Die Verbindung zur Handschrift


zu 1.) Sie notieren einen Gedanken per Hand (oder Computer), um ihn nicht zu vergessen.

zu 2.) Sie genießen zwar den Akt des Schreibens, trotzdem steht das Bewahren des Gedankens im Vordergrund.

zu 3.) Sie lieben es, mit einem Füller zu schreiben… unabhängig davon, ob es etwas zu notieren gibt. In diesem Fall ist das Schreiben Mittel und Ziel zugleich; es ist reiner Selbstzweck.


Der Autor dieses Beitrages zieht regelmäßig aus Freude am Schreiben Linien auf dem Papier - mit einem Füller. Für ihn hat diese Beschäftigung eine meditative Komponente, die ihn in einen Flow-Zustand versetzt. Es handelt sich um einen Mosaikstein, der zu seinem Wohlbefinden und dem, was er ein angenehmes Leben nennt, beiträgt.


Handlungen, die ihr Ziel in sich selbst haben, sind Ruhepunkte in einem Leben, das ansonsten hauptsächlich von der Erreichung des nächsten Etappenziels bestimmt ist. Deshalb sind Tätigkeiten, die um ihrer selbst willen stattfinden wertvoll.


Der Autor ist zudem der Meinung, dass ein mit Tinte geschriebener Text das Auge des Lesers erfreut. Wer es nicht glaubt, vergleiche das Schriftbild eines Füllers mit dem eines Kugelschreibers.


Allerdings muss unser Autor akzeptieren, dass sein Text am Ende durch eine Tastatur den Weg in die Weiten des Internets findet.


Hinweis: Das Fragen nach dem Warum von Handlungen kommt mit dem gelungenen Leben zum Ende. Es gibt nämlich keine sinnvolle Antwort, warum man ein solches führen möchte.





Literatur

Aristoteles: Nikomachische Ethik, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 4. Auflage, Hamburg 2006.

Bordt, Michael SJ: Philosophische Anthropologie, Vorlesung Wintersemester, München 2011/12.


Musik-Tipp



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