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Schöner Wohnen mit Heidegger

Das Wohnen kommt vor dem Bauen - sagt Martin Heidegger. Da könnte man auch behaupten, dass das Essen vor dem Kochen kommt. Aber Heidegger hat gute Argumente.


Mit der ihm eigenen mystisch anmutenden Sprache präzisiert Heidegger:


„Wir wohnen nicht, weil wir gebaut haben, sondern wir bauen und haben gebaut, insofern wir wohnen, d.h. als die Wohnenden sind.“

Am Anfang der Menschheitsgeschichte war das Be-Wohnen der Erde. Gebäude entstanden erst Jahrtausende später. Damit geht Heideggers Auslegung über das alltägliche Verständnis des Wohnens im Sinne einer Behausung hinaus. Für ihn ist Wohnen der Vollzug des Mensch-Seins, des Auf-der-Welt-Seins, des Existierens.


„Mensch sein heißt: als Sterblicher auf der Erde sein, heißt wohnen.“ (Martin Heidegger)


Der Mensch ist, insofern er baut


Heidegger dreht die Schraube einen Tick weiter und setzt das Wohnen mit dem Bauen gleich. Daraus ergibt sich die Gleichung: Auf-der-Welt-sein = Dasein (Da-sein) = Wohnen = Bauen.


Er stützt sich auf die Etymologie des Wortes Bauen. Das althochdeutsche Verb bauen „buanbedeutet wohnen, was gleichbedeutend ist mit bleiben oder sich aufhalten. Buan steht in enger verwandtschaftlicher Nähe zu dem Wort „bin“ (ich bin, Du bist) und damit zum Sein.


„Die Art wie du bist und ich bin, die Weise, nach der wir Menschen auf der Erde sind, ist das Buan, das Wohnen.“ (Martin Heidegger)


Zwischen Himmel und Erde


Erde, Himmel, Göttliches und Sterbliches bilden für Heidegger eine ursprüngliche Einheit. In diesem Geviert ist der Mensch wohnend beheimatet.


„Die Erde ist die dienend Tragende […]. Sagen wir Erde, dann denken wir schon die anderen Drei mit, doch wir bedenken nicht die Einheit der Vier.“ (Martin Heidegger)

Heidegger belässt es im Rahmen des Darmstädter Gesprächs aus dem Jahr 1951 nicht bei seiner sperrig formulierten Theorie. Er kredenzt den philosophisch fachfremden Zuhörern eine verdaulichere und mit dem Alltagsverstand in Einklang stehende Erklärung:


„Das Wesen des Bauens ist das Wohnenlassen [sic]. Der Wesensvollzug des Bauens ist das Errichten von Orten durch das Fügen ihrer Räume. Nur wenn wir das Wohnen vermögen, können wir bauen.“

Nur wer weiß, wie man wohnt, ist in der Lage zu bauen. Heidegger versteht unter Vermögen die Fähigkeit des Menschen, an die jeweilige geografische und klimatische Situation angepasste Bauten zu errichten.



Schwarzwälder Baukunst


"Grau, teurer Freund, ist alle Theorie." (Goethe). Deshalb skizziert Heidegger für die Anwesenden einen typischen Schwarzwaldhof. Das Vermögen bewirkt, dass er an einem windgeschützten Hang entsteht. Es stattet ihn mit einem weit ausladenden Schindeldach aus, das die Schneelast trägt und die Bewohner vor winterlichen Stürmen schützt. Es hat den Herrgottswinkel über dem gemeinsamen Esstisch nicht vergessen. Es gibt ein Kindbett und einen Totenbaum. Das Vermögen berücksichtigt die verschiedenen Lebensalter und ihren Gang durch die Zeit. Zugleich wird dem Göttlichen die Ehre erwiesen.


Das durch Vermögen entstandene Gebäude ist funktional. Die Konzentration auf naturgegebene Herausforderungen führt aber zu wohlproportionierten Formen mit einer für die jeweilige Region typischen Ästhetik. Dem Trend zu Pseudo-Toskana-Häusern in der Norddeutschen Tiefebene hätte Heidegger vermutlich verachtet.



Die Wirkung von Gebäuden


Das Gebäude hat über seine Funktion hinaus eine Wirkung auf die Umwelt. Es ist ein nicht zu ignorierender Gegenstand. In seiner physischen Präsenz ist ihm eine Ausstrahlungskraft gegeben, die nach außen und nach innen wirkt. Es lässt weder die vorbeigehenden Betrachter noch die Bewohner unbeteiligt. Architektur ist im Wesenskern immer auch öffentlich.


„Häuser mögen zwar auf privaten Grundstücken stehen, sie wirken allerdings so gut wie immer auf die ein oder andere Weise in den öffentlichen Raum und auf andere private Grundstücke ein.“ (Martin Düchs)

Daraus ergibt sich eine widersprüchliche Situation: Es geht um Abgrenzung und um Einlassung mit der Umgebung. Ein Gebäude ist eine physische Barriere, die Außenstehende von Bewohnern trennt. Dennoch ist es ein Gegenstand der Interaktion. Wer hat noch nie neugierig über den Zaun eines Grundstückes gespäht?



Sprechende Gebäude

Christian Illies modelliert und variiert Heideggers Gedanken: Ein Gebäude ist ein sicht- und

greifbarer Ausdruck der Persönlichkeit des Architekten oder Bauherrn. Es eine Weltsicht aus und kommuniziert diese durch seine Form. Im Bauen und in der Weise, wie der Mensch den gebauten Raum belebt, d. h. bewohnt, spiegelt sich, wie er die Wirklichkeit versteht und was er für sinn- und bedeutungsvoll erachtet.


Ein Gebäude kann durch seine Architektur einen Machtanspruch demonstrieren oder sich unauffällig in die Landschaft fügen. Im Idealfall ist es ein Gegenstand der Begeisterung, die gleichermaßen diejenigen erfasst, die sich darin aufhalten und diejenigen, die von außen für ästhetische Signale empfänglich sind.


Jedes Gebäude „spricht“ zu seinem Betrachter. Aber was sagt es und auf welche Weise?


„[Es] ist durchaus eine sonderbare Sprache, mit der wir es zu tun haben: Sie wird von wenigen Menschen verstanden, und von noch weniger gesprochen. Ein Gehör für die Sprache der Architektur muss erst erworben werden.“ (Christian Illies)

Wer ein Gebäude betrachtet oder bewohnt, ist automatisch beteiligt. Im Fall einer gelungenen Architektur entsteht beim Betrachter der Wunsch, hinter die Fassade blicken zu können, aus der Binnenperspektive des Bewohners ist es das gewinnbringende Gefühl, gut aufgehoben zu sein.




Architektur und Philosophie


Christian Illies schlägt eine Brücke zwischen der Architektur und der Philosophie. Es handelt sich um zwei Disziplinen, die scheinbar wenig miteinander zu tun haben. Langsam setzt sich sich die Erkenntnis durch, dass alle lebensweltlich bewegenden Themen zugleich eine philosophische Dimension haben.


Aus gutem Grund gibt es die Architekturphilosophie. Laut Martin Düchs eine in der Entstehung befindliche Disziplin.


„Dies ist erstaunlich, da beide Disziplinen am ‚guten Leben‘ des Menschen und der Gesellschaft ein Interesse haben und sich beide ähnlich grundlegende Fragen nach dem Mensch, dem Guten und dem Schönen stellen.“ (Martin Düchs)

Wer bei diesen Zeilen an Sokrates und Platon denkt, liegt richtig. Die beiden haben als erste griechische Philosophie-Prominenz den Scheinwerfer auf das gute und gelungene Leben gerichtet.


Für Wilhelm Vossenkuhl ist Architektur eine gesellschaftsrelevante Aufgabe. Denn ohne gut gestaltete Gebäude kann es keine gut funktionierenden und lebensfähigen Gemeinschaften geben.



Architektur als Teil des gelungenen Lebens


Gebäude sind auf mannigfaltige Weise in unser Leben eingewoben. In ihnen spiegeln oder erklären sich auch gesellschaftliche Bedingungen und Entwicklungen. Es geht deshalb auch um eine Ethik der Architektur, denn Bauwerke sind moralisch nicht stumm. Sie verkörpern (im wahrsten Sinn des Wortes) und befördern Werte und zwar unabhängig von ihrer Funktion und ihrem Gebrauch. In diesem Zusammenhang kann man auch von einer Philosophie der Architektur sprechen.


Wer plant und baut, braucht eine Vorstellung vom Wohnen und von den Menschen, für die er baut, den:


„Das Wohnen ist der Grundzug des Seins, demgemäß die Sterblichen sind.“ (Heidegger)



Literatur

Heidegger, Martin: Mensch und Raum. Das Darmstädter Gespräch 1951, Verlag Vieweg, Braunschweig 1991.


Düchs, Martin: Ästhetik: Architektur. Eine Kartierung, aus: Heft 2/2015, in: https://www.information-philosophie.de/?a=1&t=8302&n=2&y=1&c=2 (Stand 27.01.2021).

Illies, Christian: Architektur als Philosophie - Philosophie der Architektur - Essay, in: https://www.bpb.de/apuz/31932/architektur-als-philosophie-philosophie-der-architektur-essay (Stand 27.01.2021)


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