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Scham: Ein elendes Gefühl? Teil 1

  • Autorenbild: fowlersbay
    fowlersbay
  • 19. Juli
  • 3 Min. Lesezeit

„Schämst Du Dich denn gar nicht?“ Ohne zu zögern, reagiert unser Gastautor, der Schwarze Peter, mit einem entschiedenen „Nein“. Ihm ist nämlich nicht klar, was sich hinter dem nebulösen Begriff „Scham“ genau verbirgt.



Da es sich bei der Scham um ein facettenreiches und komplexes Gefühl handelt, schreitet der Schwarze Peter schnurstracks zu seiner Bibliothek. Irgendwer wird sich zu dem Thema schon mal Gedanken gemacht haben. Schnell merkt er, dass der Beitrag der akademischen Philosophie überschaubar ist. Seltsam, immerhin berührt die Scham die Frage nach dem gelungenen Leben (eudaimonia). Das wiederum ist Gegenstand der philosophischen Anthropologie.

 

Das „Philosophische Wörterbuch“ lässt ihn wenigstens wissen, dass es sich um eine Gefühlsregung handelt, die meist von vegetativen Störungen wie Erröten oder Herzklopfen begleitet wird. Psychologisch wird die Scham mit ihren körperlichen Symptomen als Abwehr gegen das Eingreifen in die persönliche Intimsphäre gedeutet.

 

 

Scham 1-2-3

 

Inga Römer bezeichnet die Scham als eine affektive Mangel-Erfahrung mit einer klaren Grundstruktur:

 

Jemand (1) schämt sich für etwas (2) vor jemandem (3)

 

Damit hat der Schwarze Peter eine Startrampe für seine Recherche. Dank eines universal gebildeten Freundes wurde er auf den Schamforscher Stephan Marks aufmerksam. Was es nicht alles an Berufen gibt, denkt sich unser Philosoph. Besagter Marks ist der Meinung, dass wir vieles tun, um die Scham nicht fühlen zu müssen.

 

„Scham ist das Gefühl, das Thema unserer Zeit. Es ist überall und wir tun so, als gäbe es sie gar nicht. Das ist erstaunlich.“

 

Dabei unterscheidet Stephan Marks 4 Unterarten:

 

1.) Scham als Folge von Missachtung oder Exklusion.

 

2.) Scham als Resultat eines tatsächlichen oder vermeintlichen Ehr- und Gesichtsverlustes („Was denken die anderen über mich?“).

 

3.) Scham, weil etwas seelisch oder körperlich Privates öffentlich wird. Bei der Intimitäts-Scham werden Grenzen verletzt.

 

4.) Scham aufgrund des Bewusstseins, eigene Werte und Moralvorstellungen verletzt zu haben (Gewissens-Scham). Wer beispielsweise gegen die Legalisierung der Leihmutterschaft argumentiert, um kurz darauf seinen Nachwuchs in den USA austragen zu lassen, agiert moralisch fragwürdig. Vielleicht meldet sich das schlechte Gewissen in Form eines unbestechlichen Blicks, dem der Betroffene ausweichen will – verbunden mit dem Gefühl des Durchschaut-seins (Täter-Scham).



Langsam dünkt unserem Philosophen, dass die Scham trotz aller Tabuisierung eine wichtige Funktion erfüllt. Als emotionale Kontrollinstanz sichert sie das Zusammenleben, indem sie das Verhalten regelt. Im Idealfall verhindert sie Achtungsverlust und die Gefahr, durch „Fehlverhalten“ aus der Gemeinschaft ausgeschlossen werden.

 

„Eine gesunde Schuld- und Schamentwicklung fördert unsere Fähigkeit, gute Beziehungen zu führen und uns gut in Gemeinschaften bewegen zu können.“

 

Für Robert Pfaller hängt die Intensität des Schamgefühls stark von einer verinnerlichten Instanz ab, die über die Einhaltung sozialer Konventionen wacht.

 

„Schäme ich mich, schäme ich mich für mich und nicht für etwas – allerdings stets im Verhältnis zur vorherrschenden Norm.“ (Ann Esswein, Sebastian van Vugt)

 

Oder mit den Worten des Soziologen Georg Simmel:

 

„Indem man sich schämt, fühlt man das eigene Ich in der Aufmerksamkeit hervorgehoben und zugleich, dass diese Hervorhebung mit der Verletzung irgendeiner Norm […] verbunden ist.“

 

Die Scham ist eine Grundemotion des Menschen, die in unterschiedlichen Ausprägungen über alle Kulturen hinweg existiert. Deshalb ist es verlockend, sie im Privaten und Politischen zu instrumentalisieren (Birgit Stratmann). Auch für den Soziologen Norbert Elias hat die Scham als Selbstkontrolle ein disziplinierendes Potenzial, das Herrschende nutzen können, um die Gesellschaft zu strukturieren und Regeln vorzugeben.

 

 

Die Lust an der Scham

 

Eine weitere Ausprägung der Scham beschreibt der Philosoph Robert Pfaller. Ihm zufolge leben wir in einer Pseudo-Schamkultur. Immer häufiger wird die Beschämung schamlos mit einem kaum verhohlenen Stolz ausgelebt. So wird aus freien Stücken über die eigene Flug-, Fleisch- oder Autoscham geredet. Hinzu kommt, dass es en vogue ist, andere für deren Fehlverhalten anzuprangern, statt den Versuch zu unternehmen, sich wechselseitig die Scham zu nehmen. Pfaller spricht von einer Kultivierung von Schambekenntnissen und Schamaufforderungen.

 

„Heute ist die Scham eine Maske eines verhohlenen oder sogar leicht unverhohlenen Stolzes oder eines Gefühls der Überlegenheit.“

 

In diesem Fall schämt man sich für andere oder anstelle anderer (Fremdscham). Die anderen sind peinlich, während man selbst froh ist, fein empfinden zu können und sensible Gefühle für die Peinlichkeiten der anderen zu besitzen. Die Scham dient der Distinktion.

 

Im nächsten Teil dieses Beitrags über die Scham widmen wir uns dem Soziologen Stephan Marks und seiner Forschung über die Scham, die den Menschen im Innersten verletzten kann.

 

 

Literatur

Bennent-Vahle, Heidemarie: Wir brauchen ein gesundes Schamgefühl, Interview von Birgit Stratmann, https://ethik-heute.org/wir-brauchen-ein-gesundes-schamgefuehl/ (abgerufen am 19.07.2026).

Esswein, Ann u. van Vugt, Sebastian: Jenseits der Scham dann das Paradies?, in: Deutschlandfunk vom 23.11.2025, https://www.deutschlandfunk.de/scham-schuldgefuehl-psychologie-emotion-selbstwert-peinlich-100.html (abgerufen am 19.07.2026).

Pfaller, Robert: Schamlose Scham, Interview von Catherine Newmark, in: Deutschlandfunk Kultur vom 03.07.2022, https://www.deutschlandfunkkultur.de/scham-flugscham-fremdschaemen-pfaller-100.html  (abgerufen am 19.07.2026).

Marks, Stephan: Scham – Die tabuisierte Emotion, 8. Auflage, Patmos Verlag, 2021.

 

 
 
 

1 Kommentar


fraenkibr
04. Aug.

Das hast du mit den Worten anderer Denker und deinen gut aufgezeigt

Ein universal denkender Freund


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