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Die Sehnsucht nach der Maske

Aktualisiert: 3. Aug 2020

Die meisten Menschen haben sich mit der Maske arrangiert. Etliche wollen sie gar nicht mehr abnehmen. Sie genießen die Anonymität und die Intimität, die diese Verschleierung bietet.



Unser Philosoph erinnert sich an Reisen in ferne Länder. Mit einem leeren Koffer fuhr er los, mit einem vollen kam er zurück. Seine Wohnung war voll mit Souvenirs. Exotische Masken hatten es unserem „Mann von Welt“ angetan. Irgendwann war Schluss mit der Sammelleidenschaft und der Vorliebe für Masken. Sie spielten fortan keine Rolle im Leben unseres Philosophen - bis zu Corona.


Jetzt trägt der Schwarze Peter eine Maske - widerwillig. Die profanen aus Stoff oder Papier haben jedoch keine Ähnlichkeit mit ihren kunstvoll geschnitzten Verwandten. Sie dienen dem Schutz der Gesundheit. Sie haben keine kulturelle oder spirituelle Funktion. Eines verbindet beide Varianten: Sie verhüllen das Gesicht und verbergen das Antlitz des Trägers.


Unser Philosoph will die Debatte über die Maskenpflicht nicht befeuern. Er hält die Maßnahme derzeit für sinnvoll. Was ihn überrascht: Immer mehr Menschen haben sich in Windeseile daran gewöhnt. Sie empfinden den Mund-/Nasenschutz nicht als Einschränkung. Neben der Sorge um die eigene Gesundheit oder das Wohlergehen Nahestehender, scheint es einen Mehrwert zu geben. Welchen?



Das Recht auf eine Maske


Er richtet seinen gedanklichen Scheinwerfer auf die entlastenden Aspekte des Tragens einer Maske. 1924, lange bevor diese zur Pflicht wurde, hat der deutsche Philosoph und Soziologe Helmuth Plessner von dem Recht auf Maskierung gesprochen.


Die „Pflicht zu“ ist auch ein „Recht auf“. Interessante Perspektive, denkt sich unser Philosoph. Er folgt dieser Spur. Schnell wird ihm klar - Plessner verwendet den Begriff Maske im übertragenen Sinn. Gemeint ist die immaterielle Maske der sozialen Rolle - die Mimik.



Die Grundkräfte des seelischen Lebens


Der Mensch will gesehen werden, wie er seinem Wesenskern nach ist. Zugleich entzieht er sich dem vollständigen Erkennen durch sich und durch andere. Dem Drang nach Offenbarung steht das Bedürfnis nach Privatheit gegenüber. Kurz gesagt, es geht um den Antagonismus von Geltungsbedürfnis und Scham.


„Der sichtbare Zorn, die sichtbare Trauer, der sichtbare Widerwillen, das ganze offenkundige Zeigen seelischen Gehaltes […] verrät immer zu viel und verrät deshalb die ganze Seele.“ (Plessner, GdG 71).

Das leuchtet unserem Philosoph ein. Deshalb sollen ausschließlich die engsten Freunde sein Innerstes, sein „wahres Gesicht“, sehen. In allen anderen Lebensbereichen bestimmen Nützlichkeitserwägungen sein Verhalten und seinen mimischen Ausdruck.



Die öffentliche und die private Rolle


„Das Individuum muss sich zuerst eine Form geben, in der es unangreifbar wird, eine Rüstung gleichermaßen, mit der es den Kampfplatz der Öffentlichkeit betritt.“ (Plessner, GdG 82)

Plessner versteht unter Rüstung den mimischen Ausdruck, der dem Einzelnen im Umgang mit anderen eine Rollenanonymität verleiht. Er unterscheidet zwischen Privatperson und öffentlicher Person. Je nach Kontext verallgemeinert und objektiviert sich der Mensch durch eine Maske, hinter der er graduell verschwindet, ohne sich als Person aufzulösen.


Das Mienenspiel als „Maske“ hat eine soziale Funktion. Es fungiert als Schnittstelle (inter-face) zwischen dem Innenleben und der Außenwelt. Mit den Worten von Gustav Seibt:


„Bevor wir uns eine künstlich gefertigte Maske aufsetzen oder einen Mund- und Nasenschutz überstreifen, tragen wir schon eine andere, weniger sichtbare Maske.“

Dem Schwarzen Peter dämmert, wo die gedankliche Reise hingeht: Die immaterielle Maske ist das mimische Rüstzeug des Rollenspielers. Beispiel gefällig? Unser Philosoph wurde lange vor Corona bei einem Rotlichtverstoß ertappt. Kurz vor Mitternacht hat er mit seinem Fahrrad auf einsamer Straße eine noch einsamere Ampel übersehen. Mit einem strengen, der Amtswürde angemessenen, Gesichtsausdruck hat ihm der Polizist den Strafzettel in die Hand gedrückt. Vielleicht hätte der Polizist nach Dienstschluss wegen der Geringfügigkeit des Vergehens gelächelt. Unserem Philosophen war bewusst, dass der Polizist als Rollenträger nicht anders handeln konnte.


„Im öffentlichen Leben durchschaut jeder den anderen, allerdings nicht so sehr darin, wie er ist, als was er will, denn die individuelle Menschlichkeit ist hinter der Maske verschwunden, nur noch die irreale Funktion bleibt im wesentlichen wirksam.“ (Plessner, GdG 102)

Vom Nutzen der Maske


Die Maske - ab jetzt ist das Stück Stoff gemeint, das Mund und Nase verdeckt - entlastet den Träger von jeglicher Anstrengung, eine rollenadäquate Miene zu machen. Die Maske ist für das Individuum, egal ob in der privaten oder geschäftlichen Rolle, ein entlastendes Distanzmittel. Die Maske erleichtert das Nicht-zu-nahe-treten und das Nicht-zu-offen-sein.


Zurück zu Corona: Selbstverständlich ist es unserem Philosophen lästig, bei jedem Einkauf eine Maske aufzusetzen. Er beklagt den Verlust an Ausdrucksmöglichkeit. Er kann nur über das gesprochene Wort und die Augen kommunizieren. Er hat aber die Erfahrung gemacht, dass diese Reduktion entlastend wirkt. Wenn er schlecht gelaunt ist, muss er gegenüber dem Verkaufspersonal kein aufgesetzt freundliches Gesicht machen - was auch umgekehrt gilt.


Der Schwarze Peter ist dennoch irritiert - und besorgt. Wird das Tragen von Masken über die aktuelle Pandemie hinaus zum Normalzustand? Ein Blick nach Asien stärkt diese Vermutung.


Mit Plessners Worten:


„Die erzwungene Ferne von Mensch zu Mensch wird zur Distanz geadelt, die beleidigende Indifferenz, Kälte und Roheit des Aneinandervorbeilebens durch die Formen der Höflichkeit, Ehrehrbietung und Aufmerksamkeit unwirksam gemacht und einer zu großen Nähe durch Reserviertheit entgegengewirkt.“ (Plessner, GdG 80).

Es wäre, neben der solipsistischen Nutzung des Smartphones, ein weiterer Schritt hin zur Vereinzelung des Menschen. Die vermeintlichen und tatsächlichen Vorteile der Maske sind unserem Philosophen ein schwacher Trost.


Der Polizist, der ihm damals eine Strafe aufgebrummt hat, hätte in Zeiten von Corona unter seiner Maske milde lächeln können. Unser Philosoph hätte es nicht bemerkt,






Literatur

Plessner, Helmuth: Grenzen der Gemeinschaft. Eine Kritik des sozialen Radikalismus, 8. Auflage, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2019.

Plessner, Helmuth: Schriften zur Soziologie und Sozialphilosophie, Gesammelte Schriften X, 2. Auflage, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2016.

Seibt, Gustav: Vom Recht auf Maske, In: https://www.sueddeutsche.de/kultur/masken-kulturgeschichte-helmuth-plessner-1.4887692 (Stand 02.08.2020).


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