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Nach mir die Sintflut?

Aktualisiert: 15. Mai 2020

Der Mensch ist metaphysisch obdachlos. Für Novalis ist die Philosophie Heimweh und Trieb anzukommen.


Was nach mir kommt - egal. Nichts soll mir die Gegenwart trüben. Es geht mir darum, das Jetzt zu genießen. Klappt nicht auf Dauer. Warum? Weil es ein Ausdruck menschlicher Bewusstheit ist, über den zeitlichen Rand der eigenen Existenz zu blicken.


Menschen erhoffen sich auf spirituelle und wissenschaftliche Fragen Antworten, die das eigene Leben in einen sinnvollen Gesamtzusammenhang betten. Zudem soll das Leben sinnstiftend sein. Ein Grund, warum sich Menschen in Projekten engagieren, deren Vollendung sie absehbar nicht erleben werden.


Das Streben nach Sinn findet in zahlreichen philosophischen Theorien seinen Ausdruck. Zum Beispiel in der von Emmanuel Levinas geforderten einseitigen Tat:


„Die bis ans Ende durchgehaltene Geduld bedeutet für den Handelnden: darauf zu verzichten, die Ankunft am Ziel zu erleben, zu handeln, ohne [wie Abraham] das gelobte Land zu betreten.“

Und weiter:


„Die Zukunft, für die das Werk unternommen wird, muss vom Anfang an gesetzt werden als gleichgültig gegen meinen Tod.“

Anders ausgedrückt: Es geht Levinas um eine Zeit ohne das Ich und damit eine Zeit jenseits der Zeit des Individuums, ein Sein-zum-Jenseits-meines-Todes. So schreibt Friedrich Nietzsche:


„Die Zukunft und das Fernste sei dir die Ursache deines Heute.“

Zu abstrakt, zu trocken philosophisch? Ein Beispiel macht es deutlicher: Die Bauzeit des Kölner Doms betrug 632 Jahre. Dem ersten Dombaumeister war Angesichts der Dimension der Aufgabe bewusst, dass er die Fertigstellung (d.h. die Ankunft am Ziel) nicht erleben würde. Dafür ist sein Schaffen untrennbar mit etwas Großem, Generationen überdauernden, verknüpft.


Für Friedrich Paulsen ist


„[d]er Mensch mehr als ein Registrier-Apparat des Wirklichen, darum hat er nicht bloß Wissenschaft, sondern auch Dichtung und Kunst, Glaube und Religion. Einen Punkt wenigstens gibt es, wo jeder über das bloße Wissen, das Registrieren von Tatsachen, hinausgeht; das ist sein eigenes Leben und seine Zukunft: Er legt einen Sinn in sein Leben und gibt ihm die Richtung auf etwas, was noch nicht ist, aber sein wird, durch seinen Willen sein wird.“

Es kommt darauf an, das Ziel zu kennen und mit Hingabe den richtigen Weg einzuschlagen. Ob das Ziel erreicht wird oder nicht spielt für die individuelle Sinnfindung eine Nebenrolle. Es genügt die Gewissheit „Ich habe mein Bestes zum Gelingen beigetragen“.


Die Aufgabe ist demnach größer als der Einzelne. Mit den Worten Ahmet Altans:


„Im Leben eines Menschen muss es etwas geben, das wertvoller ist, als das Leben selbst.“

Damit wird die Bedeutung des jeweiligen Lebens betont und zugleich relativiert. Betont, weil es zur Verwirklichung des Werkes auf mich ankommt. Relativiert, weil meine Person hinter der Größe des Werkes im Laufe der Zeit fast verschwindet.


Was ist wertvoller als mein Leben? Die Hingabe an eine gesellschaftlich relevante Aufgabe. Zum Beispiel Martin Luther Kings gewaltfreier Kampf für ein Amerika, in dem Weiße und Schwarze versöhnt und gleichberechtigt leben.


„Ich werde kein Geld hinterlassen. Ich werde keine vornehmen und luxuriösen Dinge hinterlassen. Ich möchte nur ein engagiertes Leben hinterlassen.“ (Martin Luther King)

Neben dem ethischen Anspruch und dem Gefühl der sozialen Verantwortlichkeit sind damit den Glauben betreffende Hoffnungen verbunden. Ludwig Wittgenstein hat dieses Gefühl der spirituellen Sehnsucht oder Heimatlosigkeit des Menschen beschrieben:


„Wir fühlen, dass, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“

Für den als Novalis bekannt gewordenen Dichter und Philosophen Friedrich von Hardenberg ist die Philosophie Heimweh und zugleich ein Trieb, überall zu Hause zu sein. Er spielt damit auf eine metaphysische Obdachlosigkeit des Menschen an. Sie ist ein Impuls, das Feld dessen, das dem Menschen eine Heimat sein kann, zunächst mit naturwissenschaftlichen Methoden abzustecken. Auch wenn, wie Wittgenstein vermutet, das Fragen mit der Bewältigung aller naturwissenschaftlichen Herausforderungen kein Ende haben wird. Die Sehnsucht, die Vielfalt des Lebens zu einer schlüssigen Geschichte verknüpfen und darin als Einzelner seinen Platz finden zu können, treibt den Menschen voran.


Dafür dient die naturwissenschaftliche Forschung, die Theologie und die Philosophie. Nicht zu vergessen Projekte, die die eigene Größe überragen… es muss nicht zwingend der Bau eines Doms sein.





Literatur

Levinas, Emmanuel: Die Spur des Anderen. Untersuchungen zur Phänomenologie und Sozialphilosophie, 6. Auflage, Verlag Alber, Freiburg 2012.

Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra, Band 4 (KSA), dtv/de Gruyter, München 1999.

Novalis: Das allgemeine Broullion: Materialien zur Enzyklopädistik 1798/99, Felix Meiner Verlag, Hamburg 1993.

Paulsen, Friedrich: Einleitung in die Philosophie, 36.-38. Auflage, Cotta'sche Buchhandlung, Stuttgart/Berlin 1923.

Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2006.


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