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Philosophie - Wozu?

Was ist der überflüssigste Studiengang? Bei einer Bevölkerungsumfrage hätte die Philosophie gute Chancen auf einen Podest-Platz… zusammen mit der Theologie. Hinzu kommt, dass die Philosophie offenbar aufs Gemüt schlägt.


Laut einer Erhebung des Instituts der deutschen Wirtschaft landen die Freunde der Weisheit beim Glücksempfinden auf dem vorletzten Platz. Warum? Die Philosophin Ursula Pia Jauch hat eine Vermutung:


„Vielleicht ist der Hang zur Philosophie eine besondere Form der Gedankenschwere – und die ist nicht sehr lebensdienlich.“

Da könnte was dran sein. Der Schwarze Peter, unser feinsinniger und hochgradig empfindsamer Gastautor, ist ein Paradebeispiel für diesen Typus.


Zufriedenheit mit dem Studiengang, Glücksempfinden
https://de.statista.com/infografik/19157/studiengaenge-mit-der-hoechsten-lebenszufriedenheit/


Emotional gebeutelter sind laut dieser Grafik nur die Studierenden naturwissenschaftlicher Fächer – Gott weiß warum. Apropos Gott: Das gute Abschneiden der Theologie (Platz 2) überrascht uns. Immerhin richtet diese ihren Blick, genau wie die Philosophie, auf etwas „Größeres“, das die Welt transzendiert. Vielleicht haben Theologen eine besondere Bindung an eine Macht, die als letztes Kriterium der eigenen Lebensführung anerkannt und verehrt wird (Vittorio Hösle). Ein Urvertrauen in die Sinnhaftigkeit des Lebens, das den ständig zweifelnden Philosophen fehlt.


Die geringe Lebenszufriedenheit der Philosophie-Absolventen wird durch mangelnde gesellschaftliche Wertschätzung verstärkt. Kein Wunder, denn:


„Der Philosoph ist historisch eine Figur, die den anderen auf den Nerv geht.“ (Pia Jauch)

Vielleicht lässt sich mit der Philosophie deshalb nur schwerlich Geld verdienen. Folgendes Werbeplakat eines bekannten italienischen Magenbitter-Fabrikanten bringt es augenzwinkernd auf den Punkt.



Wenn statusorientierte Frauen (oder Männer) von einem „Dr.“ als Partner träumen, dann selten von einem der Philosophie. Warum also dieses Fach studieren und versuchen, sein Leben davon zu bestreiten? Weil die Philosophie – mag sie noch so brotlos und unbequem sein – einen Nutzen hat: für den Einzelnen und die Gesellschaft.


Zugegeben, bei technischen oder naturwissenschaftlichen Fragestellungen kann die Philosophie nicht mit konkreten Lösungen dienen.


„Hier sind andere Arten von Antworten verlangt, welche kollektive Reflexionsprozesse involvieren.“ (Ursula Renz)

Geht es jedoch darum, wie wir als Gesellschaft leben wollen, zeigt die Philosophie ihre Nützlichkeit. Themen wie Gerechtigkeit, Migration oder der Umgang mit den Folgen von Pandemien werden von der Politik und der Philosophie (in Form der angewandten Ethik) aufgegriffen. Sie leistet, wozu Naturwissenschaften und technische Wissenschaften gemäß ihrer DNA weder geeignet noch fähig sind: der Auseinandersetzung mit den möglichen gesellschaftlichen Konsequenzen ihrer Arbeit.


„Die Philosophie setzt dort an, wo die Einzelwissenschaften aufhören, und das Denken ‚ohne Geländer‘ (Hannah Arendt) beginnt.“ (Lisa Herzog)

Die Philosophie kann alle Fragen, die sich im Alltag ergeben, reflektieren… aber sie ist nicht immer zuständig oder befähigt, Antworten zu liefern. Wer wissen möchte, wie alt das Universum ist und ob es realistisch ist, zu dessen dunklem Zeitalter vorzudringen, wendet sich an die Astrophysik. Deren Erkenntnisse gehören laut Bertrand Russell (1872-1970) den exakten Wissenschaften an. Die Philosophie liefert diesbezüglich keine relevanten Erkenntnisse.


Obsolet wird sie dadurch keineswegs. Denn: Sollte es eines Tages gelingen, bis zum Urknall vorzudringen, wird aus der wissenschaftlichen Erkenntnis die erneute Fragestellung: „Was war vor dem Urknall?“.


Dabei gerät man in einen unendlichen Regress, der nur durch die Annahme eines höheren Prinzips (ein unbewegter Beweger) oder einen dogmatischen Abbruch „gelöst“ werden kann. Dieses Höchste kann wiederum selbst hinterfragbar werden. Das lehrt Demut und hat den Physik-Nobelpreisträger Werner Heisenberg zu folgender Diagnose veranlasst:


„Der erste Schluck aus dem Becher der Wissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grunde des Bechers wartet Gott.“

Heisenberg meint damit – und da ist er nah an Russell – dass Wissenschaftler, die in diese Grenzbereiche vordringen, von der Sphäre der exakten Wissenschaft in die Sphäre des Spekulativen wechseln.


„Diese spekulative Tätigkeit, diese Art ‚Forschung‘ nennen wir Philosophie." (Bertrand Russell)

Gläubige Menschen können sich auf Gott berufen. Für Baruch de Spinoza (1632-1677) allerdings war der Glaube ein „Asyl der Unwissenheit“. Für die Philosophie ist der Weg mühsamer: In Ermangelung eines höchsten Prinzips, muss sie, die Regeln der Logik beherzigend, widerspruchsfrei argumentieren.


Das Image der Philosophie betreffend, kommt erschwerend hinzu, dass sie weder


„die Lösung unserer Schwierigkeiten noch die Rettung unserer Seelen [ist], sondern – wie die Griechen sie auffassen – eine Art abenteuerliche Unternehmung.“ (Bertrand Russell)

Eine Gedanken-Expedition, die Russell zu Fragen führt, die im Kern philosophisch sind:


  • Was ist der Sinn des Lebens?

  • Hat die Welt einen Zweck?

  • Ist die Welt in zwei verschiedene Teile (Geist und Materie) getrennt?

  • Wenn sie getrennt ist, wie hängen diese beiden Teile zusammen?

  • Ist der Mensch nur ein Staubkörnchen auf einem kleinen, unwichtigen Planeten?


Daraus ergeben sich ethische Fragen über Gut oder Böse, über mehr oder weniger angemessene Lebensweisen… oder ist es letztlich gleichgültig, wie wir leben?


„All das sind verwirrende Fragen, die sich durch kein Experiment im Laboratorium beantworten lassen.“ (Bertrand Russell)

Was kann die Philosophie konkret beisteuern? Eine besonders präzise Argumentationsfähigkeit, eigene Methoden und Begriffsanalysen… verbunden mit der Weigerung, Patentrezepte auszusprechen.


„Philosophie stellt nicht nur Fragen, sie gibt aber auch nicht nur Antworten, sondern im besten Fall bietet sie einen systematischen Überblick darüber, was auf dem Spiel steht, und wie begriffliche und logische Zusammenhänge gelagert sind, so dass transparente, begründete Urteile möglich werden.“ (Eva Weber-Guskar)

Das bedeutet, feste Ansichten und „festgezurrte Register ins Schweben zu bringen“ und sie für neue Zusammenhänge zu öffnen. Dazu beschäftigt sich die Philosophie „mit dem Begriff der Wissenschaft, ihren Methoden, Sprachen sowie Zielen und der systematischen Einteilung in Einzelwissenschaften“ (Matthias Mahlmann).


So gesehen ist die Philosophie in Form der Wissenschafts- und Erkenntnistheorie zugleich eine „Magd der Erfahrungswissenschaften“. Positiv ausgedrückt: Die Einzelwissenschaften und die Philosophie sind aufeinander verwiesen.






Literatur

Grau, Alexander: Meinungsfreiheit bringt nichts, wenn alle stromlinienförmig denken: Gerade bei den Gebildeten herrscht ein erschreckend homogenes Weltbild, in: NZZ Online vom 15.05.2023, https://www.nzz.ch/feuilleton/meinungsfreiheit-sie-nuetzt-nur-wenn-die-menschen-frei-denken-ld.1737022, (abgerufen am 17.05.2023).

Hösle, Vittorio: Die Philosophie und die Wissenschaften, Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München 1991.

Mahlmann, Matthias: Wissenschaftlichkeit der Rechtswissenschaft, in: Einführung in die Rechtswissenschaft, Universität Zürich, 21.05.2015, https://www.rwi.uzh.ch/elt-lst-mahlmann/einfuehrungrw/wissenschaft/de/html/wissenschaft_wdh_learningObject1.html#:~:text=Die%20Wissenschaftstheorie%20(engl.,wissenschaftlichen%20„Wissens“%20zu%20klären., (abgerufen am 23.05.2023).

Renz, Ursula: Wissen, was ein gutes Argument ist – das Handwerk der akademischen Philosophie, in: NZZ Online vom 05.05.2023, https://www.nzz.ch/meinung/bessere-argumente-das-handwerk-der-akademischen-philosophie-ld.1735449?reduced=true (abgerufen am 17.05.2023).

Russell, Bertrand: Denker des Abendlandes. Eine Geschichte der Philosophie, 2. Auflage, dtv, München 1992.

Weber-Guskar, Eva: Ohne Kenntnis der Prämissen bleibt Wissen dämlich, in: FAZ Online vom 22.05.2023, https://www.faz.net/aktuell/wissen/geist-soziales/philosophie-was-unterscheidet-argumentieren-vom-herummeinen-18911960.html, (abgerufen am 23.05.2023).



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