• Der schwarze Peter

Polyamorie - zu mehreren ist man weniger allein

Aktualisiert: 16. Nov 2020

Unser Philosoph hat Sachen erlebt, die man einem weltfremd wirkenden Denker nicht zutraut. Er hatte sogar mal eine polyamore Beziehung.



Vorurteilsfrei hat er dieses ihm unbekannte Terrain erkundet. So viel vorweg: Die Beziehung hat zwei Jahre gehalten. Wer hat’s vermasselt? Beide und keiner. Unser Philosoph konnte sich nicht dauerhaft mit diesem exotischen Beziehungsmodell anfreunden.


Polyamorie, was ist das?


Nüchtern betrachtet, ein hybrider Neologismus, bestehend aus dem altgriechischen polýs (mehrere) und dem lateinischen amor (Liebe). Emotionaler ausgedrückt geht es darum, mehrere Menschen zu lieben - und zwar gleichzeitig. Entgegen der landläufigen Meinung steht nicht die Maximierung sexueller Kontakte im Vordergrund.


Polyamore haben Gründe, mehrere emotionale Bindungen einzugehen. Im Fall einer Trennung ist man nicht automatisch Single. Wer polyamor lebt, hat zudem für jeden Anlass oder jede Stimmung den passenden Partner zur Hand - theoretisch. Allerdings wundert sich unser Philosoph, wo Menschen die Kraft und Zeit für mehrere Beziehungen hernehmen. Er fühlt sich mit einer Partnerschaft maximal ausgelastet. Jedem das Seine, denkt er sich. Solange kein Zwang im Spiel ist und es allen Beteiligten gefällt, soll es recht sein.




Ein Konstrukt für die Zukunft?


Anhänger sehen in der Polyamorie ein zukunftstaugliches Modell - das sich aber trotz medialer Unterstützung nicht durchsetzt. Deshalb werden Polyamore nicht müde, auf die hohen Trennungs- und Scheidungszahlen klassischer Beziehungen hinzuweisen.


Tatsächlich haben die Befürworter der Monogamie argumentativ schlechte Karten, wenn es um die Haltbarkeit ihrer Beziehungen geht. Das über Jahrhunderte gelebte monogame Liebesideal entspricht den gängigen Moralvorstellungen. Aber ist es noch zeitgemäß? Tatsache ist: in einer schnelllebigen, mobilen und individualisierten Gesellschaft zeigt es sich störanfällig und brüchig.


Warum nicht neue, alltagstauglichere, Wege gehen? Dabei erfolgt eine ideologische Aufladung. Die Polyamorie wird von vielen Anhängern als Fortschrittsmodell gepriesen. Nicht-Polyamore hingegen verharren in überkommenen Mustern.



Polyamorie als schlüssiges Beziehungsmodell?


In der Praxis sind unserem Philosophen Widersprüchlichkeiten aufgefallen. Am meisten hat ihn die bei Polyamoren weit verbreitete Haltung irritiert, nicht monogam leben zu können.


„Nur einen Menschen lieben: Das ist bei der Polyamorie nicht vorgesehen.“ (Alisa Augustin)

Das Problem: Liebe ist nicht planbar. Sie widerfährt einem. Man wird vom Pfeil des Amor (Eros) getroffen. In seltenen Fällen von einem zweiten, während der erste noch im Körper steckt. Plötzlich liebt man zwei Menschen - mit allen Verstrickungen, die eine solche Situation mit sich bringt.


Trotz Sympathie für exotische Lebensentwürfe stößt sich unser Philosoph an dem selbst auferlegten „Gebot“, keine monogame Beziehung einzugehen. Er glaubt an die Freiheit und Kraft des Willens. In Liebesangelegenheiten existiert jedoch eine Grenze:


„Die Liebe bindet den Willen. Es liegt nicht einfach in unserer Hand, was wir lieben und was wir nicht lieben. Wir können die Liebe nicht wählen, da sie von Bedingungen bestimmt wird, die unserer unmittelbaren willentlichen Kontrolle äußerlich sind.“ (Harry G. Frankfurt)

Wer glaubt, nicht exklusiv lieben zu können, glaubt zugleich, ein Gefühl kontrollieren zu können, das sich der Kontrolle entzieht. Wer es sich darüber hinaus verbietet, eine exklusive Beziehung einzugehen, fördert Dogmatismus und beschränkt sich in seiner Freiheit.






Literatur


Augustin, Alisa: Polyamorie ist mehr als nur Abwechslung beim Sex, in: https://www.welt.de/gesundheit/psychologie/article115996425/Polyamorie-ist-mehr-als-nur-Abwechslung-beim-Sex.html (Stand 11.02.2020).

Frankfurt, Harry G.: Gründe der Liebe, 2. Auflage, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2014.

90 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen