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Verlust und Würde

Aktualisiert: Sept 1

Eine Stunde hat gereicht, unseren Philosophen die nackte Existenzangst spüren zu lassen. Nichts kann diese Erschütterung lindern. War seine Beschäftigung mit der Philosophie nur eine reizvoll elitäre Leidenschaft für Schönwetter-Phasen?


Was ist passiert? Die Mutter unseres Philosophen ist überraschend verstorben. Immerhin war es ihm vergönnt, auf den letzten Metern an ihrer Seite zu sein. Es erstaunt ihn, wie schnell und unspektakulär seine Mutter von dieser Welt in eine unbekannte wechselte. Kein Aufbäumen oder Sich-Sträuben. Stattdessen die Akzeptanz des Unausweichlichen. Sichtbar gemacht durch eine immer flacher werdende Welle am Herzmonitor, die sich ohne eine Regung des Körpers in eine Gerade verwandelte. Da war er, der Tod - ohne großes Drama.


„And just like that it came.“ (Colin Firth, A Single Man)

Nun spürt unser Philosoph eine nicht gekannte Leere und Verlassenheit. Die Gefühlslagen wechseln in kurzen Abständen - auf Niedergeschlagenheit folgt Verdrängung, auf Zuversicht Verzweiflung. Zum Verlust des geliebten Menschen gesellt sich die Erkenntnis, dass er den weitaus größten Teil seines Leben bereits hinter sich. Schmerzlich wird er sich seiner Sterblichkeit bewusst. In diesem fragilen Seelenzustand reicht ihm die Philosophie doch noch die Hand. Es zieht ihn gedanklich zu Peter Bieri, Emmanuel Levinas und Martin Heidegger. Drei Philosophen, die sich intensiv mit dem Tod beschäftigt haben.


Der Tod ist für Levinas ein überwältigendes und in passiver Weise zu ertragendes Geheimnis. Für den litauisch/französischen Denker bedeutet das Immer-schon-Bevorstehen des Todes das in Verbindung-sein mit etwas absolut Anderem, das sich als Transzendenz jeder Erkenntnis entzieht. Der Mensch muss sich durch seine Sterblichkeit und die Unausweichlichkeit des Todes etwas Größerem unterordnen.


Heidegger denkt in eine andere Richtung: Für ihn erfährt der Mensch seine Erfüllung und Vollendung mit dem Tod. Bis dahin ist Da-sein (Existenz) ein unablässiges Vorlaufen auf den Tod und die Ausrichtung auf den nächsten Moment. Ein sich-vorweg-sein-zum-Tode. Das führt zu dem absurd erscheinenden Phänomen, dass


„[s]olange das Dasein als Seiendes ist […], es seine ‚Gänze‘ nie erreicht. Gewinnt es sie aber, dann wird der Gewinn zum Verlust des In-der-Welt-seins.“ (Heidegger)

Bieri fügt schließlich einen interessanten Aspekt hinzu. Geerdeter als Levinas oder Heidegger, geht es ihm im Zusammenhang mit dem Leben und dem Sterben um die Würde. Immerhin ist der Prozess des Sterbens die letzte Episode eines ganz bestimmten, individuellen Lebens. In seinem Buch Eine Art zu leben, schreibt er:


„Es gehört hier zur Idee der Würde, dass diese Episode zu dem Leben, das sie abschließt, passen sollte.“ (Bieri)

Der Schwarze Peter fragt sich, ob das bei seiner Mutter der Fall war. Eines weiß er gewiss: Niemals wollte sie anderen zur Last fallen, in Abhängigkeiten geraten oder zum Pflegefall werden. Der Umstand, dass es ihr bis kurz vor ihrem Tod vergönnt war, für sich selbst zu sorgen, tröstet ihn. Zudem ist sie in gewohnter Umgebung gestorben, umgeben von Dingen, die ihre Welt ausgemacht haben: Möbel, Photographien, Andenken, Bücher und Kleinigkeiten, die die Atmosphäre des Raumes bestimmt haben (Bieri). Es blieb ihr erspart, in einem seelenlosen Krankenhauszimmer zu sterben.


„Natürlich hat der eigene Tod nicht nur mit der eigenen Umgebung zu tun. Er hat auch mit den eigenen Menschen zu tun […]. Es kann sein, dass ich sie dabei haben möchte, wenn es zu Ende geht.“ (Bieri)

Dass dieses Glück seiner Mutter zuteil wurde, mildert die Pein unseres Philosophen. Eigentlich war er mit einem Freund in München verabredet. Der hat, entgegen seiner Gewohnheit, verschlafen. So wurde das Treffen verschoben. Hätte es stattgefunden, unser Philosoph wäre niemals rechtzeitig zu seiner Mutter gekommen - sie wäre ohne seine Begleitung gestorben. Glückliche Fügung oder Bestimmung… wer weiß das schon?


Dem Tod näher als dem Leben, antwortete sie auf die Frage des Arztes, ob sie wiederbelebende Maßnahmen wünsche, mit einem klaren Nein. Rückblickend glaubt unser Philosoph, dass sie an diesem Tag auf ihn gewartet hat und sich der Nähe des Todes bewusst war.


„Die Würde des Menschen besteht auch in seiner Bereitschaft, Tod und Sterben zu akzeptieren. Sich nicht mit allen Mitteln dagegen zu wehren.“ (Bieri)

Die Mutter unseres Philosophen war eine humorvolle, verständnisvolle, zugewandte, tolerante und großzügige Person. Allerdings war es unserem Philosophen nicht vergönnt, ihre weiche und verletzliche Seite besser kennenzulernen. Es ist wahrscheinlich der speziellen Dynamik einer Mutter-Sohn-Beziehung geschuldet, dass es beiden von Anfang an nicht möglich war, eine körperlich innige Beziehungen aufzubauen. Umarmungen waren nicht üblich.


Was jedoch immer da war: Die Gewissheit, sich ganz auf den anderen verlassen zu können. Zudem die Einsicht, dass jeder seine Liebe und Zuneigung mit den zur Verfügung stehenden Mitteln zum Ausdruck brachte. Diese Zeichen zu entschlüsseln, ist unserem Philosophen leider nicht immer gelungen.





Literatur

Bieri, Peter: Eine Art zu leben. Über die Vielfalt menschlicher Würde, 2. Auflage, Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2015.

Heidegger, Martin: Sein und Zeit, 19. Auflage, Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2006.

Levinas, Emmanuel: Die Spur des Anderen. Untersuchungen zur Phänomenologie und Sozialphilosophie, 6. Auflage, Verlag Karl Alber, Freiburg im Breisgau 2012.



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