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Wer will schon ewig leben?

Aktualisiert: Juni 28

Unser Philosoph ist unsterblich. Er hat alle Zeit der Welt, einen Lebensentwurf nach dem anderen umzusetzen. Wie kommt er zu dieser Vorstellung? Durch einen wahnwitzigen Science Fiction-Streifen mit Sean Connery, der kürzlich im Nachtprogramm lief.


In besagtem Film beklagt der 300 Jahre alte Zardoz seine Unsterblichkeit. Er sehnt sich nach dem Tod. Jammern auf höchstem Niveau, denkt sich unser Philosoph. Was könnte er nicht alles mit einem unbegrenzten Zeit-Vorrat anfangen. Als erstes würde er sich seinen Jugendtraum erfüllen: Pilot bei den Fliegenden Ärzten in Australien. Ein extravaganter Wunsch für einen Bücherwurm - aber warum nicht, wenn die Ressource Lebenszeit kein knappes Gut mehr ist. Egal, welchem Projekt er sich zuwendet - weit und breit kein Tod, der ihn bei der Realisierung unterbricht. Bei diesem Gedankenspiel fühlt sich unser Philosoph beschwingt wie ein Kind, das aus einem Spielzeugladen mitnehmen darf, was es will.


Wie beim Alkohol kommt der Kater nach dem Vergnügen. Unvermittelt wird ihm schwer ums Herz. Zugegeben, die plötzliche Fülle an Möglichkeiten ist verlockend. Zumal sich seine Angst, an einer schweren Krankheit zu verenden, in Luft auflösen würde. Aber die Saat des Zweifel ist aufgegangen. Er fragt sich, ob das Privileg des ewigen Lebens in Wirklichkeit nur eine zentnerschwere Last ist. Er beginnt zu bilanzieren.


Der Vorteil der Unsterblichkeit liegt auf der Hand, aber was spricht dagegen? Da es sich um ein Gedankenexperiment handelt, arbeitet der Schwarze Peter notgedrungen mit vereinfachten Annahmen. Zum Beispiel lässt er körperliche Eignungen oder reale Konsequenzen wie Überbevölkerung und Ressourcen-Knappheit außer acht. Es geht ihm um die Binnenperspektive des Individuums und die philosophischen Konsequenzen der Unsterblichkeit - und darum, zu einer verallgemeinerungsfähigen Aussage zu kommen. Er sucht nach einer Antwort auf die Frage, ob ein endloses Leben erstrebenswert ist.




Der Tod geht uns nichts an


Wie immer, wenn er nicht weiß, wo er anfangen soll, startet unser Philosoph in der Antike. Genauer gesagt bei Epikur (341 - 270 v. Chr.). Für den ist der Tod ein Nichts, denn:


„Solange wir da sind, ist er nicht da, und wenn er da ist, sind wir nicht mehr.“

So gesehen, betrifft der Tod weder die Lebenden noch die Gestorbenen. Der Tod geht uns schlicht nichts an. Deshalb kann er kein Übel sein. Diese Annahme begründet sich auch dadurch, dass die Epikureer als waschechte Materialisten nicht an die Unsterblichkeit der Seele glauben. Nichts bleibt nach dem Tod - weder Körper noch Seele. Epikur rät deshalb zur Gelassenheit und unerschüttlerlichen Seelenruhe (ataraxia) im Umgang mit dem eigenen Sterben.


Dennoch meiden die meisten Menschen den Tod als ein Übel - und sehnen ihn doch als ein Ausruhen von den Mühsalen des Lebens herbei.


„So herrschten in mir gleichzeitig der schwerste Lebensüberdruss und die Furcht zu sterben.“ (Paul Ludwig Landsberg)

Unser Philosoph weiß nun, dass die Furcht vor dem Tod unangebracht ist. Aber Epikurs Gedanken beschränken sich auf die Sehnsucht nach Unsterblichkeit und der Hoffnungen auf eine Weiterexistenz nach dem Tode, die den Menschen davon abhalten, Lusterfüllung im Leben zu finden. Die Frage, ob ein unendliches Leben dauerhaft erfüllend und damit wünschenswert sein kann, beantwortet Epikur nicht.




Leben als Wert an sich


Unser Philosoph wendet sich dem US-amerikanischen Philosophen Thomas Nagel (geb. 1937) zu. Der sieht im Tod sehr wohl ein Übel. Sein Argument ist schnell skizziert: Das Leben ist ein Wert an sich - unabhängig davon, ob beim Individuum die guten oder schlechten Erlebnisse überwiegen. Nicht die Art der Erfahrung ist ausschlaggebend, sondern die Tatsache, dass man lebt und etwas erleben kann. Konsequenterweise ist der Tod auch für die Menschen ein Übel, denen hauptsächlich Schlechtes widerfährt (vgl. Michael Bordt SJ).


Unser Philosoph ist von Nagels Argument nicht überzeugt. Immerhin, die Richtung ist vielversprechend. Aber noch fehlt dem Schwarzen Peter ein wichtiger Baustein.




Der Makropulos-Fall


Vielleicht gibt Sir Bernhard Williams (1929 - 2003) den entscheidenden Impuls. Immerhin widmet sich der britische Philosoph dem Thema eines verlängerten oder endlosen Lebens. Sein Aufsatz „The Makropulos Case“ basiert auf einem Theaterstück des tschechischen Autors Karel Čapek. Es geht um eine Frau, die zwar nicht unsterblich ist, aber mittels eines Lebenselixiers ihr Leben um dreihundert Jahre verlängern konnte. Unser Philosoph glaubt, dass diese Bonusjahren nach seinem Geschmack wären - nicht übertrieben lang und nicht zu kurz.


Unter verschiedenen Namen wie Elina Makropulos oder Ellian Macgregor hat die Protagonistin alle Mitmenschen, Freunde und Ehepartner überdauert. Zum Zeitpunkt von Williams’ Aufsatz ist sie 342 Jahre alt und nennt sich Emilia Marty. Von außen betrachtet, erscheint ihr Leben erfolgreich und erfüllt - aus der Binnenperspektive ist es ihr zu einer erdrückenden Bürde geworden.


„Die Langeweile hat sich in ihr Leben eingeschlichen, sie ist innerlich leer, ausgelöscht ist alle Lebensenergie, sie ist eine kalte, gelangweilte, allem gegenüber uninteressierte und indifferente Frau.“ (Michael Bordt).

Sie hat die Möglichkeit, das Elixier erneut zu nehmen und ihr Leben um weitere 300 Jahre zu verlängern. Obwohl frei von körperlichen Beschwerden oder materiellen Nöten, schlägt sie das Angebot aus. Was würde unser Philosoph tun? Bei der Unsterblichkeit tendiert er zu einem Nein. Aber geschenkte 300 Jahre würde er nach jetzigem Kenntnisstand vielleicht annehmen.


Bernard Williams gibt Čapeks Theaterstück einen philosophischen Twist. Er möchte zeigen, dass es nicht an Emilia Martys Persönlichkeit liegt, dass ihr Leben zäh und freudlos geworden ist. Er ist überzeugt, dass jedes überlange oder unendlich währende Leben zwangsläufig in Langeweile und Lebensmüdigkeit mündet.


Warum kann der Mensch in der Unsterblichkeit keine Erfüllung finden? Emilia Marty hat mit 42 Jahren aufgehört zu altern. Seit 300 Jahren macht sie Erfahrungen, die „charakteristisch sind für einen Menschen, der 42 Jahre alt ist“ (Bordt). In ihrem Leben überwiegen die Wiederholungen. Neues bietet sich nur noch in Nuancen von bereits Bekanntem. Zudem ist die Anzahl von Projekten, die jemand aufgrund des Charakters und der körperlichen Voraussetzung hat, endlich (Michael Bordt). Die Steigerung ist die Annahme eines unbegrenzten Lebens, bei dem eine endliche Zahl von Möglichkeiten auf eine unendliche Zahl von Lebensjahren trifft.


Williams behauptet, dass mit einem endlosen Leben all unsere Wünsche getötet würden. Das führt zum Kern seiner Ausführungen.




Der Tod als Sinnstifter


Die begrenzte Lebenszeit treibt Menschen an, Projekte zu starten und voranzutreiben.


"Weil wir wissen, dass wir sterben müssen, sind wir so fleißig dabei, das Leben zu gestalten." (Zygmund Bauman)

Wer sich einer Sache leidenschaftlich verschreibt, möchte die Verwirklichung erleben. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, wenig Zeit zu „verlieren“.


„Wenn ich endlos Zeit habe, bin ich nicht mehr motiviert, irgendein Projekt anzugehen.“ (Michael Bordt)

An dieser Stelle zeigt sich die Bedeutung der Zeit. Wenn unser Philosoph unendlich viel davon hätte, gäbe es, von der spontanen Lust abgesehen, keinen Grund, ein Projekt anzugehen. Vor allem dann nicht, wenn er es auch in 1000 Jahren machen kann. Vielleicht hebt er sich die spannendsten Projekte sogar auf, damit es ihm später nicht zu fad wird. Es gäbe keine Motivation, etwas heute, morgen oder übermorgen anzupacken.


„Ein endloses Leben wäre ein Leben ohne Projekte und Ziele. Deswegen gäbe es keinen Grund mehr, leben zu wollen […].“ (Michael Bordt)

Ein solches Leben würde zur Erstarrung führen. Mit zunehmender Lebensdauer würde es immer schwerer werden, die Energie für neue Projekte aufzubringen.


„Deswegen gäbe es keinen Grund mehr, leben zu wollen, und einen starken Grund dafür, sterben zu wollen.“ (Michael Bordt)

Die Triebkraft, Projekte zu starten, ist nach Williams an die Endlichkeit des Lebens gebunden.




Der Tod als Erlöser


Ein weiteres Argument, das gegen die Unsterblichkeit spricht, verdankt unser Philosoph Paul Ludwig Landsberg (1901 - 1944). Für den wäre ein endloses Leben ein Leben in Gefangenschaft - verbunden mit der Unmöglichkeit, den Tod als letzte würdevolle Zuflucht zu wählen.


„Eine Türe ist dem Menschen geöffnet, durch die er jeder Knechtschaft entrinnen kann.“

und


„Lasst uns der Gottheit danken, dass niemand im Leben zurückgehalten werden kann.“




Literatur

Bauman, Zygmunt: Tod, Unsterblichkeit und andere Lebensstrategien, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main 1994.

Bordt, Michael SJ: Philosophische Anthropologie, Skript: Wintersemester 2011/12, Hochschule für Philosophie.

Epikur: Philosophie der Freude, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1973.

Landsberg, Paul Ludwig: Die Erfahrung des Todes, Hrsg. Eduard Zwierlein, Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2009.

Nagel, Thomas: What Is It Like To Be A Bat, in: The Philosophical Review, Vol. 83, No. 4, 1974 (https://www.jstor.org/stable/2183914).








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