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BUCHTIPP: Schwarze Haut, weiße Masken

Aktualisiert: 16. Nov 2020

„Absolut gesehen, ist der Schwarze nicht liebenswerter als der Tscheche.“ Was für eine Provokation in Zeiten überbordender politischer Korrektheit. Wer wagt es, so etwas von sich zu geben? Der dunkelhäutige Psychiater, Schriftsteller und Philosoph Frantz Fanon (1925-1961).


Das Zitat stammt aus dessen 1952 erschienen Werk Schwarze Haut, weiße Masken. Das Buch war schon zum Zeitpunkt der Veröffentlichung eine Zumutung - für Schwarze und Weiße gleichermaßen. Aus heutiger Sicht sind einige Gedanken des auf Martinique geborenen Fanon zumindest irritierend. Zudem jongliert er mit emotional aufgeladenen Begriffen: Farbiger, Schwarzer und, man wagt es kaum zu schreiben, Neger.


Ein zeitlos unbequemes Buch


Diese Pille gilt es bei der Lektüre zu schlucken. So viel sei verraten: Wer sich auf Fanons scharfsinnige und zeitlose psychologische Beobachtungen zu den Themen Rassismus und Kolonialismus einlässt, wird belohnt. Wie auch immer, wir werden diese pejorativ auslegbaren Begriffe nicht durch politisch korrekte Alternativen (e.g. People of Color) ersetzen. Warum? Weil Frantz Fanon es nicht getan hat. Aus Respekt vor seinem Werk lassen wir die Wortwahl und das, was damit inhaltlich ausgedrückt wird, unangetastet. Wissend, das er diese Begriffe keineswegs willkürlich verwendet hat.


„Schwarze Haut, weiße Masken zeigt und beklagt, wie rassistische Perspektiven der weißen Gesellschaft die tägliche Lebenserfahrung schwarzer Menschen dominieren. Dabei kritisiert er [Fanon] nicht nur das Verhalten und die Projektion der Weißen, er widmet sich auch der Verinnerlichung ihrer Vorstellungen durch die Schwarzen.“ (Marie Mohrmann)


Die Sehnsucht nach Anerkennung


Für Fanon gibt es keine weiße Welt, keine weiße Ethik und keine weiße Intelligenz (SHWM, 195). Es gibt die universale Vernunft. Sie ist unabhängig von der Hautfarbe. Dennoch fühlt sich der kolonisierte Schwarze unterlegen. Er sehnt sich nach Anerkennung durch den Kolonialherren. Noch pointierter: Um dem Gefühl der Minderwertigkeit zu entgehen, strebt der gebildete Schwarze danach, weiß zu sein. An seiner Hautfarbe kann er nichts ändern. Welche Möglichkeiten hat er? Er versucht, sich die Lebensart, die Sprache und den Habitus des „wahren Menschen“, d.h. des als überlegen empfundenen Weißen, anzueignen. Denn:


„Ein Mensch, der die Sprache besitzt, besitzt auch die Welt, die diese Sprache ausdrückt.“ (SHwM, 16)

Fanon schätzt die Lage der Kolonisierten nüchtern ein:


„[J]edes kolonisierte Volk - das heißt jedes Volk, in dem ein Minderwertigkeitskomplex entstanden ist, weil die lokale kulturelle Eigenart zu Grabe getragen wurde - situiert sich im Hinblick auf die Sprache der zivilisatorischen Nation, das heißt der Kultur der Metropole.“ (SHwM, 16)


Weiß ist der Maßstab


Der Kolonisierte wird desto „weißer“, je stärker er sein Schwarz-sein, seine geographischen und gesellschaftlichen Wurzeln, verbirgt.


Deshalb kehrt der Schwarze, der eine Zeitlang in Frankreich, dem Land der Kolonialherren, gelebt hat, verändert in seine Heimat zurück und wird dort zum Ankömmling. Für die zu Hause Gebliebenen ist er ein Halbgott, denn er kennt das Land der Kolonialherren und deren Metropolen. Er wird mit antrainiert französischem Akzent von der Oper in Paris erzählen. Auch wenn er sie vielleicht nur von fern gesehen hat. Vor allem wird er gegenüber seinen Landsleuten und ihrer traditionellen Lebensart eine kritische Haltung einnehmen. Seine Sprache verrät ihn und macht ihn unter Seinesgleichen zum Entfremdeten (Fanon SHwM, 21). Er ist fortan weder in der Welt der Weißen, noch in der Welt der Dunkelhäutigen zuhause. Trotzdem wird er sich dem weißen Ideal näher fühlen, als dem schwarzen.


An diesem Punkt kommt es beim Schwarzen - als unmittelbare Folge der Kolonisierung - zu einer Spaltung.


„Der Schwarze hat zwei Dimensionen. Die eine mit seinen Artgenossen, die andere mit den Weißen. Ein Schwarzer verhält sich zu einem Weißen anders, als zu einem anderen Schwarzen.“ (SHwM, 15)


Schwarz-sein als bewusster Zustand


Der Schwarze, so Fanons Diagnose, wird in dem Moment zum Schwarzen, in dem der Weiße erscheint und ihm sein Anderssein vor Augen führt. Bis dahin gibt es weder für Schwarze noch für Weiße die Empfindung einer Minderwertigkeit oder Andersheit, die auf der Zugehörigkeit zu einer Rasse beruht.


Die erste Begegnung ist die Bruchstelle. An ihr zerfällt die Gesellschaft in Weiße, Schwarze und Dunkelhäutige unterschiedlicher Couleur. Die ursprünglich vorhandene Einheit ist zerstört.


Bis dahin galt: Ein Schwarzer ist ein Schwarzer; oder vielmehr nein: Ein Schwarzer ist kein Schwarzer, er lebt sein Schwarz-sein absolut. Wenn er Schwarzer ist, nur deshalb, weil der Weiße kommt (vgl. SHwM, 84).


Im Zuge der Kolonisierung wird der Schwarze eine Gleichheit beanspruchen deren er vor der Ankunft der Kolonialherren nicht bedurfte. Gegenüber seinen dunkelhäutigen Landsleuten beansprucht er eine privilegierte Stellung.




Die Spaltung


Fanon unterstellt eine Skala der Hautfarben, aus der sich ein Verhältnis der Über- und Unterordnung ergibt. Dabei wähnt sich der hellere Schwarze näher am Ideal des Weißen. Demjenigen, der dunkelhäutiger ist als er, fühlt er sich überlegen. Die Skala der Farben ist zugleich eine, die Hautfarbe in den Vordergrund stellende, Selbstwertskala.




Warum sich die Lektüre lohnt


Fanons Untersuchung beschränkt sich nicht auf den von Weißen ausgehenden Rassismus in den damaligen französischen Kolonien. Er erweitert das Thema um eine allgemeinere Facette: den Unterschied zwischen Unterdrückern und Unterdrückten, zwischen Privilegierten und Benachteiligten. Schwarze Haut, weiße Masken geht über die Phänomen-Beschreibung hinaus. Das Buch erklärt die koloniale Situation und zeigt die zugrunde liegen psychologischen Zustände, die Rassismus in all seinen Schattierungen begünstigen. Fanon öffnet dem Leser nuanciert und stringent entwickelte Perspektiven, die weit über die Topografie der aktuellen Rassismus-Debatte hinausgehen.


Ein Minderwertigkeitskomplex, der mit der Hautfarbe zusammenhängt, ist nicht nur bei Menschen zu beobachten, die in einem Milieu anderer Hautfarbe in der Minderheit sind.


„Ein Weißer in den Kolonien hat sich noch niemals in irgendeiner Weise minderwertig gefühlt." (MFanon SHwM, 79)

Deshalb Fanons Appell:


„Haben wir den Mut, es auszusprechen: Es ist der Rassist, der den Minderwertigen schafft.“ (Fanon, SHwM, 80)





Literatur

Fanon, Frantz: Schwarze Haut, weiße Masken, Verlag Turia + Kant, Wien 2016 (SHwM).

Mohrmann, Marie: Politische Psychoanalyse. Wiederentdeckung. Der Psychiater Frantz Fanon zeigte früh, wie weißer Rassismus in schwarze Köpfe kommt, in: Der Freitag. Die Wochenzeitung, Ausgabe 36/2013, https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/politische-psychoanalyse (Stand 19.08.2020).




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