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Die Schmuddelkinder der Philosophie

Aktualisiert: Nov 18

Die Sophisten - sein halbes Philosophenleben hat sich Platon an ihnen gerieben. Das Resultat dieser Besessenheit sind etliche, nach sophistischen Hauptvertretern benannte Dialoge: Protagoras, Gorgias, Euthydemos und Kritias. Ihnen verdanken die Sophisten ihr hartnäckig schlechtes Image.


Als Sophist bezeichnet zu werden ist eine Abwertung an der Grenze zur Beleidigung. Wird man den Sophisten damit gerecht oder haben wir uns von der philosophischen Lichtgestalt Platon einwickeln lassen?


Die ganz großen Fragen


Vor den Sophisten ging es der Philosophie um den Ursprung allen Seins (archḗ). Für Thales war es das Wasser, für Anaximenes die Luft und für Heraklit das Feuer. Diese vorsokratischen Denker des 6. und 5. Jahrhunderts vor Christus waren mehr Naturforscher als Philosophen. Fragen nach dem guten Leben stellten sie nicht.


Das haben erst die Sophisten und wenig später Sokrates getan. Deren gemeinsames Anliegen:


„[E]rstmals breiteren Kreisen der Bevölkerung Überlegungen zur angemessenen Lebensführung anzubieten.“ (Christoph Horn)

Die Auffassungen darüber waren unterschiedlich. Allerdings war Sokrates mit seiner Haltung näher bei Platon als bei den Sophisten.



Die Wurzel des Sophismus


Für Josef Schmidt ist der Sophismus ein kulturelles Phänomen - ausgelöst durch die historischen Ereignisse des späten 5. und frühen 4. Jahrhunderts vor Christus. Es war eine unruhige Epoche des geistigen Umbruchs.


„Der Peloponnesische Krieg […] hat viele Maßstäbe des Verhaltens zum Wanken gebracht. Die alten Traditionen galten nicht mehr. Was galt nun eigentlich?“ (Josef Schmidt)

Das Streben nach Einfluss und politischer Macht? Wenn ja, kann es für eine Gesellschaft normgebend sein? Um diese Frage zu beantworten, hilft ein Blick darauf, wer die Sophisten waren und wofür sie standen.



Nur Bares ist Wahres


Das wussten auch die Sophisten. Die meisten von ihnen zogen als Wanderlehrer umher und vermittelten ihre Weisheit gegen Cash. Das ist einer der Gründe, warum Platon den Sophismus ablehnte. Philosophie um des schnöden Mammons willen zu betreiben wäre ihm nicht in den Sinn gekommen. Außerdem hatte er eine andere Vorstellung von Weisheit.



Die Weisheit der Sophisten


Eine weitere sophistische Eigenart war deren geistige und moralische Geschmeidigkeit. So behauptete ihr prominentester und einflussreichster Vertreter Protagoras (ca. 490 - 411 v. Chr.):


„Aller Dinge Maß ist der Mensch.“

Das bedeutet: Alle Überzeugungen sind subjektiv. Was dem einen Menschen wahr erscheint, kann für den anderen falsch sein.



Entgegen Platons Ansicht existierten für Protagoras weder erkennbare Wahrheiten noch allgemeingültige Werte. Werte, so das Argument der Sophisten, sind nicht physei (von der Natur gesetzt), sondern thesei (vom Menschen bestimmt). Sie sind lediglich Meinungen - individuell, veränderlich, kulturell geprägt und dem Zeitgeist unterworfen.


„[W]ie ein Ding mir erscheint, ein solches ist es auch mir, und wie es dir erscheint, ein solches ist es wiederum dir. Ein Mensch aber bist du sowohl als ich.“ (Platon)

Diese Subjektivität macht es unmöglich, über die Wahrheit oder Unwahrheit einer Behauptung zu entscheiden (Ubaldo Nicola). Das gilt auch für Fragen betreffend die Gerechtigkeit, Tugend oder Moral.


Der spezielle Kniff der Sophisten: Wenn nichts von sich aus ethisch richtig oder falsch, gut oder böse ist, dann ist folgendes Diktum von Protagoras folgerichtig:


„Es gilt die schwächere Meinung zur stärkeren zu machen.“

Denn: Was macht der Mensch, wenn er die Wahl hat? Er agiert gemäß seinen persönlichen Interessen - den eigenen Vorteil suchend und nutzend. Deshalb ist ihm das Gute das, was situativ gut erscheint. Universale Werte, so sie existieren, müssen zurückstehen.


Etwas ist moralisch vertretbar, weil ich es für richtig halte. Das ist purer Relativismus.



Schweigen ist Silber. Reden ist Gold


Für die Sophisten war klar: Wer sich behaupten will, muss überzeugen und manipulieren können. Mit den Worten von Josef Schmidt:


„Man muss bedenken: Das antike Athen war eine Demokratie, das heißt, wer erfolgreich sein wollte, musste reden können.“

Allerdings hatte nur eine privilegierte Minderheit das Wahlrecht. Frauen und Sklaven waren vom politischen Leben ausgeschlossen.


Der Grund für Protagoras’ Tätigkeit als Rhetoriklehrer war anfangs praktischer Natur und einer Besonderheit im antiken Athen geschuldet. Jeder Angeklagte musste sich vor Gericht selbst verteidigen. Es gab keine Anwälte, nur Berater. Rhetorische Fähigkeiten waren deshalb überlebenswichtig. Genau das lehrte er und hielt dafür ohne Bescheidenheit die Hand auf.


Allerdings hat Sokrates’ Schicksal gezeigt, dass es trotz geschliffener Redekunst vor Gericht schief gehen konnte. Das Todesurteil und der Schierlingstrank blieben ihm nicht erspart.


Trotzdem gilt, wer im antiken Stadtstaat (polis) vor Gericht und in der Politik Erfolg haben wollte, musste die Kunst der makellosen Rede beherrschen.



Nix is fix


Die Verknüpfung von bezahlter Rhetorik und einem ausgeprägten Relativismus konnte Platon nicht gefallen. Immerhin, diese Art zu denken war für die Philosophie neu. Bernhard Taureck spricht treffend vom bis dato unbekannten Beruf der bezahlten Denker.


Xenophon, der antike Politiker und Dichter, legte in seinen memorabilia Sokrates folgende Worte in den Mund:


„Wenn einer seine Schönheit jedem beliebigen um Geld verkauft, so nennen wir ihn einen Hurer.“

Damit ist die gereizte Tonlage gesetzt. Und weiter:


„So bezeichnen wir auch die, welche ihre Weisheit jedem beliebigen um Geld verkaufen, als Sophisten.“

Die Neigung vieler Sophisten, in moralischen Fragen fünf gerade sein zu lassen, machte sie für den prinzipientreuen Platon zur idealen Reibungsfläche.



Die Schönheit einer gelungenen Rede


Für die sophistische Redekunst war im antiken Athen die Bühne vorgewärmt. Die Menschen hatten ein leidenschaftliches Interesse an Streitgesprächen und eine Freude an schönen Reden - unabhängig vom Wahrheitsgehalt des Gesagten.


Bernhard Taureck nennt es die Verbindung von Politik und ästhetischer Lust. Ein Prinzip, das auch heute in politischen Reden Wirkung und Erfolg verspricht.



Ist das Philosophie oder kann das weg?


Folgt daraus, dass die Sophisten ausgezeichnete Redner, aber keine ernstzunehmenden Philosophen waren? Wenn man Sokrates nicht zum Kreis der Sophisten zählt, drängt sich diese Frage auf. Tatsächlich ist, von Protagoras mit seinem Homo-Mensura-Satz („Aller Dinge Maß ist der Mensch“) abgesehen, keine prägende sophistische Theorie überliefert.


Offenbar lagen die Stärken der Sophisten auf einem anderen Gebiet. Bernhard Taureck vermutet, dass


„die sophistische Verbindung von Philosophie und Rhetorik eine frühe und vergessene Form der Kunst gewesen ist.“

Eine Kunst, die im gesellschaftlichen Wettbewerb handfeste Vorteile brachte.


„Kommt zur Rede die Überredungskunst, so vermag sie die Seele zu formen, wie sie will.“ (Gorgias)

Weil damit auch die Beeinflussung des Gegenübers oder eines größeren Publikums gemeint ist, hat diese Fähigkeit bis heute nicht an Attraktivität eingebüßt. Allerdings ist die sophistische Auffassung von Tugend, Vortrefflichkeit und Bestheit (aretḗ) weit von Platons Auslegung entfernt.


Bertholt Brechts (1898 - 1956) Ausspruch „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“ könnte glatt von einem Sophisten stammen. Was Platon über diesen Satz gedacht hätte, können wir uns denken.


Immerhin hatten die Sophisten mit ihrer Theorie, sämtliche Urteile seien subjektiv, die Ethik um einen originellen und inspirierenden Gedanken bereichert.


Ein Knochen, an dem Ethiker bis heute kauen.







Literatur

Buckingham, Will u.a.: Das Philosophie-Buch, Verlag Dorling Kindersley, London/München 2011.

Diels, Hermann: Die Fragmente der Vorsokratiker, Rowohlt Verlag, Hamburg 1957.

Horn, Christoph: Antike Lebenskunst. Glück und Moral von Sokrates bis zu den Neuplatonikern, 3. Auflage, Verlag C. H. Beck, München 2014.

Kranz, Walther: Die Griechische Philosophie. Zugleich eine Einführung in die Philosophie überhaupt, Verlag Schibli-Doppler, Birsfelden-Basel 1955.

Nicola, Ubaldo: Bildatlas Philosophie. Die abendländische Ideengeschichte in Bildern, Parthas Verlag, Berlin 2007.

Platon: Theaitetos, in: Sämtliche Werke, Band 3, 37. Auflage, Rowohlt Verlag, Hamburg 2013.

Schmidt, Josef: Philosophische Theologie. Grundkurs Philosophie, Band 5, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2003.

Schmidt, Josef: Religionsphilosophie. 6 Vorlesungen, Uni Auditorium, Verlag Komplett-Media, München 2011.

Taureck, Bernhard H. F.: Die Sophisten. Eine Einführung, Junius Verlag, Wiesbaden.

Xenophon: Erinnerungen an Sokrates, Reclam, Ditzingen 2010.




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