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Epiktet: Stoiker und Sklave - 10 Zitate

Aktualisiert: 10. Apr. 2023

Sokrates, Jesus, Epiktet – Drei herausragende Persönlichkeiten mit einer erstaunlichen Gemeinsamkeit. Sie haben keine schriftlichen Aufzeichnungen hinterlassen... nicht eine Seite.


Gut, dass Weggefährten deren Worten gelauscht und mitgeschrieben haben. Bei dem Spätstoiker Epiktet (ca. 50-135 n. Chr.) war es sein Schüler Flavius Arrianus. Ihm verdanken wir die spärlichen Überlieferungen.


Dabei handelt es sich um Vorlesungsstenogramme oder Zusammenfassungen von lebhaften, dem gepflegten Zeitvertreib gewidmeten, moralphilosophischen Unterhaltungen (diatribḗ). Eine Diatribe richtet sich nicht „bewusst an den Fachphilosophen, sondern an den Laien, meidet Fachsprache und Systematik […]“ (Kurt Steinmann). Die bevorzugten Themen damals wie heute: Freundschaft, Freiheit, Armut, Sinneslust, Glück und Gerechtigkeit.



Die Kunst der packenden Rede


Epiktet beherrschte und beherzigte, woran es der Philosophie in unserer Zeit oft mangelt: an Farbigkeit und Lebendigkeit eines Vortrags oder Dialogs. Um seine Gedanken bildhaft und einprägsam zu vermitteln, bediente er sich unterschiedlicher Stilmittel: Anekdoten, historische Vergleiche und fiktive Dialoge.


„All diese Vorzüge ließen sie zum genuinen Instrument der kynischen und stoischen Belehrung werden.“ (Kurt Steinmann).

Epiktet zählt neben Seneca und Marcus Aurelius zu den einflussreichsten Vertretern der jüngeren Stoa (1.- 2. Jahrhundert n. Chr.), die laut Luciano De Crescenzo, ganz auf italienischem Boden gewachsen ist. Alle drei Denker lebten in Rom, waren aber unterschiedlicher sozialer Herkunft: Seneca ein Teil des Geldadels, Marc Aurel Kaiser, Epiktet ein ehemaliger Sklave.


Während Seneca – Wasser predigend, Wein trinkend ­– die verwirrende Widersprüchlichkeit des Menschen verkörperte, war der genügsame Epiktet näher am stoischen Ideal der Begierden- und Leidenschaftslosigkeit (apatheia).


Allerdings war Epiktets Vorliebe für eine geerdete und glaubwürdige Philosophie beileibe keine Ausnahme. Vor allem Sklaven zeigten sich aufgrund ihrer trüben Lage für die Verheißungen der Philosophie empfänglich (De Crescenzo). Wie keine andere philosophische Strömung bewährt sich der Stoizismus in Krisenzeiten als Lebensbewältigungs-Philosophie, als magistra vitae.



Die Grundzüge seiner Philosophie


Epiktet respektierte das stoische Denksystem der älteren und mittleren Stoa mit den drei Säulen Physik, Logik und Ethik. Allerdings konzentriert er sich, die Naturwissenschaften vernachlässigend und die Logik lediglich als Propädeutikum nutzend, auf die angewandte Ethik.


„Dass die Logik hier sehr deutlich als Beweislehre im Dienst der Ethik aufgefasst wird, ist vermutlich schon älteste stoische Lehre, die letztlich auf Sokrates zurückgeht.“ (Franz Schupp)

Wie die altvorderen Stoiker glaubte Epiktet, dass es nicht die Dinge sind, die uns bewegen und unser Handeln lenken, sondern unser subjektives Urteil (dógma) über sie. Wir messen ihnen subjektiv einen Wert bei oder nicht. So lässt das eigene Urteil einen Erwachsenen vor einem Tyrannen erzittern, während das Kind – oder ein idealtypischer Stoiker – gleichgültig reagiert (Steinmann).


Deshalb behauptete Epiktet, dass es möglich ist, Herr seines Schicksals zu sein … basierend auf der traditionellen stoischen Unterscheidung zwischen dem, was „bei uns steht“ und dem, was „nicht bei uns steht“. Mit anderen Worten: zwischen dem, was in unserer Macht steht und dem, was sich unserem Einfluss entzieht. Von außen Aufgezwungenes soll mit stoischer Gelassenheit angenommen und bejaht werden.



Aus Sicht eines Unfreien verständlich, aus heutiger Perspektive befremdlich: Epiktet verortete materiellen Besitz, Ansehen und Stellung außerhalb der Macht des Individuums. Ein Indiz für die starke Prägung durch seine Zeit als Sklave. Aber:


„Was in der Macht des Menschen steht, ist seine innere Haltung, in der er frei und indifferent gegenüber den äußeren Dingen werden soll.“ (Franz Schupp)

Vor allem für Sklaven war dieses Auf-Distanz-gehen-zur-Welt und die daraus resultierende abstrakte Freiheit der letzte Rückzugsraum. Die weitgehende Abkehr vom Außen (der Welt), in Verbindung mit einer Hinwendung auf das Innere, sollte die Fesseln sprengen und den Weg zur Glückseligkeit (eudaimonia) und unerschütterlichen Seelenruhe (ataraxia) ebnen… ungeachtet der äußeren Umstände.


„Die Philosophie der Stoiker wird so zur Philosophie des Kosmopoliten, den weder ein übermächtiger Staat noch die Heimatlosigkeit in einem Vielvölkerstaat beunruhigen können.“ (Franz Schupp)

Epiktet und viele andere Stoiker waren Fatalisten. Sie interessierten sich nur am Rande für den Staat und die Gesellschaft. Folgerichtig suchten sie ihren Seelenfrieden in der Freundschaft mit Gleichgesinnten, d. h. mit anderen Stoikern.




1. Verlangen


„Verlange nicht, dass das, was geschieht, so geschieht, wie du es wünschst, sondern wünsche, dass es so geschieht, wie es geschieht, und dein Leben wird heiter dahinströmen.“

2. Verlust


„Sag nie von einer Sache: ‚Ich habe sie verloren‘, sondern: ‚Ich habe sie zurückgegeben‘.“

3. Seelenruhe


„[E]s ist besser, frei von Kummer und Angst Hungers zu sterben, als ständig innerlich aufgewühlt zu leben.“

4. Freiheit


"Wer [..] frei sein will, soll weder etwas erstreben noch etwas meiden von dem, worüber andere gebieten; sonst wird er zwangsläufig zum Sklaven.“

5. Bescheidenheit


„Bedenke: Du musst dich (im Leben) wie bei einem Gastmahl benehmen. Es wird etwas herumgereicht, und du kommst an die Reihe.“

6. Kränkungen


„Nicht wer dich beschimpft oder dich schlägt, verletzt dich, sondern nur deine Meinung, dass diese Leute dich verletzen.“

7. Praxis


„Der erste und notwendigste Bereich der Philosophie umfasst die Anwendung ihrer Lehren.“

8. Selbstkritik


„Zustand und Charakter eines Ungebildeten: Niemals erwartet er Nutzen oder Schaden von sich selbst, sondern nur von äußeren Einwirkungen. Zustand und Charakter eines Philosophen: Allen Nutzen und Schaden erwartet er von sich selbst.“

9. Selbsteinschätzung


„Wenn du eine Rolle übernimmst, die deine Kräfte übersteigt, so gibst du dir nicht nur hierin eine Blöße, sondern versäumst auch die, die du hättest ausführen können.“

10. Zurückhaltung


"Wenn du an eine einfache Lebensart gewöhnt bist, so sei nicht stolz darauf. Trinkst du nur Wasser, so sage nicht bei jedem Anlaß: ‚Ich trinke Wasser‘."




Hier ein informatives Video von Dr. Andreas Stuck vom Treffpunkt Philosophie Villach:




Literatur

Epiktet: Handbüchlein der Moral, mit einem Nachwort von Kurt Steinmann, Reclam, Ditzingen 2019.

De Crescenzo, Luciano: Geschichte der griechischen Philosophie, Diogenes Verlag, Zürich 1988.

Schupp, Franz: Geschichte der Philosophie im Überblick. Band 1 Antike, Felix Meiner (Jokers Edition), Hamburg 2012.

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