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Warum nicht gleich im Hafen bleiben?

Aktualisiert: 17. Nov 2020

Kreuzfahrtschiffe und die Philosophie ... wo ist denn da die Schnittmenge?



„Wer eine Vorliebe für Schiffe hat, liebt zunächst ein [...] unwiderruflich abgeschlossenes Haus und nicht die großen Aufbrüche ins Ungewisse.“

Das Zitat stammt von Roland Barthes, einem französischen Philosophen und Zeichentheoretiker. Er wird uns bei der Annäherung an das Phänomen Kreuzfahrt begleiten.


Worum geht es Barthes? Blicken wir auf seinen Essay „Nautilus und Trunkenes Schiff“. Dort bringt er die Geste der Inbesitznahme ins Spiel. Sie ist ein Drang, die vorgefundene Welt zu möblieren. Barthes spricht von einer kindlichen Leidenschaft Erwachsener für Hütten und Zelte. Sie richten diese ein und machen es sich darin gemütlich. Daraus erwächst das Glück der Einschließung. Aus dieser Komfortzone blicken sie auf die Welt.


Übertragen auf das heutige Thema: Der Kreuzfahrer sitzt auf oder in dem Schiff und lässt die Welt vorbeiziehen. Für ihn ist es ein Stück Heimat. Dort findet er Seinesgleichen. Er redet mit anderen Passagieren, aber selten mit Matrosen oder Einheimischen. Der möblierte Schiffskörper ist die Fortsetzung dessen, was er aus seinem Alltag kennt, dort aber nicht mehr erträgt: Akustische und visuelle Reizüberflutung. Zu schweigen von den Menschen, die ihm ähnlich sind.


Zeit, Barthes' Hauptgegner, den französischen Kleinbürger, vorzustellen. Dass er ihn mit einer antiquierten klassenkämpferischen Attitüde als konsumorientierten Wicht modelliert hat… geschenkt.


„Das Typische am Kleinbürger für Barthes: Er sieht überall dasselbe. Selbst wenn er zum Mars fliegt, findet er dort nur das vor, was er schon kennt. In dieser spießbürgerlichen Unfähigkeit, über den Tellerrand zu sehen und das Andersartige zu erfassen, liegt eine dumpfe Verbissenheit und ein fataler Hang zu Stereotypen. Je resoluter der Kleinbürger behauptet, auf sein Gegenüber zuzugehen, desto weniger kann er von sich selbst absehen. Er reproduziert immer nur sich selbst.“ (Eric Marty)

Der Kreuzfahrer freut sich auf etwas, das ihn im Kern nicht interessiert. Diesem Typus Mensch ist es egal, ob er es mit den Dingen selbst oder mit Simulationen und Artefakten zu tun hat. Dass das thailändische Buffet exakt auf den westlichen Geschmack abgestimmt ist, merkt oder hinterfragt er nicht. Diese Illusionswelt gibt ihm in der Fremde Halt und ein Gefühl von Sicherheit. Vor allem beim Konsumieren.


Schiffe bieten laut Barthes eine Gelegenheit, die Schwere des Alltags hinter sich zu lassen. Nach mehreren tausend Jahren Seefahrt sind sie Gegenstände des Staunens geblieben. Sie wecken Sehnsüchte, Leidenschaften und Träume. Kreuzfahrtschiffe sind ein Mythos, aber für tatsächlichen Aufbruch, Weite, Freiheit und Abenteuer stehen sie nicht. Ebenso wenig für ein Interesse an fremden Kulturen. Deshalb die Frage: Warum nicht gleich im Hafen bleiben? Antwort: Weil etwas Wesentliches fehlen würde.


Mag das Interesse am Unbekannten gering sein, eine Kreuzfahrt ist immer auch eine Inszenierung. Aus diesem Grund muss das Schiff raus aus dem Hafen und seiner Bestimmung gemäß durch das Wasser gleiten. So betrachtet, ist dem Kreuzfahrer der Weg das Ziel.




Literatur

Barthes, Roland: Mythen des Alltags, 4. Auflage, Suhrkamp Verlag, Berlin 2016.


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