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BUCHTIPP: Die Substanz des Universums

  • Autorenbild: fowlersbay
    fowlersbay
  • vor 3 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit

Können Atome denken und fühlen, wenn sie geschickt genug arrangiert sind? Eine absurd anmutende Frage… zumindest im ersten Moment. Blicken wir auf das menschliche Gehirn als Krönung selbstorganisierender Komplexität, wirkt die Vorstellung keineswegs abwegig.


Denn in dem maximal 1,5 Kilo schweren Organ von der Größe einer Grapefruit verrichten rund einhundert Milliarden lebloser Neuronen ihr Tagwerk. Zur Einordnung: Das entspricht der Anzahl Sterne der Milchstraße.

 

Trotzdem denkt die Milchstraße nicht. Sie komponiert keine Symphonien und schreibt keine Romane. Anders das menschliche Gehirn, bei dem das Zusammenwirkens lebloser Einzelteile Bewusstsein, Intelligenz, Emotionalität und Verstand hervorbringt.

 

Was ist das Geheimnis? Die hohe Anzahl von Gehirnzellen erklärt nicht das Vorhandensein von Bewusstsein. Das geistige Potential entfaltet sich auch nicht allein aufgrund der Qualität der einzelnen Elemente. Vielmehr ist das „Auftauchen“ von Geist oder Seele den Wechselwirkungen untereinander und der Gesamtorganisation des Systems geschuldet. Erst das neuronale Netzwerk des Gehirns bringt Bewusstsein hervor.

 

 

 

Alles nur Mathematik?

 

Bernd Pröschold greift mit seinem Buch „Die Substanz des Universums“ diese Erkenntnis auf und erweitert sie durch Thesen wie dieser:

 

Beim Universum handelt es sich um einen informationsbasierten Rechenvorgang.

 

Wow, eine kühne Ansage. Damit wird er sich nicht nur Freunde machen… vor allem nicht bei Menschen, die an einen personalen Schöpfer-Gott glauben. Er weiß aber:

 

„Obwohl jeder von uns den Eindruck hat, über Bewusstsein zu verfügen, kann die Wissenschaft bis zum heutigen Tage nicht erklären, wie genau aus den Vorgängen in unseren Hirnen das Erleben einer Welt entsteht.“

 

Dieses Erleben hat ein Zentrum, das wir unser „Ich“ nennen. Aus dieser Perspektive stellen wir uns die Frage, wie die Welt entstanden sein könnte. Nach derzeitigem Wissensstand haben alle im Universum vorhandenen Objekte ihren Ursprung im Urknall.

 

„Für Philosophinnen ist die Vorstellung vom Urknall eine harte Nuss, denn sie legt nahe, dass die Welt aus dem Nichts entstanden ist.“ (Bernd Pröschold)

 

Für Bernd Pröschold ist das Nichts (d. h. die Abwesenheit von allem) die Startrampe seiner Überlegungen. Aber kann das Nichts überhaupt gedacht werden, ohne es von „Etwas“ abzugrenzen? Denn es gilt:

 


Keine Nichts ohne Etwas 


Wo waren wir stehengeblieben? Beim Bewusstsein. Das Rätsel des Bewusstseins ist derart groß, dass es – wenn überhaupt – nur interdisziplinär gelüftet werden kann. Die wichtigsten Akteure:

 

  • Neuro- und Kognitionswissenschaften

  • Psychologie

  • Philosophie

  • Quantenphysik

  •  

Entsprechend pragmatisch und lösungsorientiert ist Bernd Pröscholds Ansatz:

 

„Wenn wir die Vernetzung des Denkens verstehen wollen, müssen wir die Denkrichtungen miteinander vernetzen.“

 

Auch er kommt nicht um den Begriff der Substanz herum… was immer das sein mag. So wünschte sich Johann Wolfgang von Goethe: „Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält.“

 

Für Bernd Pröschold ist die dem Universum zugrunde liegende Substanz nicht von materieller Art. Sie ist, so seltsam das klingen mag, immateriell. Für ihn sind Informationen der Urstoff des Universums.

 

Diese Vorstellung widerspricht fundamental unseren Sinneseindrücken. Für religiöse Menschen, die die Welt als von Gott erschaffen und gegeben voraussetzen, ist sie eine Provokation.

 

Die Idee, dass Informationen Welten erzeugen können, stammt nicht aus dem Feld der Philosophie. Wegbereitend waren Technologien, die digitale Erlebniswelten erschaffen (z. B. Augmented Reality). Im Laufe dieser Entwicklung sind Informationen (Daten) zum wertvollen und zentralen Rohstoff geworden.



Die Mathematik als Wegbereiter

 

Pröschold orientiert sich an George Spencer Brown (1923-2016), einen visionären Mathematiker. Brown war der Ansicht, dass Dinge nicht einfach in der Welt sind, sondern von einem Beobachter hervorgebracht werden.

 

In dem Moment, wo etwas benannt wird (z. B. das Nichts), kommt es in die Welt und wird von etwas anderem unterschieden (z. B. dem Seienden). Fassen wir die Unterscheidung zu einer Einheit zusammen, wird sich diese wiederum von etwas anderem unterscheiden.

 

„Ein Unterscheidung ist eine Einheit, die von anderem unterschieden werden kann und so weiter.“ (Pröschold)

 

Gemäß der Differenztheorie lassen sich Unterscheidungen immer weiter „aufspalten“ und zueinander in Beziehung setzen. Der Clou: Wie in der Booleschen Algebra wird damit der Aufbau beliebiger Komplexität möglich.

 

Einmal ans Laufen gebracht, benötigen Rechenvorgänge keine Energie, weil es in der Mathematik keine Substanzen gibt, die mit mechanischen Kräften vorangetrieben werden müssen. Deshalb bestehen für Spencer Brown Universen aus mathematischen Operationen.

 

„Wir sind nichts anderes als Rechenvorgänge, Rechenvorgänge, die so komplex sind, dass ihnen eine Welt erscheint.“ (Pröschold)

Das klingt kompliziert und schwer verdaulich. Kann man das Buch interessierte Laien und Fachleuten empfehlen? Unbedingt, Bernd Pröschold gelingt das Kunststück, uns eine Theorie näherzubringen, die sich der gängigen Vorstellung entzieht.

 

Getreu Friedrich Wittgensteins Leitgedanken:

 

„Alles, was überhaupt gedacht werden kann, kann klar gedacht werden. Alles, was sich aussprechen lässt, lässt sich klar aussprechen.“

 

Das gelingt Pröschold uneingeschränkt, was nicht bedeutet, dass der geneigte Leser an etlichen Stellen nicht aufgefordert ist, Sachverhalte oder Fachtermini mit Hilfe von Büchern oder dem Internet auf eigene Faust zu recherchieren.

 

Bei aller Ernsthaftigkeit des Themas macht die Lektüre von „Die Substanz des Universums“ Spaß. Das ist bei wissenschaftlichen Büchern dieser Fachrichtung keine Selbstverständlichkeit.




Über den Autor

Bernd Pröschold arbeitet neben seiner Autorentätigkeit als Astrofotograf. Er hat an der WMU Münster Kommunikationswissenschaften, Soziologie und Angewandte Kulturwissenschaften studiert. Als Autor widmet er sich Weltraumthemen aus Sicht der Geistes- und Sozialwissenschaften. Dabei befindet er sich stets mit einem Bein auf dem Terrain der Philosophie.

 

 

 

Das Buch

Pröschold, Bernd: Die Substanz des Universums, Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg, 2025, 186 Seiten, ISBN 978-3826095573, 21,00 Euro.




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