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BUCHTIPP: Geschichte der Philosophie

Haben Sie genug Zeit und Nerven, Kant oder Hegel von vorne bis hinten zu lesen? Die Gedanken komplex, die Sätze schier endlos, die Sprache sperrig und antiquiert - das ist nicht jedermanns Sache.


Der Nebel lichtet sich zwar mit voranschreitender Lektüre, aber nur wenige Leser halten durch. Das Ergebnis: Die philosophische Schwarte wandert zurück ins Bücherregal und fristet ihr Dasein als Deko für Zoom-Meetings.


Ein barrierefreier Zugang zur Philosophie


Sich als Novize auf die Primärliteratur philosophischer Schwergewichtler zu stürzen ist löblich, aber beschwerlich. Zum Glück gibt es eine Alternative: Das homöopathisch dosierte Herantasten mittels Sekundärliteratur, z. B. eines philosophischen Lexikons. Was kann man sich darunter vorstellen? Kurz gesagt, eine nach Namen sortierte Art Wikipedia - aber gehaltvoller und in gedruckter Form.


Wenn alle Wege nach Rom führen, ist es egal, ob man sich den großen Denkern über deren Primär- oder eine gute Sekundärquelle nähert. Hauptsache, man hat angebissen.


„Philosophiegeschichte ist [..] immer ein Hinführen zu den Werken der Philosophen selbst.“ (Hirschberger)

Mögen akademische Philosophen die Nase rümpfen - der Zweck heiligt die Mittel. Zumal sich die Philosophie nicht in der luxuriösen Situation befindet, von Fanscharen erdrückt zu werden. Schade, denn gerade in Krisenzeiten kann die Philosophie, frei nach Boethius, Trost spenden und Orientierung geben.



Was zeichnet ein gutes Nachschlagewerk aus?


Der Qualitätsanspruch an ein philosophisches Nachschlagewerk ist schnell definiert: So knapp wie möglich, so detailliert wie nötig. Sowohl Leben als auch Werk bedeutender Philosophinnen und Philosophen sollen treffsicher abgebildet werden. Die wichtigste Frage, die sich jeder Autor stellen muss: Welche Teile des jeweiligen Denksystems sind unverzichtbar? Jede Weglassung kann die Statik und den inneren Zusammenhang einer Lehre ins Wanken bringen. Es ist ein Spagat zwischen Reduktion und Ausschweifung.


„Das größte Kopfzerbrechen macht eigentlich nicht, was man schreiben, sondern was man auslassen muss.“ (Hirschberger)

Das erfordert Disziplin und Selbstüberwindung. Johannes Hirschberger (1900-1990) zeichnet in seinem Standardwerk „Die Geschichte der Philosophie“ auf über 1300 Seiten ein dichtes, schlüssiges und leicht verständliches Bild der Philosophie - von der Antike bis (fast) zur Gegenwart. Der Lohn dieser Leistung: „Der Hirschberger“ ist seit fast 70 Jahren fester Bestandteil geisteswissenschaftlicher Bibliotheken.



Warum der Hirschberger nicht fehlen sollte


Johannes Hirschberger ist ein Kunststück gelungen: Er bedient viele Lesergruppen, ohne ins Beliebige zu rutschen. Dem philosophisch interessierten Neuling dient das Nachschlagewerk als Einführung. Häufig ist es die Einstiegsdroge in die Welt der Philosophie. Studierte Philosophen verschaffen sich damit einen Überblick über die Topographie eines Denksystems, in dessen Details und Tiefen sie sich zu verlieren drohen.


Hirschberger geht weiter: Er behauptet, dass Philosophiegeschichte - und die Darstellung derselbigen - reine und wirkliche Philosophie ist. Er beruft sich auf Hegel und sieht darin mehr als einen ungeordneten Haufen von Meinungen.


„Philosophiegeschichte ist wohl ein Heranwachsen und Zu-sich-selbst-Finden des Geistes.“

Damit hat Johannes Hirschberger seinen Antrieb in der Einleitung seines Werkes auf den Punkt gebracht. Seine Überzeugung: Die Kenntnis wichtiger philosophischer Gedanken und anderer Meinungen kann den engen Rahmen persönlicher, zeitlicher und räumlicher Bedingungen sprengen. Er geht weit über die deskriptive Darstellung philosophischer Denksysteme hinaus, indem er sie in Bezug zueinander setzt.



Nur Licht und kein Schatten?



Genug der Lobenshymne. Bei Hirschberger gibt es schmerzliche Lücken. Das wird am ehesten Anhängern der zeitgenössischen Philosophie auffallen. So fehlt der französisch-litauische Phänomenologe Emmanuel Levinas (1906-1995). Sein Gedanke der unüberwindbaren Andersheit [sic] des Anderen hätte eine Erwähnung verdient. Auch nach Roland Barthes (1915-1980) und dessen Mythen des Alltags sucht man vergeblich. Selbst Jürgen Habermas’ (1929-) wirkmächtige Theorie des Herrschaftsfreien Diskurses bleibt unerwähnt.


Alternativen in Buchform gibt es für diesen Leserkreis wenig. Franz Schupps (1936-2016) empfehlenswerte „Geschichte der Philosophie im Überblick“ bietet diesbezüglich leider auch nicht mehr.


Fazit: Der Hirschberger ist solide Hausmannskost - im besten Sinne. Zugleich ist er ein Klassiker des Genres. Mangels Fortschreibung ist er allerdings an einem Punkt des philosophiegeschichtlichen Pfades stehen geblieben ist. Wer mit diesem Mangel leben kann, erhält ein voraussetzungsfreies Kompendium der wichtigsten abendländischen Philosophen.





Literatur

Hirschberger, Johannes: Geschichte der Philosophie, 2 Bände, 8. Auflage, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 1974.



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