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GASTBEITRAG: Was ist Bewusstsein?

Aktualisiert: 1. Nov.

Handelt es sich beim Bewusstsein um eine Entität die uns umgibt und an der wir als Individuen teilhaben oder finden wir das Bewusstsein in uns? Sollte Letzteres der Fall sein, stellt sich die Frage, an welcher Stelle im Körper es zu verorten ist. Dr. Wolfgang Stegemann bietet mit seinem Artikel eine schlüssige Theorie, die Widersprüchlichkeiten, mit denen die großen philosophischen Strömungen Dualismus und Physikalismus im Bereich Leib-Seele-Problem kämpfen, vermeidet.


Wir freuen uns, den Leserinnen und Lesern von mueller-denkt durch diesen Gastbeitrag einen Einblick in die faszinierende Bewusstseinsforschung bieten zu können. Herr Dr. Wolfgang Stegemann hat Philosophie, Psychologie und Pädagogik studiert. Zudem war er viele Jahre mit einem eigenen Institut im Bereich der Erwachsenenbildung tätig. Seit 2018 widmet er sich erneut intensiv wissenschaftlichen Themen mit den Schwerpunkten Theorie des Placeboeffekts, Bewusstseins-, System- und Evolutionstheorie. Geben wir nun Herrn Dr. Stegemann das Wort:




Was ist Bewusstsein?


Der abendländische Mensch schlägt sich mit dieser Frage nun schon seit zweieinhalb tausend Jahren herum – ohne eine befriedigende Lösung oder erfolgversprechende Theorie. Eine Bewusstseinstheorie sollte mindestens drei zentrale Fragen beantworten. Zum einen sollte sie das Leib-Seele Problem lösen, zum anderen die sogenannten Qualia erklären und schließlich darlegen können, ob wir einen freien Willen haben oder nicht.


Lassen wir alle Ansätze beiseite, die Bewusstsein als eine eigene Entität beschreiben, die dem Körper hinzugefügt wird. Verzichten wir darüber hinaus auf Ansätze, die Bewusstsein einfach leugnen.



Bewusstsein ist keine Software


Bereits Gottfried Wilhelm Leibnitz (1646-1716) fragte sich, ob er den Geist finden würde, wenn er durch ein vergrößertes Modell des Hirns laufen könnte. Informatikaffine Vertreter sprechen gerne vom Gehirn als Hardware und bezeichnen dann folgerichtig das Bewusstsein als Software. Das Problem ist nur, dass es im Gehirn keine Software gibt.


Wenn also Bewusstsein nichts Zusätzliches ist und dennoch vorhanden ist, dann gibt es nur eine plausible Schlussfolgerung: Es muss sich um eine Eigenschaft des physischen Gehirns handeln – so wie der Herzschlag eine spezifische Eigenschaft des physischen Herzens ist. Bewusstsein entsteht dann mit jeder Tätigkeit des Gehirns. Denken und Empfinden sind physische Veränderungen des Gehirns. Sie lassen sich sowohl chemisch als auch elektrisch messen. Im Hirnscanner können diese Veränderungen bildhaft gezeigt werden.


Wie aber kommt es zum Denken und Empfinden? Vergegenwärtigen wir uns, was die

Grundlage (der Wesenskern) allen Lebens ist und folgen wir der Methode des Philosophen Edmund Husserl (1859-1938), der überzeugt war, man müsse die Erscheinungen auf die ihnen zugrunde liegenden Regeln und Prinzipien zurückführen. Er nannte diese zweistufige Vorgehensweise phänomenologische Reduktion. Diese besteht aus zwei „Komponenten“, der Epoche (Zurückhaltung eines Urteils) und der eidetischen Reduktion (Schau des Wesens eines Phänomens).



Leben ist Struktur


Leben entsteht durch das Zusammenspiel von toten Bausteinen. In keinem einzigen Baustein ist auch nur ein Hauch von Leben. Nur durch die Art und Weise, wie diese zusammenarbeiten, erklärt sich Leben. Leben ist demnach Struktur. Und diese Struktur muss sich selbst organisieren, reproduzieren, ja sogar selbst reparieren und sich schließlich in der Welt orientieren. Leben ist Aktivität. Sie ist die Basis von Denken und Empfinden. Wie lässt sich Denken im Detail beschreiben? Der Austausch zwischen Leben und Umwelt

besteht darin, dass Leben sich die Elemente der Umwelt zu eigenmacht, sie also in seinem Sinne strukturiert. Der Stoffwechsel ist ein Beispiel dafür. Wir nehmen Nahrung auf und strukturieren sie so, dass sie Teil unseres Körpers wird. Unser Gehirn macht dasselbe. Es ordnet diffuse chaotische Reize zu Mustern, mit denen wir die Welt interpretieren und handhabbar machen.



Wie wir durch die Welt navigieren


Stellen wir uns vor, wir sehen einen Baum, dann noch einen und noch einen. Die Muster dieser Bäume überlagern sich und bilden Abstrakta. Je mehr Bäume wir sehen, desto allgemeiner wird unsere Vorstellung von einem Baum und desto mehr Bäume erkennen wir wieder. Wir komprimieren also alle Bäume in einem allgemeinen abstrakten Muster des Baumes-an-sich. In diesen Abstrakta steckt eine Menge an Information, nämlich die vieler Bäume. Dabei abstrahieren wir von unnötigen Details (eidetische Reduktion) und bilden somit verallgemeinerbare Abstrakta. Mit diesen navigieren wir quasi durch die Welt. Indem wir unzählige Ketten solcher Abstrakta bilden, steigt die Informationsdichte im Gehirn und macht unsere Orientierung immer präziser.


Bewusstsein bedeutet also Strukturbildung durch physische Veränderung und umgekehrt.

Warum aber erleben wir dieses ganze Bewusstseinstheater. Warum haben wir diese Qualia,

d. h. diese persönlichen Empfindungen. Schauen wir wieder auf Leben im Allgemeinen. Leben ist sensibel gegenüber Umweltreizen. Bereits Einzeller haben diese Eigenschaft und benötigen sie auch, um zu überleben. Sie reagieren auf stoffliche Konzentrationsunterschiede, das heißt, sie nähern sich lebenserhaltenden

und entfernen sich von lebensbedrohenden Konzentrationen (Chemische Gradienten).



Mit der Entstehung zentraler Nervensysteme in der Evolution hat diese Sensibilität eine völlig andere Qualität erreicht. Achtzig Milliarden Neuronen mit unzähligen Verbindungen bescheren uns einen vieldimensionalen Erlebnisraum, der mit Einzellern nicht mehr vergleichbar ist. Es ist dies unsere Form von Sensibilität. Und diese Erlebnisse sind – aus meiner ICH-Perspektive – nicht objektivierbar. Mein Nachbar kann meine Empfindung oder meinen Schmerz nicht fühlen. Es gibt keinen Schlüssel, der zwischen mir und ihm ausgetauscht werden könnte. Somit ist auch Gedankenlesen auf direktem Wege prinzipiell nicht möglich. Die Vorstellung, meine Gedanken könnten auf einen Bildschirm projiziert werden, ist fiction und hat mit science nichts zu tun.



Relative Autonomie


Welche Auswirkungen hat nun ein solcher Bewusstseinsbegriff auf den freien Willen? Die in den oben genannten Abstrakta verdichtete Information über die Welt verleiht uns eine relative Autonomie. Die Entscheidungen, die wir treffen, sind demnach relativ autonom. Warum nur eine relative Autonomie? Weil wir weder heute noch in Zukunft die gesamte Welt in diesen Abstrakta repräsentieren können und deshalb niemals die vollständige Kontrolle über die Welt haben werden. Schließlich wird unsere Autonomie dadurch begrenzt, dass wir uns in einem Möglichkeitsraum bewegen, den uns die Umwelt zur Verfügung stellt und in dem unsere Sozialisation stattfindet. Dabei entwickeln wir uns gemäß den Voraussetzungen eines ganz bestimmten genetischen Mosaiks.


Wie aber treffen wir überhaupt Entscheidungen? Was gibt uns den Impuls dazu? Wir haben den chemischen Gradienten bei den Einzellern erwähnt. Beim Gehirn greift dasselbe Prinzip. Wir könnten hier sogar von einem Informationsgradienten sprechen. Stellen wir uns vor, wir sehen einen Gegenstand nur verschwommen. In der Theorie würde man sagen, es entsteht ein dynamisches Ungleichgewicht, das wir ausgleichen möchten. Wir nennen es Neugier und nähern uns vielleicht diesem Objekt. Haben wir es „strukturiert“, ist das dynamische Gleichgewicht wiederhergestellt.


Nun sind Entscheidungen in Wirklichkeit weitaus komplexer, denn es sind ganze Cluster von Mustern, verteilt über verschiedene Hirnbereiche, beteiligt. Aber letztlich spielt der Informationsgradient die entscheidende Rolle. Er repräsentiert die dem Leben inhärente Eigenschaft eines Systems, das sich selbst ständig in einem dynamischen Gleichgewicht halten muss – stets offen gegenüber Neuem und das Bewährte schützend.


Bis hierher haftet dem Ganzen immer noch der Hauch einer kybernetischen Maschine an. Was wir noch brauchen, ist unsere Subjekthaftigkeit. Leben ist per Definition Subjekt, nämlich Subjekt seines Handelns. Damit unterscheidet es sich grundlegend von der toten Objektwelt. In unserer individuellen Entwicklung wird aus dieser allgemeinen Subjektivität langsam unser konkretes ICH, indem wir uns gemäß unserer Möglichkeit immer mehr Abstrakta und damit immer mehr Handlungskompetenzen aneignen. Erst durch unsere zum ICH werdende Subjektivität kann relative Autonomie real werden.



Zusammenfassung


Bewusstsein stellt sich als Eigenschaft des Gehirns dar und zeigt sich als dessen physische Veränderung. Es entsteht als Struktur- und damit Ordnungsbildung und verdichtet damit Information, die uns Entscheidungen relativ autonom treffen lässt. Subjektiv erleben wir dies als Qualia, und damit aus einer völlig anderen Perspektive, die wir nicht direkt, sondern lediglich verbal teilen können. Da die physische Änderung des Denkens nicht nur das Gehirn betrifft, sondern auch andere Regulationsebenen des Organismus, lassen sich mit diesem Bewusstseinsbegriff auch Phänomene wie die Psychosomatik, der Placeboeffekt oder andere mentale Beeinflussungen erklären.



Dr. Wolfgang Stegemann, 13.10.2022

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