• Dirk Boucsein

GASTBEITRAG: Digitaler Tribalismus

Aktualisiert: 2. Juni

Manchmal fügen sich Dinge wie von selbst und verleihen Vorhaben eine neue Qualität. Diese Entwicklungsschritte kann man nicht erzwingen. Aber man kann einen geeigneten Nährboden schaffen – stets der Überzeugung Louis Pasteurs (1822-1895) folgend, dass der Zufall den vorbereiteten Geist begünstigt.


Wir freuen uns sehr, dass Dirk Boucsein, der Betreiber von philosophies.de, auf uns aufmerksam wurde. Bereits der erste telefonische Kontakt war inspirierend, denn beide Blogs folgen der Maxime „Nur geteiltes Wissen ist vermehrtes Wissen“ .


Wir sehen uns nicht als Konkurrenten in einem Kampf um Aufmerksamkeit, sondern teilen die Überzeugung, dass man sich zum Vorteil der jeweiligen Leser thematisch ergänzen kann. Deshalb wollen wir wechselseitig in losen Abständen Gastbeiträge veröffentlichen und daran arbeiten, die Philosophie in ihrer ganzen Bandbreite möglichst barrierefrei allen Interessierten zugänglich zu machen.


Überlassen wir es Dirk Boucsein, seinen Blog kurz vorzustellen:


„Die Posts auf philosophies.de beschäftigen sich mit den vielfältigen Aspekten der aktuellen Philosophie und sollen den Staub von den Buchdeckeln pusten. Aus diesem Grund stellen wir der Öffentlichkeit populärwissenschaftliche philosophische Inhalte aus zahlreichen Themengebieten kostenlos zur Verfügung.


Darüber hinaus laden wir In einer Zoom-Interview-Reihe WissenschaftlerInnen aus den Neurowissenschaften und der Philosophie des Geistes zum Gespräch. Durch die philosophische Brille blickend, befragen wir sie beispielsweise zum Forschungsstand des spannenden Themas „Konstitution von Bewusstsein“. Übrigens: Sämtliche Interviews können anschließend auf unserem Youtube-Channel "Zoomposium" abgerufen werden. Ansonsten sind wir von philosophies.de immer mit der Diogenes-Lampe unterwegs, um Menschen zu finden, die sich wie wir nach dem Licht der Erkenntnis sehnen. Aus diesem Grund sind wir offen für Gastbeiträge, Posts und Kommentare.“


Was wird nun aus dem Schwarzen Peter? Der muss sich daran gewöhnen, dass er bei mueller-denkt.de nicht mehr alleine im philosophischen Rampenlicht steht. Trotz seiner empfindlichen Seele wird er bald die Vorzüge sehen, die sich aus dieser „Kooperation“ ergeben. Wir freuen uns über einen längeren Gedankenaustausch.


Hinweis: Der folgende Artikel von Dirk Boucsein ist als „Radio-Feature“ erstmals auf dem Blog philosophies.de erschienen. Die vorliegende Version wurde von mueller-denkt.de moderat gekürzt.



Nichts Neues aus der Echokammer


Dieser Essay stellt den letzten Teil meiner Trilogie zur Medientheorie dar. Er rekurriert auf die zuvor postulierte Notwendigkeit eines Informationellen Filtersystems zur Reduktion der Informationsflut in digitalen Medien.


In diesem Zusammenhang bin ich über ein aktuelles Phänomen der Medienwirklichkeit gestolpert, das man als Digitalen Tribalismus in Form einer Informations- oder Filterblase (filter bubble), eines Echoraums oder Echokammer-Effekts (Echo Chamber Effect) bezeichnen kann.


Die Gemeinsamkeit der zum Teil äußerst kontrovers diskutierten Schlagworte bezieht sich auf den Umstand, dass es sich hier um ein Gebiet der Medientheorie handelt, das noch nicht im Detail erforscht ist und Raum für Spekulationen lässt. Dem möchte ich mich keinesfalls anschließen, indem ich meine eigene Filterblase schaffe oder mich in meiner Echokammer einschließe. Deshalb werden unterschiedliche Meinungslager zur Relevanz der Begriffe zu Worte kommen. Doch zunächst halte ich eine Begriffsklärung für sinnvoll. Für diesen Essay habe ich mich im Wesentlichen von dem 2018 auf Deutschlandfunk-Kultur erschienen Podcast "Filtern als Kulturtechnik" von Raphael Smarzoch inspirieren lassen.



Welcome to the Hotel California


Der von Tim Berners-Lee 2010 geprägte Hotel-California-Effekt bezieht sich auf die mediale Gefangenschaft, in die sich die Benutzer von Sozialen Medien beim Eintritt auf eine dieser Plattformen begeben. Die Textzeile aus dem gleichnamigen Lied der Eagles von 1976 (Sie können jederzeit auschecken, aber Sie können niemals gehen) referiert auf den Umstand, dass Cloud-Anbieter oder Social Media-Konzerne die gesammelten persönlichen Daten, User-Profile und individuellen Einstellungen der Accounts in „Geiselhaft“ nehmen, um eine Migration zu konkurrierenden Cloud-Anbietern und Social Media-Konzernen durch unbrauchbare Formate oder technische Restriktionen verhindern.


Die Personalisierung der Suchanfragen durch eine KI-Algorithmen-perfektionierte Search Range oder der auf die persönlichen Interessen maßgeschneiderte News-Feed der Social Media ist genau für ein Zimmer im Hotel California zur Dauerbelegung eingerichtet. Dabei geht es den Internet-Konzernen zunächst weniger um gesellschaftliche oder politische Einflussnahme, sondern um wirtschaftliche Interessen. Die Möglichkeiten der zielgerichteten, personalisierten Werbung sind der eigentliche Motor für die genannte Personalisierung von Userdaten in Form der Metadaten. Genau hier schließt sich die sogenannte Filterblase zum ersten Mal. Der Begriff lässt sich auf das Buch „Filter Bubble – Wie wir im Internet entmündigt werden“ des Internetaktivisten Eli Pariser zurückführen und wird von ihm folgendermaßen definiert:


„Die neue Generation der Internetfilter schaut sich an, was Sie zu mögen scheinen – wie Sie im Netz aktiv waren oder welche Dinge oder Menschen Ihnen gefallen – und zieht entsprechende Rückschlüsse. Prognosemaschinen entwerfen und verfeinern pausenlos eine Theorie zu Ihrer Persönlichkeit und sagen voraus, was Sie als Nächstes tun und wollen. Zusammen erschaffen diese Maschinen ein ganz eigenes Informationsuniversum für jeden von uns – das, was ich Filter Bubble nenne – und verändern so auf fundamentale Weise, wie wir an Ideen und Informationen gelangen.“ (Pariser)

"Die Filterblasen-Theorie […] beschreibt quasi einen algorithmisch kuratierten Informationskosmos auf Plattformen wie Facebook, der dem Einzelnen, so zumindest die Theorie, bereits bestehende Meinung zurückspiegelt, seine Position in einem beständigen Feedbackloop bestätigt und widersprechende Sichtweisen und kognitive Dissonanzen weitestgehend ignoriert.“ (Felix Maschewski)


Wenn Parisers und Maschewskis Filterblasen-Theorie stimmt, hat das nicht nur für die Medienwirklichkeit weitreichende Konsequenzen, sondern auch für die sozio-kulturelle, politische Wirklichkeit eines jeden Menschen. Es stellt sich dann die Frage, inwieweit eine unabhängige Meinungsbildung durch freie Informationsbeschaffung hinter dieser subjektiven Firewall mit den eigenen Feedbackloops noch möglich ist. Jürgen Habermas befürchtet gar negative Folgen in Form einer Entdemokratisierung durch diese Form der Fragmentierung der Öffentlichkeit:


„Ein demokratisches System nimmt im Ganzen Schaden, wenn die Infrastruktur der Öffentlichkeitnicht mehr die Aufmerksamkeit aller Bürger gleichmäßig auf die relevanten und entscheidungsbedürftigen Themen lenken und die Ausbildung konkurrierender öffentlicher, das heißt, qualitativ gefilterter Meinungen, nicht mehr auf einem angemessenen Niveau leisten kann.“ (Habermas)

Mit der Fragmentierung von Öffentlichkeit stellt sich auch die Frage nach dem Verbleib des politischen Systems, der Demokratie. Denn ohne Öffentlichkeit (griech. "dḗmos" = Staatsvolk) gibt es auch keine dēmokratía (griech. "δημοκρατία" = Herrschaft des Staatsvolkes), sondern nur noch Avatare im virtuellen, sozialen Raum der Social Media.

Die ursprüngliche Idee des Internets als eine basisdemokratische Plattform für alle Menschen fragmentiert somit wieder in einzelne, interessengeleitete, lose Zusammenschlüsse aufgrund einer sozialen Homophilie. Also in die


„Tendenz, vorzugsweise Beziehungen und Freundschaften mit Menschen einzugehen, die einen ähnlichen sozialen Status, ähnliche Einstellungen oder Interessen haben.“ (Meyer)

Derlei Interessensgruppen, die der "tribalen Epistemologie" (David Roberts) frönen, kann man dementsprechend auch im ethnologischen Sinne als digitalen Volksstamm oder Digital Tribe bezeichnen. Der digitale Tribalismus errrichtet seine Grenzzäune im globalen Dorf des Internets gegenüber Andersdenkenden. Wer nicht die gleiche Meinung, Weltanschauung, Interessen, politische/religiöse Ausrichtung teilt, gehört nicht zum selben Stamm (Tribe) und wird in den Stammesfehden auf den Social-Media-Plattformen als ideologischer Gegner bekämpft. Hate Speech gehört zum akzeptierten Umgangston der Netiquette. Das Argumentum ad hominem scheint der Standard im argumentativen Gedankenaustausch zwischen Menschen zu sein. Um die Sache geht es längst nicht mehr. Wo, frage ich mich, sind die Ideen der Aufklärung, des kritischen Rationalismus geblieben?



Belästigen Sie mich nicht mit Fakten


An der Tür zur Filterblase prangt in leuchtenden Buchstaben "Geschlossene Gesellschaft!" und "Zutritt unerwünscht!". Das Selective Exposure-Verhalten (Thies) oder die identitätsschützende Kognition (Dan M. Kahan) schließt fremdes Gedankengut im Vorfeld, gleichsam an der Zellmembran des informationellen Selbst aus. In meinem Essay zur Informationsgesellschaft 2.0 hatte ich die Pathogenese des von dem amerikanischen Medienwissenschaftler Neil Postman geprägten Begriff des Kultur-AIDS beschrieben:"Die informationellen Filtersysteme als T-Helfer-Zellen des kulturellen Immunsystems werden selber zum Angriffsziel und versagen aufgrund der Übermenge an Informationen." (https://philosophies.de/index.php/2021/10/31/die-informationsgesellschaft/)


„In dem Moment, wo ich eine Nachricht priorisiere, habe ich keine freie Kapazität mehr. Das ist ein sogenanntes strukturelles Bottleneck oder Flaschenhals, dass wir nur eine Information zu einem Zeitpunkt wirklich bewusst verarbeiten können und die andere sozusagen aus dem System raushalten, um es, so die Auffassung, vor Überlastung zu schützen.“ (Hilde Haider)

Die Pathogenese dieser Informations-Diät kann aber auch im späteren Verlauf zu einer informationellen Allergie führen, wenn an dieser Stelle eine Analogie erlaubt ist. Die Filterblase als Zellmembran des informationellen Selbst macht dicht gegenüber körperfremden Informationen. Selbst relevante Informationen werden herausgefiltert, da sie scheinbar einzudringen versuchen und mit Hilfe von Infoferonen (Neologismus zu den Interferonen) als fremdartig gemarkert werden. Selbst Fakten werden ignoriert, wenn sie nicht in das eigene Weltbild passen. Deshalb benötigt man alternative Fakten, selbst wenn diese offensichtlich falsch sind. Denn die sogenannten Fake News verbreitet schließlich nur der gegnerische Tribe.


Ben Thies zum Beispiel bezeichnet das zuvor konstatierte medientheoretische Phänomen Filterblase in seinem gleichnamigen Buch als reinen Mythos. Er weist mit Hilfe von Daten nach, dass dieses Selective-Exposure-Verhalten nichts Neues ist, sondern seit langem als Offline-Phänomen im "passenden" Stammtisch, Freundeskreis, Sportverein oder der favorisierten Medien existiert. Man(n)/Frau gesellt sich gerne zu Seinesgleichen und Gleichgesinnten – allein aus Gründen der Sozialökologie (Sinus-Milieus). Alles andere wird als anstrengend empfunden.


Der große Unterschied der Online- zur Offlinewelt liegt allerdings im höheren Grad der Effizienz und Transparenz. So geht Manuel Wendelin in seinem 2014 veröffentlichten Artikel "Transparenz von Rezeptions- und Kommunikationsverhalten im Internet" auf die vielfältigen Möglichkeiten der Social Media-Monitoring-Instrumente in Form von Trend-, Issues- und Tonalitätsanalysen ein, die bei jedem "Gefällt-mir"-Like eine personalisierte Datenspur hinterlassen. Die von den People Analytic Systems gesammelten Userdaten (Likes, Cookies und Metadaten) werden zu Zwecken des Micro-Targeting, zu personalisierten Werbezwecken oder zur politischen Meinungsbildung wie in einem Rückkopplungsmechanismus gegen den jeweiligen User benutzt.


Der italienische Informatiker Walter Quattrociocchi von der Sapienza-Universität hat in dem Fachblatt PNAS ebenfalls eine Studie zu diesem Thema veröffentlicht, in der er in den sozialen Netzwerken homogene Meinungsschwärme nachzuweisen versucht. Laut seiner informationstheoretischen Studie bleiben die Digital Tribes gerne zusammen, um sich hinter ihrer jeweiligen Version von Realität zu scharen.


"Diese inhaltliche und politische Stromlinienförmigkeit ist ein Treiber von Radikalisierung und erschwert öffentliche Debatten zunehmend. Es handelt sich um ein Indiz für ein Phänomen, das den meisten Nutzern aus Netzwerken wie Facebook und Twitter bekannt ist: Man bleibt dort meist unter sich und hasst gemeinsam die jeweilige Gegenseite an - das stiftet offenbar Sinn, weil man sich zu den Guten zählen und selbst als Opfer der Gemeinheiten der Gegenseite gerieren kann." (Sebastian Herrmann)


Nichts Neues aus der Echokammer



Einzug in die Kommunikationswissenschaft hielt der Begriff Echokammer bereits 2001 durch einen Essay des US-Rechtswissenschaftlers Cass Sunstein. Breitere Berücksichtigung fand er aber erst durch das 2007 erschienene Buch „Republic.com 2.0“.


"Der Begriff der Echokammer (echo chamber) verweist auf einen metaphorischen Raum, in dem Aussagen verstärkt und Störgeräusche, etwa anders lautende Meinungen, geschluckt werden.“

Echokammern weisen eine reflexionsarme Akustik mit geringen Nachhallzeiten auf. Diese Reflexionsarmut könnte im Zusammenspiel mit der genannten Filterblase einer der Gründe sein, warum Menschen in der Echokammer nichts Neues von außen mitbekommen. Der oftmals synonym zur Filterblase verwendete Begriff der Echokammer meint aber etwas vollkommen anderes. Er versucht das Resultat zu beschreiben, das durch die informationelle Präselektion erst entstanden ist.


Das medientheoretische Phänomen der Echokammer beschreibt einen Umstand, bei dem das in seiner Filterblase eingeschlossene Mitglied eines Digital Tribes fortan nur noch mit seinen eigenen Feedback-Loops beschäftigt ist. Gleich einer narzisstischen Selbstbespiegelung werden die durch die Filterblase gefilterten Daten in die individuelle kleine, heile Welt eingebaut und hallen dort von den Wänden der selbstgebastelten Wirklichkeit wider. Erneut passt eine Textstelle aus dem Song Hotel-California: "Mirrors on the ceiling, the pink champagne on ice, And she said 'We are all just prisoners here, of our own device'."


Wenn diese medientheoretische Hypothese stimmt, wäre die Abschottung zur medialen Realität vollends erreicht. Es existiert auch kein No Way Out mehr, da die plausiblen Argumente oder Fakten allesamt draußen bleiben und in der Echokammer kein Gehör mehr finden. "Kein Anschluss mehr unter dieser Nummer!"schallt es einem wie in einer Telefonwiederholungsschleife entgegen.


Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Adaptive Rationalität und der Universität Amsterdam haben in einer 2020 veröffentlichten Studie untersucht, wie Menschen mit Informationen aus verschiedenen sozialen Quellen umgehen und daraus Überzeugungen bilden.


„Gerade das Internet hat die Struktur und Dynamik sozialer Interaktionen dramatisch verändert. Die Verfügbarkeit sozialer Quellen ist teils algorithmisch verzerrt – zugunsten unserer eigenen Vorlieben. Es bietet uns gleichzeitig aber auch Zugang zu potenziell widerstreitenden Ansichten.“ (Lucas Molleman)

Die in dieser Studie ermittelten Ergebnisse zur Meinungsbildung im Internet lassen sich am besten mit einem Begriff aus der Psychologie als eine egozentrische Diskontierung beschreiben, so die Autoren. Bei dieser medientheoretischen Anamnese konnte gezeigt werden, dass Menschen ihren eigenen Überzeugungen mehr Gewicht beimessen als denen anderer.


Wouter van den Bos, ein assoziierter Wissenschaftler am Forschungsbereich Adaptive Rationalität des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und Professor an der Universität Amsterdam weist darauf hin:


„Unsere Studie zeigt, wie die Verarbeitung von sozialen Informationen Filterblasen im Internet verstärken kann und warum öffentliche Debatten häufig von Polarisierung geprägt sind: Menschen werden schnell unempfänglich für Gegenargumente.“

Und schwuppdiwupp sitzen wir in unseren gemütlich eingerichteten Echokammern und hören nur noch unsere eigenen Argumente als Podcast in der Repeatschleife über die Lautsprecherboxen. High Fidelity (HiFi) im wahrsten Sinne des Wortes als hohe Wiedergabetreue unserer eigenen Meinung. Um den eigenen Audiogenuss ein wenig zu stören, sei auf ein paar Misstöne hingewiesen, die sich trotz Echokammer nicht herausfiltern lassen. Die Theorie der ideologischen Echokammern ist noch kein verbindlicher Konsens in der Forschergemeinde, da einige Medientheoretiker dieses Phänomen als reinen Schmiereffekt des digitalen Social-Media-Phänomens betrachten. Aufgrund der Unschärfe des Begriffs und der nicht ausreichenden Datenmenge können derzeit keine klaren Aussagen über die Existenz besagter Echokammern getroffen werden.


Dieser Argumentation hält Walter Quattrociocchi aufgrund der aktuellen Analyse der Interaktionen von mehr als einer Million individueller Nutzer, die auf Facebook, Twitter, Reddit und Gab mehr als 100 Millionen Posts erzeugt haben, entgegen:


"Unsere Analyse zeigt, dass Plattformen wie Facebook und Twitter, die als soziale Netze organisiert sind und über personalisierte Algorithmen die Newsfeeds der Nutzer steuern, die Bildung von Echokammern erleichtern und somit zumindest zu einer […] Untertunnelung des öffentlichen Raumes führen."




Zeit für eine neue Platte


Wenn die beschriebenen medientheoretischen Phänomene existieren, wovon der Autor überzeugt ist, wäre es wichtig, Auswege aus dem Digitalen Tribalismus aufzuzeigen, die Filterblase platzen zu lassen und eine andere Platte in der Echokammer aufzulegen. Nur weil etwas so ist, muss es nicht so bleiben! Aber wie könnten solche sozio-kulturellen Veränderungen hinsichtlich der digitalen Wirklichkeit aussehen? Hier einige Vorschläge:


1. Programm: Medienkompetenz = Informationskompetenz


Um einen echten Game Changer um die Deutungshoheit und Informationstransfer einzuführen, wäre es nötig, die oft beschworene Medienkompetenz als eigenständiges Schulfach in den Fächerkanon aufzunehmen. Der Medienkompetenzrahmen NRW sieht zumindest eine curriculare Implementierung nicht nur in Informatik sondern auch in anderen Fächern vor:


„Bildung ist der entscheidende Schlüssel, um alle Heranwachsenden an den Chancen des digitalen Wandels teilhaben zu lassen. Allen Kindern und Jugendlichen sollen die erforderlichen Schlüsselqualifikationen und eine erfolgreiche berufliche Orientierung bis zum Ende ihrer Schullaufbahn vermittelt und so eine gesellschaftliche Partizipation sowie ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht werden.“

Und weiter:


„Ziel ist u. a., sie in einer Gesellschaft, die sich im digitalen Wandel befindet, zu einem sicheren, kreativen und verantwortungsvollen Umgang mit Medien zu befähigen und neben einer umfassenden Medienkompetenz auch eine informatische Grundbildung zu vermitteln."

Ich halte die genannte Schlüsselkompetenz im Zeitalter von Web 3.0 in der Informationsgesellschaft 2.0 für ein Alleinstellungsmerkmal im Hinblick auf soziale Gerechtigkeit. Wer keinen Zugang zu informationstechnologischen Medien hat oder keine Kompetenz im Umgang mit diesen vermittelt bekommt, gehört schnell zum informationellen Prekariat. Zudem wäre eine entsprechende Medienkompetenz hinsichtlich der beschriebenen geforderten Informationskompetenz sinnvoll. Denn wer die informationstechnologischen Hintergründe der Suchmaschinen und Social Media kennt, weiß um die Bedeutung und wichtige Funktion seiner Metadaten und personalisierten Datenspuren. Insofern besteht eine größere Möglichkeit der Diversifizierung von Informationen, um nicht in die Filterblase zu tappen oder in der Echokammer zu enden. Nebenbei bemerkt gibt es Suchmaschinen, die einen höheren Grad an Anonymität bieten.



2. Programm: Diskursethik


„Ich glaube, dass die Fokussierung auf den Begriff oder die Metapher der Filterblase mit einer Enttäuschung einhergeht, dass wir nach der Einsicht, dass es auch andere Blasen gibt und dass wir auch in diese Blasen hineingeschaut haben, dass wir nach diesem großen Gespräch, das wir auch mit anderen Menschen geführt haben, vielleicht erkannt haben, dass wir den Anderen nicht nur nicht besser verstehen, sondern vielleicht ihn auch weniger mögen. Und dass wir plötzlich etwas sehen, was uns vorher ein Stück weit, weil wir diese Medien noch nicht hatten, verborgen geblieben ist.“ (Felix Maschewski)


„Dass man sich überhaupt darüber im Klaren sein muss, dass mit diesem Medienwandel, der stattgefunden hat, wir alle zu Sendern geworden sind. Wie geht man damit um, dass andere Menschen andere Meinungen haben? Und was heißt Verständnis? Was heißt Konsens? Wie lässt sich das unterscheiden?“

Raphael Smarzoch schlägt in dem zuvor genannten Podcast eine Diskursethik als Informationsfiltertechnik im Sinne des Drei-Siebe-Modells von Sokrates vor:


  1. Das Sieb der Wahrheit: Ist die Nachricht wahr, die weitergegeben wird?

  2. Das Sieb des Guten: Ist es etwas Gutes, das erzählt wird?

  3. Das Sieb der Notwendigkeit: Ist es wirklich nötig, diese Nachricht zu verbreiten?


Problematisch sehe ich diesen Vorschlag unter dem Aspekt der Filterung: Wer filtert was und warum? Genau darum geht es in der Verhinderung der besagten Filterblase. Ansonsten läuft man Gefahr, in eine solche zu geraten. Aber hier könnte die zuvor beschriebene Medienkompetenz Abhilfe schaffen, worauf auch Felix Maschewski hinweist:


„Ich glaube, mit dieser Diskursethik, die wir erlernen müssen, würde auch eine Medienreflexionskompetenz einhergehen.“

Also begrüßen wir die "schöne, neue Welt" der freien Informationsgewinnung, entpersonalisierten Suchanfragen und stammesoffenen Social Media. Lassen wir die Filterblase platzen und legen wir eine neue Platte in der Echokammer auf. „Hotel California“ klingt schon ziemlich abgenudelt. Wie wäre es mit "Enjoy the Silence" von Depeche Mode. Die Freude an der neuen Einsamkeit wird übrigens ein Thema meines nächsten sozialtheoretischen Essays "Social Cocooning".


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Literatur

Haider, Hilde: in: https://www.deutschlandfunkkultur.de/filterblasen-echokammern-co-filtern-als-kulturtechnik-100.html

Herrmann, Sebastian: Psychologie:Wir sind ja unter uns, 2021, https://www.sueddeutsche.de/wissen/psychologie-facebook-twitter-echokammer-filterblase-fake-news-trump-1.5219256).

Raabe, Katharina/Wegner, Frank (Hrsg.), Warum Lesen. Mindestens 24 Gründe, S. 99–123, hier S. 103 f., Berlin 2020.

Molleman, Lucas: https://www.mpib-berlin.mpg.de/pressemeldungen/ueberzeugungen-filterblasen, Originalquelle: https://royalsocietypublishing.org/doi/10.1098/rspb.2020.2413.

Quattrociocchi, Walter: https://en.wikipedia.org/wiki/Echo_chamber_(media)

Quattrociocchi, Walter: Collective attention in the age of (mis)information, in: Computers in Human Behavior,Volume 51, Part B, October 2015, Pages 1198-1204, https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0747563215000382.

Sunstein, Cass: Republic.com 2.0.

Smarzoch, Raphael: Filtern als Kulturtechnik, in: https://www.deutschlandfunkkultur.de/filterblasen-echokammern-co-filtern-als-kulturtechnik-100.html.

Thies, Ben: Mythos Filterblase, in: Kappes, C., Krone, J., & No, Medienwandel kompakt 2014–2016: Netzveröffentlichungen zu Medienökonomie, Medienpolitik & Journalismus, Springer VS, Wiesbaden 2017.




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