• Der schwarze Peter

Warum Zuhören, wenn man Reden kann?

Aktualisiert: 16. Nov 2020

Ein Konzert schweigend genießen - eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Trotzdem selten möglich.


Neulich ist unser Philosoph in Ekstase geraten - allerdings nur kurz. Warum? Weil ihn das Verhalten mancher Mitbürger fast in den Wahnsinn treibt. Dazu gleich mehr.


Er meidet Menschenansammlungen. Trotzdem hat er seinen Elfenbeinturm im Süden Deutschlands verlassen, um ein Rockkonzert der australischen 80er Jahre-Band Midnight Oil zu besuchen. Begleitet wird er auf dieser musikalischen und emotionalen Zeitreise von einem seiner besten Freunde. Der hat mit ihm schon einiges durchgemacht. Aber so ist das mit Freundschaften - man akzeptiert schrullige Verhaltensweisen, die man dem Partner niemals durchgehen lassen würde.


Schon im ersten Drittel des Konzerts kommen unserem Philosophen Tränen der Rührung (um das zu verstehen, muss man wissen, dass er vor langer Zeit erfolglos versucht hat, nach Australien auszuwandern).


Wie auch immer: Seine Freude über die vertrauten Klänge aus dem gelobten Land währt kurz. Ständig muss er in der Menschenmenge den Platz wechseln - seinen Kumpel immer im Schlepptau. Weshalb? Weil ihm zahlreiche Konzertbesucher mit lautstarken Unterhaltungen seine rührselige Stimmung versauen. Für ihn ist ein Konzert wie eine Meditation. Im Idealfall vergisst er dabei die Zeit und sich selbst. Er ist ganz im Hier und Jetzt; er ist im Flow. Mag ein Konzert noch so laut sein, für unseren Philosophen ist es ein Ort der (inneren) Stille. Eine Gelegenheit, jegliche Alltagsplackerei für ein paar Stunden auszublenden. Er kommt zur Ruhe. Eine Art von Ruhe, die der völligen Konzentration auf eine Sache geschuldet ist.


Richtig erkannt, das sind nicht die Midnight Oils. Da hatte unser Philosoph keine Kamera zur Hand

Andere hingegen bezahlen viel Geld für eine Konzertkarte, um sich wechselseitig Geschichten vom gerade überstandenen Arbeitstag ins Ohr zu brüllen. Unserem Philosophen gelingt es nicht, diese Rücksichtslosigkeit (für ihn zugleich eine Respektlosigkeit den Künstlern gegenüber) auszublenden. Er ist nicht mehr in seiner Mitte.


Er fragt sich, warum diesem Typus Mensch die musikalische Darbietung nicht ausreicht. Warum diese Menschen, im Sinn des Wortes, so zerstreut sind. Unfähig, nur zuzuhören und sich dieser einen Sache hinzugeben. Psychologen sprechen vom Mind-Wandering, dem Unvermögen, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Dass die Hingabe nicht einmal für ein zweistündiges Konzert reicht, wundert ihn immer wieder aufs Neue.


Dabei ist es eigentlich ganz einfach, denn

„man muss quasi nichts können für so einen Konzertbesuch, man muss nur hingehen, rumstehen oder rumsitzen und atmen. Wenn man will, kann man auch klatschen, jubeln […].“ (Anne Schüssler)

Schade, dass diese Formulierung unserem Philosophen nicht eingefallen ist. Egal, voll verstanden ist fast wie selbst gedacht (das hat mal ein Philosophie-Professor zu ihm gesagt).


Was ist, philosophisch gewendet, die Ursache für diese zwanghafte Geschwätzigkeit (Logorrhoe)? Er vermutet, dass viele Menschen Probleme haben, sich selbst auszuhalten. Vielleicht reden sie, um nicht mit ihrer innersten Einsamkeit konfrontiert zu werden. Aber: Ein Konzert ist wahrlich kein Ort der bedrohlichen Stille. Ein Konzert ist eine Ablenkung vom Alltag, die im Idealfall, d.h. wenn man sich darauf einlässt, keiner zusätzlichen Ablenkung (beispielsweise Reden) bedarf. Ein Konzert bietet die Chance der Verlangsamung und inneren Stille. Eine Stille, die eine eventuell vorhandene innere Leere umso deutlicher spürbar werden lässt. Das, so denkt sich unser Philosoph, halten viele Menschen nicht mehr aus. Während sie sich ablenken, suchen sie weitere Ablenkung.


"So kann selbst ein Tag, der mit Terminen prall gefüllt ist, von dem Elend bedroht sein, das von innen kommt und stets unterschwellig präsent ist." (Michael Bordt)

Dadurch wird jegliche Aktivität und Geselligkeit - somit auch ein Konzertbesuch - zu einer Flucht vor sich selbst.


Unser Philosoph ist ein Menschenfreund (was er niemals zugeben würde). Aber während eines Konzertes ist er nicht an den Offenbarungen Umstehender interessiert.


Wenn es ihm mit seinen Mitmenschen mal wieder zu viel wird, bleibt er zu Hause. Dann schiebt er eine DVD in den Player: David Bowie „Live in Paris“. Ganz ohne Nebengeräusche!





Literatur

Bordt, Michael: Die Kunst, sich selbst auszuhalten. Ein Weg zur inneren Freiheit, 12. Auflage, ZS Verlag, München 2018.

Schüssler, Anne: Kleine Anleitung für Konzertbesucher, Beitrag in Ach komm, geh wech! vom 13.11.2013, https://anneschuessler.com/2013/11/13/kleine-anleitung-fur-konzertbesucher/ (Stand 10.08.2019).




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