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Scham: Ein elendes Gefühl? Teil 3

Autorenbild: fowlersbay
fowlersbay
vor 11 Minuten
4 Min. Lesezeit

Scham und Würde sind eng miteinander verknüpft. Beide Gefühle bestimmen zu einem großen Teil, wie wir uns selbst erleben und von anderen gesehen oder behandelt werden (wollen).


Stephan Marks unterscheidet zwischen der Anerkennungs-, Intimitäts-, Zugehörigkeits-und Gewissensscham. Auf der persönlichen Ebene bewirken alle 4 Arten das Gefühl, etwas Falsches getan oder gedacht zu haben. Die daraus resultierende Furcht, minderwertig und wenig liebenswert zu sein, führt zu quälenden Selbstzweifeln:

 

„Mit mir ist etwas nicht in Ordnung“

 

Die Scham zeigt sich – in leicht abgewandelter Form – auch strukturell: So wird eine Pflegekraft beschämt, wenn sie Patienten aufgrund permanenten Zeitmangels nicht angemessen betreuen kann. Um ihren Arbeitsplatz nicht zu gefährden, arrangiert sie sich mit einem Umfeld, in dem sie nicht die beste Version ihrer selbst sein kann. Ihr wird zugemutet, gegen grundlegende Überzeugungen zu verstoßen.

 

„Die deutsche Sprache hat dafür einen treffenden Ausdruck: ‚sich krumm machen‘ oder ‚buckeln‘.“ (Stephan Marks)

 

Diese Situation verursacht oder verstärkt die Gewissensscham und verletzt die Würde. Dabei hat jeder Mensch einen grundlegenden Wert, einen „Wert an sich“… und damit den Anspruch, auf menschenwürdige Weise behandelt zu werden. Das gilt, um bei diesem Beispiel zu bleiben, für die Pflegerin und die zu pflegende Person.

 

 

Scham und Würde

 

Scham ist nicht grundsätzlich das Gegenteil von Würde. Vielmehr hat die Scham als Selbstwertregulierung eine wichtige Funktion, wenn es um den Erhalt der Würde geht. Sie signalisiert unmissverständlich, dass eine persönliche Grenze überschritten und die Würde verletzt wurde… von einem dritten oder von einem selbst.

 

Aber die Scham ist auch ein Nährboden für Manipulationen, die das Ohnmachtsgefühl des Beschämten und dessen Verlangen, sich davon zu befreien, nutzen. Stephan Marks erklärt dieses Phänomen anhand der Ausbildung amerikanischer Elitesoldaten, die gezielt körperlichen, verbalen und psychischen Erniedrigungen ausgesetzt werden.

 

Die durch Opfer-Passivität erzeugte Scham soll einer Täter-Aktivität weichen. Die Scham wird vielfach zur Wut, die sich gegen Gruppen, die als minderwertig angesehene werden, richtet.

 

„Lieber ein Täter sein, als der letzte Dreck.“ (Stephan Marks)

 

Dadurch wandelt sich das negative Gefühl der Scham zu einem positiven der Anerkennung. Die verletzte Würde wird auf pervertierte Weise wiederhergestellt.

 

Betrachten wir in konzentrierter und stark verkürzter Form, wie sich Philosophinnen und Philosophen der Scham und der Würde genähert haben.

 

 

Aristoteles

 

Aristoteles 384- 322 v. Chr.) hat sich in der Nikomachischen Ethik mit der Scham beschäftigt und sie von den Tugenden abgegrenzt: 

 

„Die Scham (aidōs) als eine Art Tugend zu bezeichnen, ist nicht angemessen, denn sie gleicht mehr einem Affekt (pathos) als einer Disposition (hexis).“ (Aristoteles)

 

Ein Mensch ist für Aristoteles nicht automatisch gut, weil er sich für sein Fehlverhalten schämt. Gut ist er insofern, als er das Gute um des Guten willen anstrebt. Aber die Scham hat eine seismografische Funktion, indem sie auf Verletzungen des persönlichen Wertesystems hinweist. Zudem zeigt sie, dass man einer Situation nicht gleichgültig gegenübersteht.

 

Für Aristoteles ist die Scham ein individueller Maßstab dafür, wie man sein sollte. Ohne die Vorstellung davon, was eines Menschen würdig ist, wäre es kaum möglich, Scham zu empfinden. Das Schamgefühl entsteht, wenn der Korridor dessen, was einen guten Menschen ausmacht, verlassen wird.

 

 

Jean-Paul Sartre

 

Sartre (1905-1980) beschreibt in Das Sein und das Nichts das Phänomen Scham anhand eines Menschen, der andere durch ein Schlüsselloch beobachtet und plötzlich merkt, dass jemand hinter ihm steht.

 

Für Sartre verändert sich in diesem Augenblick etwas Entscheidendes: Bis zu seiner Entdeckung war er handelndes Subjekt (die beobachteten Personen hinter der Tür seine Objekte). Durch den Blick des hinter ihm Stehenden erlebt er sich plötzlich selbst als Objekt.

 

Aus „Ich tue etwas.“ wird „So sieht und bewertet mich jemand.“

 

Für Sartre ist das der Kern der Scham… und zwar deshalb, weil mich der andere auf eine bestimmte Version meiner selbst festlegt. Durch den Blick des anderen erlebe ich mich als der Beurteilte, der Feige, Lächerliche oder Zurückgewiesene. Die Scham hat fast immer mit dem Fremdblick, also dem Blick auf sich selbst durch die Augen anderer, zu tun.

 

Das Bild, das ich im Moment der Beschämung von mir habe, gefällt mir nicht. Zu dem getrübten Selbstbild kommt in manchen Situationen die tatsächliche oder vermutete Abwertung durch andere hinzu. Das ist der Punkt, an dem die Scham das Thema Würde berührt. Würde bedeutet nämlich auch, dass ein Mensch niemals vollständig auf eine Eigenschaft, Handlung oder ein Urteil reduziert werden kann.

 

 

Immanuel Kant

 

Für Kant 1724-1804) haben Menschen eine Würde, weil sie nicht nur einen Wert besitzen, der sich mit einem Preis versehen lässt. Deshalb darf der Mensch niemals ausschließlich als Mittel für die Zwecke anderer missbraucht werden. Mehr dazu in unserem Beitrag über den kategorischen Imperativ.

 

Eine tiefe Form der Scham entsteht, wenn man das Gefühl hat, dass einen die anderen nicht mehr als ganzen Menschen sehen und würdigen. Die Verletzung passiert, wenn ein Mensch auf Basis einzelner Fehler, der Hautfarbe, der gesellschaftlichen Stellung oder seiner Sexualität beurteilt wird. In diesen Fällen ist die Demütigung eine soziale Verletzung von Würde, die Scham hingegen das innere Erleben dieser Verletzung.

 

 

Hegel

 

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) geht davon aus, dass unser Selbstbewusstsein nicht von allein entsteht, sondern die Anerkennung anderer Menschen benötigt.

 

Diese Abhängigkeit vom Urteil anderer erklärt, warum die Scham für das Selbstwertgefühl konstituierend und sozial wirkmächtig ist. Die breite Ablehnung anderer erschüttert mich zutiefst in meinem Selbstverhältnis, d. h. in der Wahrnehmung meiner Selbst.

 

Es ist möglich, ohne die Anerkennung anderer z. B. eine Amtswürde zu erlangen. Hegel denkt bei der der Würde aber nicht primär an das gesellschaftliche Ansehen, wobei auch diese Form der Würde teilweise von der Anerkennung anderer abhängt.

 

  

Gesunde vs. zerstörerische Scham

 

Die gesunde, der charakterlichen Entwicklung förderliche Scham sagt:

 

„Das, was ich gedacht oder getan haben, entspricht nicht dem Menschen, der ich sein möchte.“

 

Diese Form der Scham bietet die Möglichkeit von Reue, Verantwortung und Veränderung.

 

Anders die zerstörerische Scham, die sagt:

 

„Nicht meine Handlung war falsch. Ich bin falsch.“

 

Im ersten Fall bleibt die Würde erhalten, weil ich mehr bin als die Handlung, für die ich mich schäme. Ich erlebe mich nicht als jemand, dessen Wert infrage steht. Im zweiten Fall identifiziere ich mich mit meiner Handlung und stelle mich als Person in Frage. Diese Form der Scham, kann auf Dauer zerstörerisch sein.

 

 

Literatur

Aristoteles: Nikomachische Ethik, Rowohlt Taschenbuchverlag, 4. Auflage, Hamburg 2013.

Sartre, Jean-Paul: Das Sein und das Nichts, Philosophische Schriften Band 3, Rowohlt, 1. Auflage, Hamburg 1991.

 
 
 

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