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Scham: Ein elendes Gefühl? Teil 2

  • Autorenbild: fowlersbay
    fowlersbay
  • vor 11 Minuten
  • 4 Min. Lesezeit

Schamlos bedient sich unser Philosoph in seinem Beitrag über die „Scham“ bei dem Schamforscher Stephan Marks. Damit es nicht gleich auffällt, hat er diesen Text mit eigenen Gedanken und Formulierungen angereichert.

Mahntafel Killing Fields in Phnom Penh; Kambodscha
Mahntafel Killing Fields in Phnom Penh; Kambodscha

Welche Erkenntnisse haben wir im ersten Teil dieses Beitrags gewonnen? Erstens, dass die Scham eine Struktur hat: Jemand schämt sich für etwas vor jemandem. Wobei mit „jemand“ auch man selbst gemeint sein kann (Gewissensscham).

 

Zweitens, dass die Scham als soziale Qualität die Beziehungsfähigkeit fördert. Drittens wissen wir dank Stephan Marks, dass die Scham das Aschenputtel unter den Gefühlen ist und wir alles tun, um sie nicht fühlen zu müssen.

 

 

Da ist noch mehr!

 

Stimmt, denn mit Hilfe der Scham lassen sich individuelle und gesellschaftliche Reaktionsweisen deuten oder erklären. Zudem leben zahlreiche Geschäfts- und Industriezweige von der Scham. Ein Beispiel: Dem Hören nach, kennt jeder die blauen Pillen, die Männer davor bewahren, beim, ähm, wie sage ich es nur? Sex zu „versagen“. In diesem Fall geht es neben dem Wunsch nach Genuss- und Leistungsoptimierung auch um die Vermeidung von Scham.

 

Oder: „Schämst Du Dich nicht mit Deiner verrosteten Karre? Was sollen die Nachbarn denken?“. Also nichts wie hin, zum VW-Händler des Vertrauens… nur um sich nicht länger schämen zu müssen. So viel zur persönlichen Dimension der Scham. Dann gibt es noch die kollektive Scham, die ganze Nationen ins Unglück gestürzt hat.

 

 

Es geht noch folgenreicher

 

Die deutsche Geschichte ist – bemerkt Stephan Marks – voller Scham. Eine monströs große Scham, die viel weiter zurückreicht als zu Hitlers Machtergreifung im Jahr 1933. Die Rede ist von unserem großen Trauma, dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648), dem rund ein Drittel der Bevölkerung zum Opfer gefallen ist.

 

Wenn man wissen will, warum die Deutschen sind, wie sie sind, muss man sich mit den seelischen Langzeitfolgen der großen deutschen Kriege beschäftigen. Wir wissen inzwischen, dass neben unmittelbar Betroffenen auch die Zeugen von Folter, Vergewaltigung und anderer Gräueltaten mit massiven Schamgefühlen zurückbleiben.

 

Daraus ist die Scham entstanden, Deutscher zu sein. Eine Scham, die – transgenerational weitergegeben – auch die Nachfahren der Kriegsgeneration geschädigt hat. Scham und Schuldgefühle haben sich tief im Unbewussten eingenistet und dort Jahrhunderte ohne nennenswerte Alterungserscheinungen überdauert.

 

„Die Vorgänge des Systems Unterbewusstsein sind zeitlos, d. h. sie sind nicht zeitlich geordnet, werden durch die verlaufende Zeit nicht abgeändert, haben überhaupt keine Beziehung zur Zeit.“ (Sigmund Freud)

 

Denn, so Freud, die Zeitbeziehung ist an die Arbeit des Bewusstseins-Systems geknüpft. Das Unbewusste existiert zwar nicht außerhalb der physikalischen Zeit. Aber es ist insofern zeitlos, dass unbewusste psychische Inhalte nicht nach dem „Vorher-Nachher-Schema“ organisiert sind. Auf diese Weise lassen sich innere Widersprüche vermeiden, während Eindrücke ihre hartnäckige affektive Wirksamkeit über Jahrzehnte behalten.

 

Diese Scham- und Schuldgefühle werden nicht biologisch vererbt, sondern über Schweigen, Verdrängung, Familienatmosphären und beschönigende Erzählungen. Das ist eine plausible Erklärung dafür, dass Adolf Hitler die kollektive Scham für seine Zwecke instrumentalisieren konnte.

 

 

Ein Gegenentwurf zur Scham

 

Die Nationalsozialisten haben die kollektive Scham für ihre Zwecke instrumentalisiert und den von bewusster oder unbewusster Scham gebeutelten Deutschen ein Gegenprogramm geboten. Die gesamte Propaganda war darauf ausgerichtet, den (oder dem) Deutschen das Gefühl zu geben, Teil einer Herrenrasse zu sein.

 

Warum waren so viele Deutsche für dieses Angebot empfänglich? Nach dem verlorenen 1. Weltkrieg lagen Wirtschaft und Nationalstolz gleichermaßen ramponiert darnieder. Es gab wenig Substanzielles, worauf man stolz sein konnte.

 

Stephan Marks illustriert das unheilvolle Wirkprinzip mit dem Vergleich eines Gefäßes, das kontinuierlich mit Wasser gefüllt wird, bis es überläuft. Nun ersetzt er das Wasser durch Scham oder beschämende Ereignisse. Irgendwann läuft die Scham über und kann vom Gefäß (Seele, Psyche) nicht mehr aufgenommen werden. Was passiert dann?

 

 

Der Sündenbock

 

Es werden Minderheiten adressiert, um die überbordende Scham aufzusaugen. In der Regel trifft es Gruppen, auf die die Mehrheitsgesellschaft mit Geringschätzung, Neid oder unverhohlener Ablehnung herabblickt. Während des Nationalsozialismus waren das zuvorderst die Juden. Auf diese Weise glaubte man, die eigene Schuld durch Übertragung entsorgen zu können.

 

Das Prinzip ist nicht neu, denn schon im Alten Testament (Levitikus 16, 21) steht:

 

„Aaron soll seine beiden Hände auf den Kopf des lebenden (Ziegen, Anm. d. Verf.) Bockes legen und über ihm alle Sünden der Israeliten, alle ihre Frevel und alle ihre Fehler bekennen.“

 

Und weiter:

 

„Nachdem er sie so auf den Kopf des Bockes geladen hat, soll er ihn durch einen bereitstehenden Mann in die Wüste treiben lassen und der Bock soll alle ihre Sünden mit sich in die Einöde tragen.“

 

Der gebräuchliche Ausdruck „Sündenbock“ geht auf diese Bibelstelle zurück. Der Ziegenbock trägt symbolisch die Schuld eines Volkes an einen weit entfernten Ort. Aus den Augen, aus dem Sinn!? Schön wär’s.

 

Es wäre zu einfach, aus Freuds Theorie der „Zeitlosigkeit“ eine stichhaltige Theorie der Scham abzuleiten. Aus philosophischer Perspektive ist die Scham ein Affekt, der die Vergangenheit gegenwärtig macht, indem sie die zeitliche Distanz aufhebt.

 

Wenn der Schwarze Peter den Schamforscher Dr. Stephan Marks richtig verstanden hat, ist die unheilvolle Dimension der Scham hauptsächlich dem Umstand geschuldet, dass sie tabuisiert und verdrängt wird. Dadurch ist die Scham verursachende Vergangenheit chronologisch zwar vorbei, psychisch aber weder verarbeitet noch abgeschlossen.

 

Im nächsten Teil dieses Beitrags betrachten wir, was die Scham mit dem philosophisch relevanten Thema Würde zu tun hat.

 

 

Literatur

Freud, Sigmund: Das Unbewusste, in: Studienausgabe Band III: Psychologie des Unbewussten, Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2000.

Die Bibel. Einheitsübersetzung Altes und Neues Testament, Verlag Herder, Trier 2008.

 

 

 

 

 

 

 

 
 
 

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