Sympathie - und der innere Richter

Ein schönes Wort, exotisch und gebräuchlich: die Sympathie. Jeder kennt den Satz „Ein sympathischer Mensch“ oder „Was für ein Unsympath!“. Die Zuordnung eines Gegenübers in eine der beiden Kategorien erfolgt meist intuitiv als spontane Zu- oder Abneigung.

Das weiß unser Philosoph (der Schwarze Peter) aus eigener Erfahrung. Er bildet sich einiges auf seine gute Menschenkenntnis ein. Wobei, unter uns gesagt… bisweilen liegt er meilenweit daneben. Mal wurde aus anfänglicher Abneigung eine auf wechselseitiger Sympathie beruhende Beziehung, mal aus der ersten angenehmen Empfindung eine tiefsitzende Abneigung.
Diese Fehleinschätzungen sind normal, denn eine Empfindung ist laut Hans Goller eine „nicht weiter auflösbare psychische Erscheinungen, die durch äußere, auf die Sinnesorgane wirkende Reize erzeugt wird […]“. Die Empfindung ist ein subjektives Erleben, das von außen nicht direkt beobachtbar ist. Das macht die Sache für den Schwarzen Peter interessant.
Deshalb will er den Begriff „Sympathie“ durch die philosophische Brille betrachten. Zunächst grenzt er ihn von der Antipathie und Empathie ab.
Sympathie
Das Wort „Sympathie“ hat über die Jahrtausende mehrere Bedeutungsverschiebungen erfahren. Vom griechischen Mitleiden und Mitfühlen (sympátheia) der Antike gelangte es im 16. Jahrhundert über das Lateinische (sympathia) ins Deutsche, wo es für die geheime Harmonie und Anziehungskraft in der Natur verwendet wurde.
Erst im 19. Und 20. Jahrhundert hat sich die Bedeutung hin zur persönlichen Zuneigung, dem spontanen Wohlwollen und der positiven Resonanz einem anderen Menschen gegenüber verschoben. Die Sympathie ist ein Gefühl des Mögens… und eine Disposition, die es ermöglicht, angesichts der Freude oder des Glücks anderer Freude zu fühlen und angesichts ihres Leids oder Elends, Leid zu empfinden (vgl. Walther Eckstein)
Antipathie
Die Antipathie ist, wie die Sympathie, eine spontane, irrationale Empfindung. Sie zeigt sich als tiefe Abneigung oder Widerwille gegenüber anderen Personen, Gruppen oder Ideologien. Das Wort stammt ebenfalls aus dem Altgriechischen (antipátheia) und bezeichnet ein Gegengefühl antí (gegen) und pátheia/páthos (Gefühl/Leiden). Sie ist das direkte Gegenteil von Sympathie.
Es handelt sich um ein Spektrumsgefühl, das von leichter Aversion bis zu offenkundiger Abscheu reicht. Die Heftigkeit des Gefühls liegt nicht zwingend im Verantwortungsbereich des Gegenübers. Wie bei der Sympathie entscheidet das Gehirn in Bruchteilen von Sekunden (etwa 100 Millisekunden) über Gesichtsmerkmale, Körpersprache und Tonfall (Stimme).
Bei dieser Form des Vorurteils spielen Projektionen eine Rolle. Man erkennt im anderen seine eigenen verdrängten Schwächen oder erinnert sich an negative Erfahrungen mit früheren Personen.
Empathie
Bei der Empathie handelt es sich um die kognitive und emotionale Fähigkeit, sich in die Gefühlswelt und Perspektive eines anderen hineinzuversetzen. Das gelingt selbst dann, wenn das Gegenüber zutiefst unsympathisch ist.
Da der Schwarze Peter gerne Dokus über ungelöste Kriminalfälle konsumiert, kommen ihn Kriminalpsychologen, Profiler und Fallanalytiker in den Sinn. Mit Hilfe der kognitiven Empathie versetzen sie sich in die Sichtweise eines Täters. Die Empathie dient als analytisches Werkzeug, mit deren Hilfe (im Gegensatz zur Sympathie und Antipathie) die emotionale Distanz gewahrt bleibt. Die Empathie ist kein Gefühl, sondern eine Fähigkeit des Verstehens.
Sympathie und Philosophie
Die Sympathie taucht als Begriff in der Philosophie nicht oft auf. Unser Philosoph muss eine Weile in seiner Bibliothek stöbern, um fündig zu werden. In der schottischen Aufklärung (18. Jahrhundert) rückt der Begriff „Sympathie“ durch eine Psychologisierung in das Zentrum der Ethik. Vor allem die Philosophen David Hume und Adam Smith suchen nach einer Erklärung, warum Menschen gut zueinander sind… und zwar ohne die Furcht vor einem strafenden oder die Hoffnung auf einen belohnenden Gott.
Für David Hume (1711-1776) ist die Sympathie der Spiegel der Seele, ein Vermögen und psychologischer Mechanismus, der es ermöglicht, die Gefühle eines anderen Menschen in uns selbst zu replizieren. Anders ausgedrückt: Wenn wir jemand anders leiden sehen, spiegelt unsere Seele diesen Schmerz und erzeugt eine Resonanz, die die Grundlage aller moralischen Urteile darstellt. Sie ist eine Voraussetzung für den Gerechtigkeitssinn.
Adam Smith (1723-1790) übernimmt David Humes Gedanken, sich in die Lage eines anderen hineinzuversetzen zu können, erweitert ihn aber um die Annahme eines inneren unparteiischen Beobachters (impartial spectator), der eine Instanz des Gewissens darstellt und uns sagt, was moralisch geboten ist.
In seiner „Theorie der ethischen Gefühle“ unterstellt Smith eine naturgegebene gegenseitige Sympathie der Gefühle, die jeder Mensch mit seinen Mitmenschen anstrebt. Ihm zufolge, sehnen wir uns, die eigenen Urteile und Gefühle in anderen wiederzufinden.
„Es macht uns Freude, wenn wir feststellen, dass andere Menschen Handlungen und Verhaltensweisen genauso beurteilen wie wir.“ (Otteson)
Im Gegensatz dazu, bereitet es uns Unbehagen, wenn Menschen in zentralen Punkten anders urteilen als wir. Im Streben nach Sympathie offenbart sich der Wunsch nach Harmonie als Übereinstimmung und Korrespondenz von Gefühlen.
Sympathie und sittliche Urteile
Die Sympathie ist zentral in der Smithschen Ethik, denn sie ermöglicht das sittliche Urteil. Warum? Weil die Fähigkeit des Mitfühlen die Voraussetzung jeder sittlichen Wertung und Beurteilung ist (vgl. Walther Eckstein).
Ständig ist von sittlichen Urteilen die Rede. Unser Philosoph glaubt zu wissen, was damit gemeint ist, aber der Begriff ist erklärungsbedürftig. Schließlich verbringt nicht jeder Leser einen Großteil seiner Zeit mit philosophischen Themen.
So viel vorweg, es geht Adam Smith nicht um gesellschaftliche Sitten oder Anstandsregeln. In der Philosophie ist ein sittliches Urteil ein Urteil darüber, ob eine Handlung, Absicht oder Haltung moralisch richtig oder falsch bzw. gut oder schlecht ist.
Es geht um die Frage, wie wir handeln sollen und was wir uns als Menschen untereinander schulden. Für Adam Smith ist nicht automatisch diejenige Handlung sittlich gut, mit der ich oder meine Mitmenschen sympathisieren. Aha, welche dann? Diejenige, die der vorgestellte wohlunterrichtete, unabhängige und unparteiische Zuschauer für gut erklärt.
Indem wir uns in die Perspektive dieses neutralen, fiktiven Beobachters versetzen, prüfen wir unsere Gefühle und Handlungen auf moralische Vertretbarkeit. Wozu diese Instanz? Weil die Sympathie (unser Mitgefühl) parteiisch ist.
Für Smith ist die Sympathie das Werkzeug, der unparteiische Beobachter der Richter. Der Mensch hört auf dessen Urteil, weil er nach Harmonie mit seinem inneren Richter (dem Gewissen) strebt.
Literatur
Goller, Hans SJ, in: Philosophisches Wörterbuch, Verlag Karl Alber, Freiburg im Breisgau 2010.
Eckstein, Walther: Einleitung in: Adam Smith. Theorie der ethischen Gefühle, Verlag Felix Meiner, Hamburg 2021.
Smith, Adam: Theorie der ethischen Gefühle, Verlag Felix Meiner, Hamburg 2021.






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