• fowlersbay

Philosophisches Häppchen vom 08.04.2022

Aktualisiert: 19. Mai

Wie würde Platon auf heutige Krisen reagieren? Wir können es nicht wissen. Aber sein berühmtes Höhlengleichnis bietet Hinweise. Es hilft uns, in dieser verwirrenden Zeit klarer zu sehen.


„Das Gleichnis ist ein Bild unserer conditio humana, unserer menschlichen Grundverfassung.“ (Michael Bordt)

Seit etlichen Jahren hangeln sich die friedens- und wohlstandsverwöhnten Europäer bleischwer von Krise zu Krise. An den Rand der individuellen Komfortzone gedrängt, zeigen sich Risse im zivilisatorischen Lack.


Statt auf redliche Weise um die wissenschaftlich plausiblere Position zu ringen, werden abweichende Meinungen entwertet oder Feindbilder konstruiert. Es hat sich nicht flächendeckend herumgesprochen, dass DIE Wissenschaft und die eine Wahrheit nicht existieren. Waren Karl Poppers Überlegungen, nach denen jegliches Wissen vorläufig ist, vergeblich? Die ideologisch verhärteten Fronten (e. g. Geimpfte gegen Nicht-Geimpfte, Rüstungsgegner gegen Befürworter) lassen diesen Schluss zu.


„Was mich befremdet, ist die Neigung der Deutschen, sich extremen Stimmungen auszuliefern, jedes Maß zu verlieren.“ (Jörg Baberowski)

Möglich, dass es auch andere leichterregbare Mentalitäten gibt, aber der Hang zur Dämonisierung Andersdenkender ist in diesem Land weit verbreitet. Nehmen wir uns ein Beispiel an den Skandinaviern. Oder an Platon, um zum Thema zu kommen.



Junge, geh’ mal an die frische Luft


Platons Höhlengleichnis aus dem Werk Politeia (Der Staat) ist ein Evergreen der antiken Philosophie. Es beschreibt einen Stufenweg der Erkenntnis… aus dem Reich der Schatten hin zur Sonne und wieder zurück.


Wie in vielen anderen Dialogen tritt Platon nicht selbst in Erscheinung, sondern legt seine Worte Sokrates in den Mund.


Zur Szenerie des Höhlengleichnisses:


Wir sehen eine Höhle. An deren tiefster Stelle sitzen Menschen. Regungslos verfolgen sie das Spiel tänzelnder Schatten auf der ihnen gegenüberliegenden Felswand. Die zeitlebens gefesselten Höhlenbewohner sind unfähig, den Blick von den Schatten abzuwenden. Sie sehen weder das Feuer hinter ihnen noch die dazwischen hin und her getragenen Gegenstände, die den Schattenwurf verursachen. Aus diesem Grund halten sie die Schatten für das einzig Wahre.





Der Mensch wählt, was er kennt


Sokrates bittet seinen Dialogpartner Glaukon (im richtigen Leben der ältere Bruder Platons), sich Folgendes vorzustellen: Ein Bewohner wird von den Fesseln befreit und gezwungen, die Höhle zu verlassen. Im Freien angekommen, blendet ihn das gleißende Sonnenlicht. Verschwommen nimmt er seine Umgebung wahr. Sokrates unterstellt (und Glaukom stimmt zu), dass der Befreite die undeutlich gesehenen Menschen, Tiere und Pflanzen für weniger real hält als die vertrauten Schatten in der Höhle. Langsam gewöhnt er sich an die neue Umwelt und vergleicht sie mit seinem früheren Leben. Er beginnt, die zurückgelassenen Mitgefangenen zu bedauern.


Lauschen wir kurz dem Gespräch der beiden Philosophen:


Sokrates: „Wenn ein solcher nun wieder hinunterstiege und sich auf denselben Schemel setzte […], würde man ihn nicht auslachen und von ihm sagen, er sei mit verdorbenen Augen zurückgekommen?“


Glaukon: „So sprächen sie ganz gewiss.“


Laut Platon sähen sie in ihm zudem einen Unruhestifter. Er müsste um sein Leben fürchten. Betreffend das Freiheits-, Veränderungs- und Erkenntnisstreben der Menschen machten sich Sokrates und Glaukon offensichtlich keine Illusionen.



Ecce homo - So ist er halt, der Mensch


Das Bild der Höhle hat Platon mit Bedacht gewählt. Es handelt sich um einen geschlossenen Raum, um ein vollständig abgekoppeltes System. Die Bewohner leben in einer Vorstellungs- und Meinungsblase, der sie weder körperlich noch geistig entkommen. Jeder Erkenntniszufluss von außerhalb der Höhle erzeugt bei ihnen einen emotionalen Wellenschlag und stellt bequem gewordene Denkmuster in Frage.


An dieser Stelle zeigen sich die Aktualität des Höhlengleichnisses und das breite Spektrum an Deutungsmöglichkeiten. Ein konkretes Beispiel: Laut Global Entrepreneurship Monitor 2020/21 belegt Deutschland bei Unternehmensgründungen in Ländern mit hohem Einkommen den drittletzten Platz.


„Ein Resultat der Angsthasen-Kultur, des Mittelmaß-Fetischismus, der Neigung, es sich mit eitlem Getöse behaglich zu machen.“ (Ulf Poschardt)

Wenn Poschardt von einem moralisierenden Neoprovinzialismus spricht, kann man zustimmen oder nicht. Einen Punkt hat er aber getroffen: Immer mehr Menschen richten es sich in ihrer Höhle, in ihrer Meinungsblase, vermeintlich bequem ein. Sie sehen die Welt und die bewegenden Themen durch die Brille der eigenen Weltanschauung. Jede davon abweichende Information stellt eine Belästigung dar.


Statt neue Erkenntnisse willkommen zu heißen und den eigenen Horizont zu erweitern, ziehen sie sich mit starrem Blick auf die Schatten immer tiefer in ihre Höhle zurück.







Literatur

Baberowski, Jörg: Interview in NZZ-Online vom 04.04.2022, https://www.nzz.ch/feuilleton/joerg-baberowski-aus-dieser-schwaeche-wachsen-die-unermesslichen-greuel-des-krieges-ld.1677580 (abgerufen am 05.04.2022).

Bordt, Michael: Platon, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau.

Platon: Politeia. Sämtliche Werke. Band 2, 33. Auflage, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 2011.

Poschardt, Ulf: Deutschland steckt im moralisierenden Neoprovinzialismus fest, in: Welt-Online vom 06.04.2022, https://www.welt.de/wirtschaft/plus237902847/Ulf-Poschardt-Deutschland-steckt-im-moralisierenden-Neoprovinzialismus-fest.html?icid=search.product.onsitesearch (abgerufen am 08.04.2022).


0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen