• Der schwarze Peter

Philosophisches Lexikon – Utilitarismus

Aktualisiert: 21. März

Gibt es eine moralische Pflicht sich impfen zu lassen und wenn ja, wie oft? Seit einem Jahr wird man allerorten genötigt, zu diesem Thema Stellung zu beziehen.


Typisch teutonisch, diese Penetranz: „Die Deutschen diskutieren eine Sache so lange um ihrer selbst willen, bis jeder schlechte Laune hat.“


Eine amüsante und zugleich beunruhigende Diagnose. Leider kann sich unser Philosoph nicht erinnern, wo er dieses Zitat aufgeschnappt hat. Egal, voll verstanden ist fast so gut wie selbst gedacht… hat einer seiner Professoren gesagt.


Dafür erinnert er sich an die Vorlesungen über den nicht totzukriegenden Utilitarismus und Bernard Williams forsche Prognose. Der hat vor fünfzig Jahren das baldige Dahinscheiden dieser über 200 Jahre alten philosophischen Lehre prophezeit.


„Der Tag kann nicht mehr allzu weit entfernt sein, an dem wir nichts mehr von ihm hören.“ (Williams)

Wie man sich täuschen kann. Das utilitaristische Gedankengut ist lebendig und mal mehr, mal weniger präsent. Corona hat wie ein Brandbeschleuniger für ein erneutes Comeback gesorgt. Selten wurde in der Breite der Gesellschaft derart vehement über das moralisch Gebotene diskutiert oder gestritten.



Das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl


Allerdings gibt es nicht den einen Utilitarismus. Laut Jörg Schroth hat sich diese zweck- und zielorientierte Ethik im Laufe der Geschichte derart ausdifferenziert und verästelt, dass es schwer ist, alle Varianten in einer Definition zusammenzufassen. Wer es ganz genau wissen möchte, dem empfiehlt unser Philosoph die ausgezeichnete Analyse von Jörg Schroth.


Etwas Verbindendes muss es geben. Sonst könnte man nicht über alle Facetten hinweg vom Utilitarismus sprechen. Ganz im Sinne Wittgensteins, für den die Bedeutung eines Wortes sein Gebrauch in der Sprache ist. Also zückt der Schwarze Peter das philosophische Skalpell, um den Wesenskern (siehe Beitrag Phänomenologie) herauszuarbeiten.


Ungeachtet ihrer jeweiligen Couleur geht es Utilitaristen um die Förderung des gemeinschaftlichen Glücks bei gleichzeitiger Vermeidung von Leid. Jedoch nicht im Sinne eines unreflektierten und ausschweifenden Genussstrebens (Cornelia Bruell). Das Gesamtglück soll mit Hilfe moralisch gebotener Handlungen realisiert werden. Dazu müssen Utilitaristen frei von religiösen Überzeugungen eine Antwort auf die Frage geben, was angesichts pluraler Überzeugungen moralisch verbindlich und rational begründbar ist (Johannes Wallacher). Die Motive individuellen Handelns sind nebensächlich und bleiben deshalb unberücksichtigt.


„In der Moral geht es nur um eines, nämlich um die Förderung des Guten, genauer: um die Förderung des Wohlbefindens der Menschen.“ (Jörg Schroth)

Es handelt sich demzufolge um eine Theorie des Guten (Axiologie). Dieser Begriff ist aber derart vage und allgemein, dass sich daraus keine anwendungsorientierte Ethik zimmern lässt. Utilitaristen meiden ihn deshalb und sprechen stattdessen vom Nutzen (utility).



Der Handlungsutilitarismus von Bentham


Nach Jeremy Bentham (1748-1832), dem Begründer des Handlungsutilitarismus, bemisst sich die moralische Qualität und Legitimität einer Handlung ausschließlich an den Folgen für das Gesamtwohl der Gemeinschaft (Nützlichkeitskriterium). Der Einzelne, so Bentham, muss einsehen, dass er sein persönliches Glück am nachhaltigsten vermehrt, wenn er seine Partikularinteressen zurückstellt und sein Streben gesellschaftlichen Zielen anpasst (philolex.de). Es handelt sich somit um eine teleologische Ethik (telos: Ziel).


Als zeitgeistiges Beispiel kommt unserem Philosophen das Thema Impfen in den Sinn. Aus handlungsutilitaristischer Sicht ist es unerheblich, wie der Einzelne dazu steht. Ausschlaggebend ist, dass er seiner, mit einem moralischen Etikett versehenen, Verpflichtung nachkommt („Klappe halten und impfen“).


Für die Beurteilung einer Handlung ist nicht das persönliche Wohlergehen ausschlaggebend, sondern der Nutzen für die größtmögliche Zahl davon Betroffener. Im Hinblick auf die Impfung bedeutet das: Die Furcht des Einzelnen vor Nebenwirkungen oder Schäden ist bedeutungslos. Es zählt allein der erwartbare Nutzen für die Gemeinschaft.


Etwas zugespitzter: Ist es moralisch vertretbar, eine Person zu foltern, um eine größere Zahl Menschen zu retten? Nach Bentham und den Prinzipien des Handlungsutilitarismus wäre diese im weitläufigen Sinn unmoralische Handlung moralisch und damit geboten. Es ist ausnahmslos die Option zu wählen, mit der die größte Zahl Leben gerettet und der gesellschaftliche Gesamtnutzen erhöht werden kann. Was moralisch ist, ergibt sich aus den erwartbaren Folgen (Konsequentionalismus).



Einwände gegen den Handlungsutilitarismus


Der Handlungsutilitarismus ist umstritten. Kritiker beklagen die Relativierung unveräußerlicher Grundrechte. Indem er Rechte von Personen zum Wohl der Gemeinschaft zurückstellt, ist der Einzelne einer Überforderung schutzlos ausgeliefert. Er widerspricht in seiner klassischen Auslegung den intuitiven Moralvorstellungen vieler Menschen Der Handlungsutilitarismus


„[...] ignoriert die intrinsische Falschheit bzw. Schlechtheit bestimmter Handlungsweisen (wie das absichtliche Töten Unschuldiger) und erlaubt solche Handlungsweisen schon zur Erzielung geringfügig besserer Konsequenzen“ (Jörg Schroth)

Nach Andreas Suchanek stehen damit die Autonomie, Würde der Person und Menschenrechte prinzipiell zur Disposition.


Hinzu kommt, dass die Folgen von Handlungen nicht mit Gewissheit vorhersehbar sind. Der Utilitarist kann nicht alle Folgen einer Handlung für eine Mehrheit der Betroffenen kennen oder antizipieren. Das moralisch Geforderte kann sich rückblickend als kontraproduktiv oder falsch erweisen. Eine sichere Folgenabschätzung für alle potenziell Betroffenen ist eine von Wunschvorstellungen getriebene Illusion.



Der Regelutilitarismus von Mill


Der Gleichgültigkeit Benthams gegenüber dem Leid des Einzelnen verdankt der Utilitarismus seinen beständig schlechten Ruf. Dabei hat John Stuart Mill (1806-1873) in einem Modernisierungsschritt die gravierendsten Schwachstellen des Handlungsutilitarismus beseitigt.


„Mills Regelutilitarismus kann [..] als Replik auf viele der Mängel gelesen werden, die man Benthams Handlungsutilitarismus noch angemessen vorwerfen konnte.“ (Johannes Heinle)

Mills Theorie ist ebenfalls konsequentialistisch, verschiebt aber den Fokus von den Folgen einer Handlung hin zu einem Regelwerk, das neben den Gemeinschaftsinteressen auch die des Individuums berücksichtigt. Das Ziel des größtmöglichen gesellschaftlichen Nutzens soll unter Berücksichtigung allgemeingültiger Handlungsregeln und Moralvorschriften erreicht werden. Unser Philosoph spürt förmlich Immanuel Kant (1724-1804) mit seiner Konzeption des „Guten Willens“ um die Ecke schleichen (siehe YouTube-Video).


Dem Regelutilitarismus zufolge ist eine Handlung moralisch falsch, wenn sie einem Moralkodex widerspricht, dessen „Internalisierung durch die überwältigende Mehrheit der Menschen die besten Konsequenzen hat“ (Schroth). Der Kodex beinhaltet Gebote („Du sollst nicht lügen“) und Verbote („Du darfst nicht töten oder betrügen“). Weil die lückenlose Formulierung eines Moralkodex unmöglich ist, unterstellt Mills, dass es sich um ein Sammelsurium akzeptierter und altbewährter Regeln des gesellschaftlichen Miteinanders handelt.


Im Unterschied zum Handlungsutilitarismus hängt beim Regelutilitarismus die Richtigkeit einer Handlung von den Konsequenzen und der Einhaltung des Moralkodex ab. Der Regelutilitarismus verbietet Handlungen, die von vernunftbegabten Akteuren intuitiv für falsch gehalten werden. Um sicherzustellen, dass sich der Einzelne dem Moralkodex gemäß verhält, vertraut Mills neben staatlichen Sanktionsmechanismen auf die Gewissenhaftigkeit und das Pflichtgefühl der Bürger (Dieter Birnbacher).


Kann Folter ein legitimes Mittel sein?


Wie steht der Regelutilitarismus zur Folter eines Einzelnen, um eine größere Anzahl von Menschen durch eine erzwungene Information zu retten? Die Beurteilung erfolgt in zwei Stufen:


  1. Mehrt die Handlung den gesellschaftlichen Gesamtnutzen? Ja (zumindest situativ)

  2. Ist diese Handlung im Einklang mit den Regeln des Moralkodex? Nein


Fazit: Die Folter eines Individuums zugunsten der Rettung mehrerer Menschen ist aus regelutilitaristischer Sicht abzulehnen.



Einer für alle, keiner für einen


Wenn es nach Cornelia Bruell geht, sind wir alle Utilitaristen… also auch unser Philosoph. Klingt plausibel, denn ihm geht es zunächst darum, sein Glück zu mehren. Wobei er Freunden ohne Zögern den Vorrang gibt. Danach, wenn seine Kräfte und Möglichkeiten reichen, kümmert er sich um gesellschaftliche Belange.






Literatur

Birnbacher, Dieter: Nachwort in: Utilitarianism/Der Utilitarismus, Reclam, Ditzingen 2006.

Bruell, Cornelia: Philosophisches Basiswissen. John Stuart Mill, in: Ethik heute Online-Magazin vom 09.01.2019, https://ethik-heute.org/ueber-die-messbarkeit-des-gluecks/ (abgerufen am 01.03.2022).

Heinle, Johannes: Kritik am Utilitarismus, Philosophische Arbeit an der Georg-August-Universität, Göttingen 2016.

Mill, John Stuart: Utilitarianism/Der Utilitarismus, Reclam, Ditzingen 2006.

Schroth, Jörg: Texte zum Utilitarismus, Reclam, Stuttgart 2021.

Suchanek, Andreas: Utilitarismus, in: Gabler Wirtschaftslexikon, Online-Lexikon, https://wirtschaftslexikon.gabler.de/definition/utilitarismus-50164 (abgerufen am 26.02.2022).

Wallacher, Johannes: Einführung in die Wirtschaftsethik, Vorlesungsskript, München 2013/14,

Williams, Bernard: Kritik des Utilitarismus, Verlag Vittorio Klostermann, Frankfurt 1979.


Videos

PhiloGramm: Die Pflichtethik von Kant, https://www.youtube.com/watch?v=6DtchCPwpHI (abgerufen am 02.03.2022).








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