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Top 5 unverständlicher Philosophen

Aktualisiert: 15. Dez 2019


Alle Fakultäten der Universität Ljubliana stellen sich vor. Warum nur interessiert sich niemand für Philosophie?

Wer die Werke dieser Philosophen lesen will (oder muss), braucht starke Nerven - und eine außergewöhnliche Konzentrationsfähigkeit. Nur die Härtesten halten bis zum letzten Satz durch. Von denen, die es geschafft haben, ist nicht belegt, ob sie alles verstanden haben.


Platz 5: Martin Heidegger


Eine zwiespältige und umstrittene Persönlichkeit. Seine Philosophie ist von einer merkwürdigen Sprache und schwer verdaulichen Begriffen geprägt. Die Fragestellung ist aktuell: Lebe ich meine eigentliche, von mir gewählte Bestimmung oder lasse ich mich im Strom der Gemeinschaft treiben? Kostprobe:

„Dasein ist Seiendes, das sich in seinem Sein verstehend zu diesem Sein verhält.“ (Sein und Zeit)


Platz 4: Ludwig Wittgenstein


Ein launischer und schwieriger Mensch. Begütert ins Leben gestartet, mittellos gestorben. Dazwischen von langanhaltenden Depressionen geplagt. Wittgenstein hat philosophische Knochen hinterlassen, an denen Laien und Fachleute bis heute nagen. Kostprobe:

„Meine Sätze erläutern dadurch, daß sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie - auf ihnen - über sie hinausgestiegen ist.“ (Tractatus)


Platz 3: Paul Virilio


Ein typischer Vertreter der modernen französischen Philosophie. Unvergessen seine Forderung nach einem „Ministerium für Zeit“. Leicht verständliche Sätze des Beschleunigungskritikers wechseln sich ab mit schwer zu durchschauenden Passagen. Wer durchhält, wird mit bereichernden Impulsen belohnt. Kostprobe:


„Im Grunde führt dieser Obskurantismus die Zweiteilung in Körper und Geist weiter; der sich anbahnende unerhörte Kampf zwischen ‚Priester‘ und ‚Krieger‘ um die Vorherrschaft […].“ (Der negative Horizont)


Platz 2: Immanuel Kant


Für Freunde von Sätzen, die sich über anderthalb Buchseiten hinziehen. Philosophische Erbsenzähler können sich an jedem Komma und Gedankenstrich abarbeiten. Kants Zeitgenosse Moses Mendelsohn bezeichnete die Kritik der reinen Vernunft als „Nervensaft verzehrende[s] Werk, das er aus Rücksicht auf seine Gesundheit nicht zu Ende gelesen habe - trotz mehrmaliger Versuche. Für Platz 1 reicht das nicht.


„Die Einheit der Apperzeption in Beziehung auf die Synthesis der Einbildungskraft ist der Verstand […].“ (Kritik der reinen Vernunft)


Platz 1: Emmanuel Levinas


Wetten, dass den gebürtigen Litauer niemand auf der Liste hatte. Levinas’ Philosophie ist unruhig und umtriebig, seine mythisch anmutende Sprache verwirrend. Ständig kommt es zu thematischen Wiederholungen. Dass er selten an seine vorangegangenen Werke anknüpft, erschwert den Zugang. Noch immer zeitgemäß: vom Antlitz des Anderen geht ein Appell aus, den das Subjekt nicht ignorieren kann. Eine faszinierende Philosophie, wenn man die Geduld hat, sich darauf einzulassen. Kostprobe:


„Die Beziehung zum Anderen stellt mich in Frage, sie leert mich von mir selbst; sie leert mich unaufhörlich, indem sie mir so unaufhörlich neue Quellen entdeckt.“ (Die Spur des Anderen)


Schlussgedanke: Hat es einen Wert, sich mit Philosophen zu beschäftigen, die man nicht oder nur halbwegs zu verstehen glaubt? Ja, denn es kann gewinnbringend sein, die Komfortzone des Allgemeinverständlichen zu verlassen.


"Verstanden hat man die Welt vielleicht erst, wenn man - mit Hilfe der schwer verständlichen Philosophen - verstanden hat, wie schwer verständlich die Welt eigentlich ist." (Jörg Friedrich)

Wem die Primärliteratur trotzdem zu anstrengend ist, darf sich über eine große Auswahl an verständlich geschriebenen Einführungen zu den jeweiligen Philosophen freuen.





Literatur

Friedrich, Jörg: Verständliche Philosophie in einer schwer verständlichen Zeit, Beitrag in Hohe Luft Magazin vom 06.02.2018, https://www.hoheluft-magazin.de/2018/02/verstaendliche-philosophie-in-einer-schwer-verstaendlichen-welt/ (Stand 14.12.2019).

Heidegger, Martin: Sein und Zeit, 19. Auflage, Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2006.

Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft, Felix Meiner Verlag, Hamburg 1998.

Levinas, Emmanuel: Die Spur des Anderen, 6. Auflage, Verlag Karl Alber, Freiburg im Breisgau 2012.

Virilio, Paul: Der negative Horizont. Bewegung-Geschwindigkeit-Beschleunigung, Carl Hanser Verlag, München 1989.

Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus, Werksausgabe Band 1, Suhrkamp Verlag, Frankfiúrt am Main 2006.






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