Hinduismus -Teil 4
- fowlersbay

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Wo waren wir stehengeblieben? Ah ja, beim Karma und dem lästigen Kreislauf von Geburt, Leben, Tod und Wiedergeburt.

Das „Lexikon der östlichen Weisheitslehren“ nennt im Zusammenhang mit dem Hinduismus 4 Arten von Karma:
Eine geistige oder körperliche Handlung.
Die Konsequenz einer geistigen oder körperlichen Handlung.
Die Summe aller Konsequenzen des Tuns eines Individuums in diesem oder einem vorangegangenen Leben.
Die Kette von Ursache und Wirkung in der moralischen Welt
Das individuelle Karma ist die Summe aller Samskāras, d. h. aller mentalen Eindrücke, Neigungen und Prägungen. Die Samskāras sind das Resultat früherer Gedanken, Erfahrungen und Handlungen. Tief in uns verwurzelt, können sie sich über mehrere Reinkarnationen hinweg als karmische Sedimente festbeißen. Sie sind die Hauptursache für leidvolle Denk- und Verhaltensmuster.
„Die Gesamtheit der Samskāras bildet den Charakter des Menschen.“ (Kurt Friedrichs)
Das Interessante an dieser Theorie: Die Samskāras (und das daraus resultierende Potential) steuern die Motive und leiten das Verhalten aller gegenwärtigen und zukünftigen Gedanken und Handlungen. Somit ist jedes Karma die Saat für ein weiteres.
„Die Früchte des Karma werden in Form von Freude oder Leid geerntet, je nach Art der Gedanken oder Handlungen.“ (Kurt Friedrichs)
Nach der Karma-Lehre hat sich jeder Mensch die Begrenzungen seines Charakters durch vergangene Handlungen und Gedanken selbst zuzuschreiben.
Determinismus oder freier Wille?
Da alles, was im Hier und Jetzt geschieht, eine Folge vergangener Zustände ist, gibt es keinen Raum für den Zufall. Insofern ist der Mensch determiniert.
Im Hinblick auf sein zukünftiges „Schicksal“ hat er aber eine Wahl. Er kann seiner karmischen Formung durch die Samskāras folgen oder sein Denken und Handeln in eine, dem guten Karma förderliche, Richtung lenken. An diesem Punkt kommt die Willensfreiheit des Menschen ins Spiel. Kurt Friedrich spricht von der Freiheit des atman, des innewohnenden Bewusstseins.
„Als Atman wird die unsterbliche und immer schon befreite Wesenheit bezeichnet, die sich für die Dauer eines Lebens in einem Körper aufhält und ihn bei [dessen] Tod verlässt.“ (Angelika Malinar)
Für die Seele (atman) ist die sterbliche Hülle lediglich ein Vehikel. Da das Selbst von grundsätzlich anderer Natur ist als der Körper, wird es durch die Bedingtheit der körperlichen Existenz nicht angetastet. Es handelt sich um einen reinrassigen Leib-Seele-Dualismus.
Stirbt der Körper, gibt es für das atman zwei Möglichkeiten: es verkörpert sich erneut oder ist ohne Wiederkehr aus dem Kreislauf von Werden und Vergehen (moksha) erlöst. Letzteres ist der ersehnte Zustand der Erleuchtung, in dem kein weiteres Karma mehr erzeugt wird.
Im Hinduismus wird der Anfangspunkt der Welt in eine einzige höchste Wesenheit (brahman) verlagert, die sich stufenweise in der Welt manifestiert und diversifiziert (vgl. Malinar).
„Die sichtbare Welt wird als Gestaltnahme bzw. Verkörperung dieser unsichtbaren, höchsten Entität interpretiert.“ (Angelika Malinar)
Für Hindus ist die sichtbare Welt defizitär, das Leben oft leidvoll und die Existenz brüchig. Wiederverkörperung oder gar Unsterblichkeit ist kein erstrebenswertes Ziel. Diese Einstellung prägt das Denken über Tod, Unsterblichkeit und das Göttliche.
Im Gegensatz zum Christentum geht es Hindus nicht um verheißungsvolle Jenseitsvorstellungen wie sie auf unterhaltsame Weise in „Der Brandner Kaspar schaut ins Paradies“ visualisiert werden.
„Den Glauben an nur ein Leben, in dem der einzelne [sic!] über sein ewiges Geschick entscheidet, betrachtet der Hindu als unvernünftig und unethisch.“ (Peter Schreiner)
Für Hindus
„besteht Erlösung im Eingehen des Selbst, des atman in ein unpersönliches, allumfassendes ‚Sein‘, das sog. [sic] Brahman, worin alle Unterschiede verschwinden wie die Flüsse im Ozean.“ (Angelika Malinar)
Leichter gesagt als getan. Da die ersehnte Erlösung nicht von selbst kommt, bedarf es einiger Anstrengung des Individuums. Allerdings bieten die vielfältigen Strömungen des Hinduismus unterschiedlich entbehrungsreiche Wege (marga) und Praktiken (sadhana). Unter anderem folgende:
Belehrung durch einen Lehrer (verbunden mit einer Lehrzeit)
Asketische Lebensführung
Liebe zum Göttlichen
Opfertätigkeiten
Lektüre religiöser Schriften
Yoga als spiritueller Weg zur Erleuchtung (siehe Beitrag über die unterschiedlichen Yoga-Arten)
Richtiges Verhalten (z. B. Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Zufriedenheit, Askese, Gottesergebenheit, Reinlichkeit, Mäßigung, Enthaltsamkeit, Nicht-Stehlen)
Zu 7.) Obwohl es sich dabei um eine Beschreibung der Yogi-Lebensweise handelt, ist der Regelkatalog richtigen Verhaltens (dharma) für den Alltag aller sozialen Schichten in einem Kastensystem bestimmend. Er umfasst das, was in westlichen Kontexten als moralische Regeln bezeichnet wird.
Nobody is an Island
Diese Regeln betreffen auch das gesellschaftliche Zusammenleben. So ist die körperliche Reinlichkeit nicht nur eine Privatangelegenheit des Individuums. Sie ist vielmehr eine Voraussetzung für soziale Interaktion in einem Land, in dem sich die Menschen gezwungenermaßen auf die Pelle rücken. Sie ist deshalb kein Gebot, sondern Pflicht.
Im Hinblick auf die Erlösung aus dem Kreislauf des Werdens und Vergehens spielt hingegen die spirituelle Reinlichkeit eine wichtige Rolle. Sie ermöglicht dem Einzelnen die Konzentration auf höhere Erkenntnisziele und geistige Werte.
„Allgemein gilt, dass eine Konzentration auf die ‚höheren Ziele‘ erst dann ernst genommen wird, wenn der Einzelne zeigt, dass er die allgemeinen Verhaltensregeln befolgen kann.“ (Angelika Malinar)
Es soll zur Übereinstimmung von Denken, Wissen und Handeln kommen. Allein die konsequente Zügelung eines egoistischen, von persönlichen Interessen geleiteten Denkens führt zur richtigen Praxis.
„Das ist im Kern auch eine der wichtigsten Lehren der Bhagavadgita, dem karmayoga, der Lehre von der Selbstbeherrschung im Handeln.“ (Angelika Malinar)
Der Hinduismus weist über die Bedürfnisse es Einzelnen hinaus. Es geht zwar vorrangig um persönliche Erlösung, aber auch um die Funktionalität der Gesellschaft und den Erhalt der Welt (lokasamgraha).
Literatur
Friedrichs, Kurt: Lexikon der östlichen Weisheitslehren, Otto Wilhelm Barth Verlag, 4. Auflage, Bern 1997.
Malinar, Angelika: Hinduismus. Studium Religionen, UTB Verlag, Göttingen 2009.
Schreiner, Peter: Begegnung mit dem Hinduismus. Eine Einführung, Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 1984.






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