Hinduismus -Teil 3
- fowlersbay

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„Hunde, wollt ihr ewig leben?“ - „Nein, wollen wir nicht“. Unsterblich sein, welch ein Alptraum. Irgendwann reicht es selbst den Lebenshungrigsten.

Nur graduell angenehmer als Vorstellung eines ewigen Lebens ist die unter Hindus verbreitete Annahme, in einem Kreislauf von Tod und Wiedergeburt gefangen zu sein.
Hört das nie auf?
Hindus richten ihr Leben nach vier Hauptzielen (purusarthas), aus:
1) Individueller Lustgewinn
2) Materieller Wohlstand
3) Religiöse Pflichterfüllung (z. B. Opfergaben)
und 4) das strategisch wichtigste Ziel, die Befreiung (moksha) aus dem stetigen Kreislauf von Geburt, Leben, Leiden, Sterben, Tod und Wiedergeburt. Für die meisten Hindus ist leben nämlich mehr Last als Privileg.
Hindus unterstellen eine ewige Ordnung, die den ganzen Kosmos und alles darin Enthaltene umfasst. Alles, was lebt, unterliegt einem unendlichen Werden und Vergehen. Wobei der Körper lediglich als Behausung für das unsterbliche Selbst (atman) dient.
Ist es noch weit?
Die Identifizierung mit der stofflichen Hülle trennt die Wesen von der Erlösung. Solange sie gedanklich davon nicht ablassen, müssen sie entsprechend dem Gesetz der Vergeltungskausalität der Taten (karma) den Lohn ihrer guten und bösen Taten in sich immer erneuernden Existenzen ernten (vgl. Herlmuth von Glasenapp).
Für die Erlösung aus dem Strudel der Seelenwanderung empfiehlt die leicht konsumierbare Bhagavad Gita zwei Wege:
1) Der quietistische Weg als Loslösung von der Welt zur Erlangung der intuitiven Erkenntnis des letzten Seinsgrundes. Dabei handelt es sich um eine von Passivität und Weltflucht geprägte Lebens- und Geisteshaltung. Der Gläubige ruht in einem Zustand der Passivität. Ethische Fragen und Herausforderungen kümmern ihn nicht mehr.
2) Der aktivistische Weg hingegen stellt die Ethik in den Mittelpunkt. Es geht um den Weg des pflichtgemäßen, selbstlosen Handelns, der alles, was passiert, dem Göttlichen anheimstellt.
„Gegenüber dem quietistischen Heilspfad […] kommt in der aktivistischen Ethik das eigentlich neue Sittlichkeitsideal der Gita zum Ausdruck.“ (von Glasenapp)
Krishna:
Wer mich ehrt, meinen Willen tut,
Wer ohne Hass und Neigung ist,
Der geht beseligt zu mir ein,
O Ardschuna, nach kurzer Frist.
Helmuth von Glasenapp, bezeichnet obigen Gesang 11,55 als Quintessenz-Vers. In ihm kommt zum Ausdruck, dass der Wissende und auf richtige Weise Handelnde Erlösung im unpersönlich Unvergänglichen (Brahma-nirvana) finden wird.
Aber auch glaubensvolle Ergebenheit und Gottesliebe (bhakti) sowie die Bereitschaft, sich der Gnade des persönlichen Weltherrn anzuvertrauen, führt aus dem Kreislauf der Wiedergeburten.
Leib-Seele-Dualismus
Bei beiden Wegen geht es darum, die Verbindung zwischen Selbst und Körper zu lösen. Kurzum: Es geht um die Befreiung der Seele.
„Durch die Anwesenheit des Selbst wird der Körper erst lebendig; verlässt es den Körper, so stirbt dieser.“ (Malinar)
Der erkenntnistheoretische Clou: Allein die Tatsache der Verkörperung zeigt, dass das Selbst sein wahres Wesen noch nicht erkannt hat. Die Beschaffenheit des Körpers (der Reinkarnation) lässt zudem auf den spirituellen Reifegrad des Individuums und dessen Meriten aus früheren Leben schließen.
„Das Durchwandern verschiedener Körper erfolgt nach Maßgabe der Qualität der in früheren Existenzen begangenen Taten.“ (Angelika Malinar)
Der Kreislauf von Leben und Tod (samsara), den das unsterbliche Selbst (atman) als Konsequenz von Taten aus vorangegangenen Leben durchwandert, ist nicht an die Erscheinungsform menschlichen Lebens gebunden. Wobei eine menschliche Verkörperung besser ist als ein tierische… auch wenn beiden ein „Selbst“ innewohnt.
Die harte Seite
Niemand, auch kein Neugeborenes, kommt demnach als unbeschriebenes Blatt auf die Welt. Jedes Wesen trägt im gegenwärtigen Leben die Bürde des vorangegangenen.
Aber: Karma ist kein Schicksal im Sinne eines Determinismus, das den Einzelnen in eine unveränderliche Lage zwingt. Vielmehr geht es darum, im aktuellen Leben möglichst weit voranzukommen und sich eine gute Ausgangsposition für die nächste Reinkarnationsstufe zu schaffen.
Diese Denkweise lässt Hindus körperliche und soziale Benachteiligungen (mehr oder weniger) klaglos ertragen. Warum? Weil sie die Ursache für die individuelle Lage nicht in gesellschaftlichen Missständen, sondern im eigenen schlechten Karma verorten.
Im 4. Teil über den Hinduismus widmen wir uns den philosophisch relevanten moralischen Verhaltensregeln.
Literatur
Boxberger, Robert u. Glasenapp von, Helmuth: Bhagavad Gita. Das Lied der Gottheit, Reclam, Stuttgart 2008.
Bretz, Sukadev: Bhagavad Gita für Menschen von heute, Band 1, 3. Auflage, Yoga Vidya Verlag, Horn-Bad Meinberg 2008.
Friedrichs, Kurt: Lexikon der östlichen Weisheitslehren, Otto Wilhelm Barth Verlag, 4. Auflage, Bern 1997.
Malinar, Angelika: Hinduismus. Studium Religionen, UTB Verlag, Göttingen 2009.
Srimad, Sri: Bhagavad Gita wie sie ist, The Bhaktivedanta Book Trust International Inc., Birkenfeld 1987.






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