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Hinduismus -Teil 2

  • Autorenbild: fowlersbay
    fowlersbay
  • vor 1 Tag
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Aktualisiert: vor 4 Stunden

Sie gehört zu den meistgelesenen Büchern Indiens – die Bhagavad Gita. Viele Hindus tragen sie bei sich und blättern bei jeder Gelegenheit darin. Sie ist ein spiritueller Fixpunkt, auf den sich alle Hindus, ungeachtet ihrer Stellung in der Gesellschaft, beziehen können.


Aus dem Sanskrit übersetzt, bedeutet Bhagavad Gita „Gesang des Erhabenen“ oder „Gesang Gottes“. Tatsächlich handelt es sich um ein handliches, nur 700 Strophen umfassendes, philosophisches Lehrgedicht aus dem 1. Jahrhundert vor Christus. Als sechstes Buch des gewaltigen Nationalepos Mahābhārata (rund 100.000 Doppelverse) hat sich die Bhagavad Gita über die Zeit durch zahlreiche Einschübe und Umschreibungen verändert. Sie kann auch keinem Autor zugerechnet werden.



Reim oder Sein?


Neben wortwörtlichen Übersetzungen aus dem Sanskrit existieren auch poetische Auslegungen in Reimform. Letzteres geht häufig zu Lasten der inhaltlichen Präzision. Zudem weichen Übersetzungen in andere Sprachen oft erheblich voneinander ab. In manchen Fällen führen diese Unterschiede zu einem völlig anderen Textverständnis oder sich widersprechenden Aussagen.

 

Wie stark die Textauslegung dadurch beeinflusst wird, zeigt Vers 15 des 15. Gesangs:


1) Gereimte Übersetzung von Robert Boxberger


Krishna:

Von mir stammt das Sich-Erinnern,

das Behaupten, Widerreden;

Durch die Schrift bin ich erkennbar,

Der Vollender aller Veden.


2) Wörtliche Übersetzung von Sri Srimad


Krishna:

Ich weile im Herzen eines jeden,

von mir kommen Erinnerung, Wissen und Vergessen.

Das Ziel aller Veden ist es, mich zu erkennen.

Wahrlich, ich bin der Verfasser des Vedanta,

Ich bin der Kenner der Veden.


In der ersten Übersetzung spricht Krishna von Behaupten, in der zweiten von Wissen. Allein die Bedeutungsunterschiede dieser beiden Wörter lassen Raum für Spekulation und eigene Interpretation. Was aus philologischer Sicht von Interesse sein kann, ist für den nicht gelehrten Hindu kaum von Bedeutung. Ihn interessiert vor allem die spirituelle Erbaulichkeit der Bhagavad Gita. 

 

 

Der Erhabene… ist wer?


Der Erhabene, das ist Krishna, die irdische Manifestation der vedischen Gottheit Vishnu. Krishna begleitet Prinz Arjuna, den Heerführer der Pandus, in die entscheidende Erbfolgschlacht von Kurukshetra.


Er ist Arjuna zugleich Freund, Lehrmeister und Streitwagen-Lenker. Als göttliche Verkörperung gibt er sich zunächst nicht zu erkennen.

 

Vor Beginn der Schlacht erblickt Arjuna in den gegnerischen Reihen Verwandte, Freunde und ehemalige Lehrer. Von Zweifel und Skrupel geplagt, fordert er Krisna auf, beide Heere zu stoppen. Lieber will Arjuna ein Leben als Bettelmönch führen, als sich des Brudermordes (im weiten Sinn) schuldig zu machen.

 

Krishna erinnert ihn daran, dass es seine Kriegerpflicht ist, zu kämpfen.

 

„Er begründet dies damit, dass nur die Leiber getötet werden könnten, das Geistige in ihnen aber unsterblich sei.“ (Helmuth von Glasenapp)

 

In der Folge entwickelt sich ein Dialog, in dem Krishna Arjunas Fragen über Gott, die Seele und die Welt beantwortet. Den Höhepunkt bildet der 11. Gesang der Bhagavad Gita, in dem sich Krishna als irdische Gestalt Gottes offenbart.

 

Daraufhin erklärt sich Arjuna bereit, in die Schlacht zu ziehen, in der die meisten Krieger ums Leben kommen werden.

 

Dabei steht Schlachtfeld symbolisch für die im Menschen unentwegt stattfindenden Kämpfe zwischen den guten und bösen Kräften… zwischen dem Ego und seiner höheren Natur (Kurt Friedrichs). Eine Thematik, die die Bhagavad Gita auch im Westen anschlussfähig gemacht hat.

 

 

Grundgedanken der Bhagavad Gita



Gott (Vishnu) ist der Allgeist, die Ursache von allem, was ist. Er durchdringt alles Materielle und Geistige. Zugleich ragt er als Weltenherrscher (ishvara) über alles Gewordene hinaus. Diese Gottesbeschreibung ist eine Art Pan(en)theismus.

 

Periodisch lässt er die Welt aus sich hervorgehen und nimmt sie wieder in sich zurück. In der Welt manifestiert er sich als der Geist (purusha). Dieser macht die Seele, den unsterblichen Wesenskern jedes Lebewesens, aus.

 

Darüber hinaus ist Gott die reine Kraftsubstanz (prakriti: Natur). Aus ihm gehen sämtliche Elemente sowie Vermögen (z. B. das Denken) hervor. Die unpersönliche Form Gottes ist unvergänglich (akshara).

 

 

Entstehung der sichtbaren Welt


Vor der Entstehung der Welt befanden sich die bildenden Eigenschaften (gunas):


das Lichte

das Freudige

die Güte

die Leidenschaft

die Dunkelheit


in einem Gleichgewicht. Mit der Schaffung der Welt trennen und vermischen sie sich in unterschiedlich große Verhältnisse (vgl. von Glasenapp).

 

Daraus entstehen durch Verdichtung der feinen, nicht wahrnehmbaren Natur die feinstofflichen Grundlagen des psychischen Apparates aller Wesen: die Vernunft (buddhi), das Selbstgefühl (ahankara), der Verstand (manas). Schließlich folgen die Sinnes- und Tastorgane. Zudem Äther, Luft, Wasser, Feuer, Erde.

 

 

Im 3. Teil unseres Beitrags über den Hinduismus erfahren wir, wie sich Menschen aus dem quälenden Strudel von Seelenwanderung und Reinkarnation befreien können.

 

 

 

Literatur

Boxberger, Robert u. Glasenapp von, Helmuth: Bhagavad Gita. Das Lied der Gottheit, Reclam, Stuttgart 2008.

Bretz, Sukadev: Bhagavad Gita für Menschen von heute, Band 1, 3. Auflage, Yoga Vidya Verlag, Horn-Bad Meinberg 2008.

Friedrichs, Kurt: Lexikon der östlichen Weisheitslehren, Otto Wilhelm Barth Verlag, 4. Auflage, Bern 1997.

Srimad, Sri: Bhagavad Gita wie sie ist, The Bhaktivedanta Book Trust International Inc., Birkenfeld 1987.

 

 

 

 

 

 



 
 
 

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