• Der schwarze Peter

Arbeit, was war das nochmal?

Aktualisiert: 17. Nov 2020

Nicht einen einzigen Tag hat unser Philosoph in seinem Leben richtig gearbeitet. Dieses Vorurteil haben selbst Leute, die ihn lange kennen.


Er geht weder in ein Büro noch in eine Werkstatt. Genauso wenig bestellt er ein Feld. Ohne Lohnsteuerkarte und geregelte Arbeitszeiten hangelt er sich von Auftrag zu Auftrag. In den Zwischenzeiten gibt er sich knorrig seinen philosophischen Gedanken hin. Ab und an widmet er sich Projekten, für die es wenig oder kein Geld gibt. Dabei versucht er nicht, geschäftiger zu wirken als er ist. Das bedeutet keineswegs, dass er taten- oder verantwortungslos in den Tag hinein lebt. Trotzdem - er hat das Gefühl, sich für seinen Lebensstil rechtfertigen zu müssen (was ihn nach Jahrzehnten noch immer verunsichert). Meist sind es sogenannte abhängig Beschäftigte, die ihn um seine Freiheit und den scheinbar geringen Grad an beruflicher Fremdbestimmung beneiden. Sein Mangel an beruflicher Opferbereitschaft irritiert allenthalben.



Ihn hingegen wundert der schlechte Ruf des Müßiggangs? Vor allem, weil um ihn herum Leute permanent ihre berufliche Überlastung beklagen. Er vermutet dahinter eine moderate Systemkritik. In der Antike - das weiß er als Philosoph genau - zählte die Muße noch zum Markenkern des gelungenen Lebens. Gerne zitiert er Aristoteles:


„Es gilt als ausgemacht, dass die Glückseligkeit sich in der Muße findet.“

Folglich schließen sich Arbeit und Tugend (im Sinne von Vortrefflichkeit) aus. Er weiß natürlich, dass diese vornehme Geisteshaltung heutzutage nicht lebensdienlich ist. Aber er fragt sich, was ist in den 2.400 Jahren seit Aristoteles schief gelaufen ist? Zumal er sich als beharrlich grübelnder Mensch in guter christlicher Gesellschaft mit Augustinus wähnt:


„Bei der Muße soll nicht etwa träges Nichtstun locken, sondern das Erforschen und Auffinden der Wahrheit“.

Das Streben nach Weisheit und die Suche nach der Wahrheit: Nichts Geringeres motiviert ihn, morgens sein Bett zu verlassen. Selbst im Mittelalter - diese Erkenntnis hat er aus dem 4. Philosophiesemester mitgenommen - war die Haltung zur Arbeit entspannter als heute - zumindest bei einer privilegierten Bevölkerungsschicht:


„Es ist also zu sagen, dass das beschauliche Leben schlechthin besser ist als das tätige Leben.“ (Thomas von Aquin)

So hätte es weitergehen können - denkt er wehmütig. Aber es kam der Protestantismus und mit ihm Luther (oder umgekehrt! Das weiß er nicht mehr genau):


„Müßiggang ist Sünde wider Gottes Gebot, der hier Arbeit befohlen hat.“

Das ist eine Kost, die ihm nicht mundet. Die Ursache für das zwiespältige Bild des Müßiggängers sieht er beim Pseudo-Aufklärer Fichte. Der hat nach Meinung unseres Philosophen in seinem Werk Reden an die deutsche Nation den Grundstein für das heutige verkorkste Verhältnis zur Arbeit gelegt:


"Man erkundige sich nur näher nach den Personen, die durch ehrloses Betragen sich auszeichnen! Immer wird man finden, dass sie nicht arbeiten gelernt haben oder die Arbeit scheuen.“


Vielleicht ist die aktuelle Misere eine Folge des Sündenfalls. Einmal von der verbotenen Frucht genascht und das war’s mit den paradiesischen Zuständen. Keine Leistung mehr ohne Gegenleistung. Er fragt sich, ob andere darunter ähnlich leiden wie er. Er glaubt, dass sich die Menschen an ihre Ketten gewöhnt haben.


Da er selbst homöopathisch dosiert arbeitet, könnte es ihm egal sein. Aber er hat irgendwo gelesen, dass der Zwang und die Liebe zur Arbeit mit einem Hass auf den Müßiggänger (also auf ihn) einhergehen. Er fühlt sich als Opfer einer ihn ausgrenzenden Arbeitsideologie.


Am meisten ängstigst ihn die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen - obwohl er mächtig davon profitieren würde. Sollte es kommen, die Blicke seiner Freunde und Bekannten will er sich gar nicht ausmalen. Ihre missbilligenden Gedanken glaubt er erraten zu können: „Jetzt auch noch Geld vom Staat - für's Nichtstun. geht's noch?".


Dann müsste auch er sein bislang dezentes berufliches Wirken publikumswirksamer vermarkten - so wie es den meisten Menschen zur Gewohnheit geworden ist.





Literatur

Aristoteles: Nikomachische Ethik, 4. Auflage, Übers. Wolf, Ursula, Rowohlt, Hamburg 2013.

Fichte, Johann Gottlieb: Reden an die deutsche Nation, 4. Auflage, Holzinger Verlag, Berliner Ausgabe 2017.


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