Hinduismus -Teil 1
- fowlersbay

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Christen haben die Bibel, Muslime den Koran, Juden die Tora, Hindus die Bhagavad Gita. Westliche Autoren behaupten oft, dass es sich bei der Bhagavad Gita um das Evangelium der Hindus handelt.

Diese vergleichende (und vereinfachende) Annäherung an den Hinduismus ist der Tatsache geschuldet, dass dessen Wesenskern für Außenstehende schwer fassbar ist. An dieser Fremdheit ändert auch die große Zahl über den Erdball verstreuter Hindus nichts.
Allein in Indien leben rund 1 Milliarde Hindus. Hinzu kommen über 100 Millionen in den historischen Ausbreitungsgebieten Asiens (u. a. Nepal, Indonesien) und in Afrika. Zudem existieren große Diaspora-Gemeinschaften in den USA, Europa und den Golfstaaten (vor allem im Oman).
Weltreligion... oder nicht?
Aufgrund seiner Strahlkraft, Größe und globalen Präsenz gilt der Hinduismus vielen als Weltreligion:
„Ein Begriff, der eine Einheitlichkeit suggeriert, die sich bei näherer Betrachtung in eine Vielfalt religiöser Gemeinschaften, Praktiken und Glaubensinhalte auffächert und deshalb schwer zu fassen ist.“ (Angelika Malinar)
Tatsächlich fehlen aus theologischer Sicht etliche, für eine Religion wesentliche, Merkmale.
Der Hinduismus hat weder eine Gründerfigur noch einen Gründungsmythos.
Es existiert kein für alle Hindus verbindlicher Grundtext, auch wenn die Veden und großen indischen Epen diesen Schluss nahelegen. Die Bhagavad Gita ist – im Gegensatz zur Bibel – keine unveränderliche Offenbarungsschrift. Das ist wesentlicher Grund, warum sich nicht alle hinduistischen Strömungen oder Traditionen vollumfänglich darauf beziehen.
Hindus kennen je nach Kult oder Glaubensrichtung eine Vielzahl männlicher und weiblicher Götter mit unterschiedlicher Machtfülle und unterschiedlichen Aufgabengebieten.
Es gibt hinduistische Traditionen, in denen eine namenlose und formlose Gottheit verehrt wird. Die unterschiedlichen Götter haben in diesem Fall nur eine eingeschränkte, nachrangige Autorität gegenüber dem höchsten, unpersönlichen Sein.
Im Hinduismus existiert keine, ihn repräsentierende, Institution oder Persönlichkeit (wie der Papst im Christentum).
Eine westliche Erfindung?
Um den Religionsbegriff zu umschiffen, ist im Zusammenhang mit dem Hinduismus oft von einer Lebensphilosophie, spirituellen Lehre oder Weltanschauung die Rede. Tatsächlich hat sich der Begriff „Hinduismus“ erst im 19. Jahrhundert während der britischen Kolonialherrschaft herausgebildet. Viele Forscher sehen in dieser Begrifflichkeit ein westliches Hilfsmittel, mit dem die Vielfalt religiöser Praktiken gebündelt werden sollte.
Das ändert aber nichts an der grundsätzlichen Schwierigkeit:
„Konfrontiert mit dem Hinduismus, beginnen gängige Definitionen und Abgrenzungen von Religion, Philosophie und Theologie zu verschwimmen; sie passen auf einige Aspekte des Hinduismus, auf andere gar nicht.“ (Angelika Malinar)
Für Peter Schreiner sind dies Einordnungsschwierigkeiten, die sich nur dem Außenseiter stellen. Die Mehrzahl der Inder wird sich trotz der Vermischung philosophischer Systeme, der aktuellen Vielfalt an Glaubensinhalten und religiöser Riten als Hindus bezeichnen.
Bei allen Unterschieden gibt es im heutigen Hinduismus einige Merkmale, die zwar nicht den formalen Kriterien einer Religionsbestimmung genügen, für Hindus aber ein einigendes Band darstellen:
Das Verbot der Tötung heiliger Kühe.
Der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele.
Die Akzeptanz der heiligen Schriften.
Den unbestritten größten Einfluss auf das tägliche spirituelle Leben der meisten Hindus hat aber die vergleichsweise kurze Bhagavad Gita. Mit ihr werden wir uns im 2. Teil beschäftigen.
Literatur
Malinar, Angelika: Hinduismus, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009.
Schreiner, Peter: Begegnung mit dem Hinduismus. Eine Einführung, Verlag Herder, Freiburg i. Breisgau 1984.






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