• Der schwarze Peter

BUCHTIPP: Bergerlebnis und Sinnerfahrung

Aktualisiert: 7. Apr.

Der Firnis der Zivilisation ist dünn. Darunter, so Kurt Imhof, brodelt die Barbarei. Der Respekt vor abweichenden Argumenten ist einer ideologisch und moralisch aufgeladenen Hypererregung gewichen. Die Vertreter extremer Haltungen stehen sich in ihrem Empörungsfuror unversöhnlich gegenüber. Es werden Wunden geschlagen, bei denen es fraglich ist, ob sie jemals verheilen. Wie könnten sie, wenn der andere vorrangig als Zumutung wahrgenommen wird.


Die Frage, was ich mir von einem Mitmenschen gefallen lasse, ist eine Frage der persönlichen Grenzziehung. Psychologisch und philosophisch interessanter ist eine Wendung, die der österreichische Neurologe, Begründer der Logopädie und Philosoph Viktor E. Frankl dieser Fragestellung gegeben hat:


„Muss man sich denn auch alles von sich gefallen lassen?“

Diese Modifikation ist irritierend, bei näherer Betrachtung naheliegend. Deutlich wird das durch den ergänzenden Satz „Kann man nicht stärker sein als die Angst?“. Offenbar geht es Frankl darum, sich gegen den übergriffigen angstbesetzten Teil seines Ichs zur Wehr zu setzen.


Der Trost der Philosophie

Da kann unser Philosoph mitreden. Kürzlich hatte er eine Panikattacke. Zwei Dinge haben ihm in dieser Nacht geholfen: Seine Liebe zur Philosophie und die Worte Viktor Frankls. An Ort und Stelle hat der Schwarze Peter den Entschluss gefasst, sich nicht mehr alles durchgehen zu lassen; sich nicht mehr von sich selbst terrorisieren zu lassen. Hat es etwas gebracht? Scheinbar, denn er schaffte es, den Hypochonder in sich in Schach zu halten. Derart eingestimmt, hat er an der Schwelle zum Schlaf in Dankbarkeit beschlossen, Viktor Frankl seinen nächsten Blogbeitrag zu widmen.


Wo ist der Bezug zum titelgebenden Bergerlebnis? Unser Philosoph hat sich wieder mal ausschweifend der Einleitung hingegeben. Der Reihe nach: Die (rhetorische) Frage „Muss man sich denn auch alles von sich gefallen lassen?“ findet sich in dem nur 26 Seiten umfassenden Büchlein Bergerlebnis und Sinnerfahrung. Inhaltlich basiert dieses reich bebilderte Werk auf einem Vortrag aus dem Jahr 1987, den Frankl als passionierter Berggeher anlässlich der 125-Jahre-Feier des Österreichischen Alpenvereins an der Wiener Hofburg gehalten hat. Dabei hat er das Thema Alpinismus um eine philosophische und therapeutische Dimension bereichert.


Frankls philosophisches Denken und psychotherapeutisches Wirken sind von den traumatischen Erlebnissen während der Zeit des Nationalsozialismus geprägt. Sein Werk ist ungewöhnlich eng mit seiner Vita verwoben, weshalb es sich erst durch die Kenntnis einiger biographischer Daten erschließt.



Wichtige Wegmarken


Viktor E. Frankl kam 1905 in Wien zur Welt. Ab 1923 studierte er Medizin mit den Schwerpunkten Depressionen und Suizid. Seine medizinische Dissertation legte er 1930 ab, die philosophische 1949. Von 1933 bis 1937 leitete er im Psychiatrischen Krankenhaus Wien den sogenannten „Selbstmörder-Pavillon“. Schon damals erforschte er, welche Faktoren einen Suizid begünstigen oder verhindern.


1938 wurde ihm aufgrund seiner jüdischen Abstammung die Behandlung arischer Patienten verboten. Das kam, zumindest an diesem Hospital, einem Berufsverbot gleich. Aus diesem Grund übernahm Frankl 1940 die neurologische Abteilung des Rothschild-Spitals. Das einzige Hospital in Wien, in dem noch jüdische Patienten behandelt werden durften. Die Repressionen zeigten sich immer unverhohlener, weshalb sich Frankl um ein Visum für die USA bemühte. Allerdings wollte er seine Eltern nicht in einem totalitären Regime zurücklassen. Nach längerem Ringen verzichtete er wegen dieser Verbundenheit auf die rettende Emigration.


Seine Eltern, sein Bruder und seine Frau starben in den Folgejahren im Ghetto oder verschiedenen Konzentrationslagern. Frankl war bis zu seiner Befreiung 1945 unter anderem in Ausschwitz interniert. Nach Kriegsende war er der einzige Überlebende der Kernfamilie.



Das Leben bejahen


Viktor Frankl hat diese Erfahrungen 1946 in dem Buch … trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager verarbeitet. Im Gegensatz zu dem Philosophen Emmanuel Levinas (1906-1995), der ebenfalls enge Familienmitglieder in Lagern verloren hatte und deshalb nie wieder deutschen Boden betreten hat, wählte Frankl den Weg der Versöhnung. Die Vorstellung einer deutschen Kollektivschuld (die dem Individuum jede Möglichkeit der Nicht-Schuld abspricht) hat er zeitlebens abgelehnt… eine von Vernunft, Stärke, Würde und Großmut geprägte Haltung. Frankl hat als Psychotherapeut erkannt, dass das unbedingte Ja zum Leben die Bereitschaft zur Vergebung (nicht zum Vergessen) erfordert. Auch im Interesse seiner eigenen seelischen Gesundheit hat er Unversöhnlichkeit abgelehnt.




Der Wille zum Sinn


Frankl wollte wissen, warum manche KZ-Häftlinge überlebten. War es bloßer Zufall oder die körperliche Konstitution? Was zeichnete den überwiegenden Teil derer, die überlebten, aus? Für Frankl war es der unbedingte Lebenswille. Der wiederum war abhängig von einer geistigen Dimension. Etwas, das vom Individuum als individuell sinnhaft angesehen wurde. Frankl kannte die internationale Literatur betreffend die Psychologie von Kriegsgefangenenlagern und die Eindeutigkeit des Forschungsergebnisses:


„Letzten Endes war die Überlebenschance davon abhängig, ob da einer auf die Zukunft hin orientiert war, auf eine Aufgabe hin, die er in der Zukunft, in der Freiheit, zu erfüllen gedachte.“ (Viktor Frankl)

Neben der Hoffnung auf eine Wiedervereinigung mit seiner Familie sah Frankl den Sinn auch darin, in einem menschenverachtenden System anständig zu bleiben und seine Würde zu bewahren (Elisabeth Lukas). Dieses Sinnreservoir ermöglichte es ihm, weder zu resignieren noch zu verzweifeln. Diese Beobachtungen decken sich in weiten Teilen mit seinen früheren Forschungen zur Suizidprävention.


Frankl war, wie viele Gelehrte seiner Zeit, philosophisch gebildet. Zuvorderst war er jedoch Psychotherapeut. Wenn er die Sinnfrage stellte, dann in einem anwendungsorientierten Kontext. Akademische Gedankenspiele wie „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“ hatten für ihn keinen therapeutischen Wert.


„Frankl fragte nicht danach, warum jemand seelisch krank wird, sondern nach dem Grund der Gesundwerdung. Also: Was ist ein Motiv, um eine Schwierigkeit zu überwinden?“ (Elisabeth Lukas)

Um eine schwere psychische Erkrankung zu bewältigen, bedarf es eines individuellen Grundes, der es ermöglicht, sein Leben entschlossen zu bejahen.



Sinn finden in den Bergen


In den Konzentrationslagern, in denen Frankl auf eine Nummer reduziert wurde, gab ihm die Vorstellung, eines Tages beim Klettern wieder den Felsen zu spüren, eine zusätzliche Perspektive (Klaus Haselböck). Nach dem Krieg und bis ins hohe Alter war er ein leidenschaftlicher Kletterer und Berggeher.


Frankl hat sich zwar nicht durch spektakuläre Erstbesteigungen um den Alpinismus verdient gemacht, aber er hat „vielen Menschen die Gewissheit gegeben hat, dass es nicht sinnlos ist, in die Berge zu gehen“ (Klaus Haselböck). Dabei war ihm als Wiener das Klettern nicht in die Wiege gelegt. Im Gegenteil: Frankl litt von Kindheit an unter Höhenangst.


„Was mag mich zum Klettern bewogen haben? Offen gesagt die Angst davor, aber wie oft frage ich meine Patienten, wenn sie sich mit ihren Angstneurosen an mich wenden: Muss man sich denn alles von sich gefallen lassen? Kann man nicht stärker sein als die Angst?“

Nach eigenem Bekunden hat sich Frankl von dem Dramatiker Johann Nestroy (1801-1862) inspirieren lassen. Der hat in einem Theaterstück die Frage gestellt:


„Jetzt bin ich neugierig, wer stärker ist, ich oder ich?“

Das Klettern, wie Frankl es schätzte, hat im Gegensatz zu vielen anderen Sportarten einen besonderen Reiz. Man konkurriert und rivalisiert im Moment der Betätigung nur mit sich selbst.


In den Bergen fand Frankl neben dem Ausgleich zu seiner überwiegend sitzenden Tätigkeit den gesund erhaltenden eustress (im Gegensatz zum krank machenden distress). In einer Kletterwand war er ganz im Moment und bei sich. Zugleich war er auf ein mit Vorfreude verfolgtes Ziel ausgerichtet. Der Mensch, so Frankl, benötigt diese positiv wirkende Form der Spannung:


„[A]m zuträglichsten ist ihm jene Spannung, die sich etabliert im polaren Kraftfeld zwischen einem Menschen auf der einen Seite und, auf der anderen Seite einem Ziel, das er sich setzt, einer Aufgabe, die er sich wählt."

Indem er eine Sache zu seiner macht, generiert der Mensch individuellen Sinn (Karl Jaspers).


Frankl wusste um die Gefahren des Bergsteigens, vertraute aber der „Trotzmacht des Geistes“ gegenüber Ängsten und Schwächen der Seele. Klettern bedeutete für ihn, sich den eigenen Ängsten zu stellen (Klaus Haselböck). Gerne zitierte er in diesem Zusammenhang den Dramatiker Hölderlin:


„Wo die Gefahr, dort wächst auch das Rettende“







Literatur

Frankl, Viktor E.: Bergerlebnis und Sinnerfahrung, 8. Auflage, Tyrolia-Verlag, Innsbruck/Wien 2021.

Haselböck, Klaus u. Holzer, Michael: Berg und Sinn – Im Nachstieg von Viktor Frankl, Bergwelten Verlag, Salzburg/München 2019.


Haselböck, Klaus: Berg und Sinn – Im Nachstieg von Viktor Frankl, Interview in bergweltem.com von Martin Foszczynski vom 13. November 2019: https://www.bergwelten.com/a/berg-und-sinn-im-nachstieg-von-viktor-frankl (abgerufen am 22.01.2022).

Imhof, Kurt: Schluss mit dem Bauchstalinismus!, Réne Scheu und Florian Rittmeyer treffen Kurt Imhof, in: Weiterdenken, Schweizer Monat 1006, Mai 2013, https://www.foeg.uzh.ch/medienspiegel/bauchstalinismus/Mai_Schluss_mit_dem_Bauchstalinismus.pdf (abgerufen am 19.01.2022).

Lukas, Elisabeth: Er erhielt sich seine Würde, Interview in der SZ von Anna-Sophia Lang (25. März 2015), https://www.sueddeutsche.de/muenchen/dachau/geschichte-er-erhielt-sich-seine-wuerde-1.2410657 (abgerufen am 20.01.2022).




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