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Diskursethik - Die Tiere sind unruhig

  • Autorenbild: fowlersbay
    fowlersbay
  • vor 2 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Was hat uns nur so ruiniert? Als Individuen und als Gemeinschaft. Kaum ein gesellschaftlich relevantes Thema, bei dem die Emotionen nicht überkochen und Kontroversen in Feindseligkeit umschlagen.



Für Michael Klein gehören symbolische Bloßstellungen und Ächtungen längst zum Alltag...vor allem in der digitalen Welt. Aber nicht nur dort, denn die Extreme sind der neue Normalzustand einer übererregten Gesellschaft wie der unseren.


Auf dem Weg zur Empörungsgesellschaft ist die Diskursfähigkeit abhandengekommen…und mit ihr das respektvolle Argumentieren. Immer häufiger geht es darum, Andersdenkende auszuschalten. Michael Klein spricht von Gruppensolidarität und Gruppenfeindschaft.

 

 

Wie hört das auf, wie wird das weiter gehen?


„Was tun?“ spricht Zeus, die Vernunft ist weggegeben. (frei nach Friedrich Schiller)

 

Wir können uns an Jürgen Habermas (1929-2026) und dessen Diskursethik orientieren. Für ihn ist das Fundament einer deliberativen Demokratie der "Herrschaftsfreie Diskurs". Er skizziert damit das aufklärerische Ideal einer Diskurs-Gemeinschaft und deren Diskursregeln (die Zahl der Punkte variiert):

 

  1. Alle Teilnehmer sind sich ebenbürtig.


  2. Es existiert keine Hierarchie zwischen den Diskursteilnehmern.


  3. Wer sich redlich um die richtige Gestalt einer gemeinsamen Ordnung bemüht, darf nicht für unwürdig gehalten und ausgeschlossen werden.


  4. Niemand wird zum Schweigen gebracht.


  5. Missliebige Meinungen werden nicht unterdrückt.


  6. Niemand beansprucht die Diskurshoheit.


  7. Alle Teilnehmer sind bereit, eigene Positionen zu überdenken.


  8. Die Teilnehmer hören einander zu und fallen sich nicht ins Wort.


  9. Die Argumente sind rational begründet.


  10. Alle Teilnehmer partizipieren ohne Furcht vor Repressalien


  11. Sie beenden ihre Kommunikation nicht willkürlich


Kurz gesagt, ist für Habermas eine Norm akzeptabel, wenn alle Beteiligten aus freier Einsicht und ohne äußere Zwänge zustimmen können.

 

Da es in der Realität keinen herrschaftsfreien Diskurs gibt, muss er von den Diskursteilnehmern als erstrebenswertes Ideal antizipiert werden.

 

 

An alle ist gedacht


Mit der hypothetischen Stellvertreterdiskussion weitet Habermas den Geltungsrahmen seiner Diskursethik auf Nicht-Anwesende aus. Wenn es um Belange einer Gruppe von Menschen geht, die nicht am Diskurs teilhaben können, müssen deren vermutete Interessen berücksichtigt werden.


Habermas denkt an Menschen, die z. B. aufgrund geistiger Behinderungen ihre Anliegen nicht vertreten können. Hinzu kommen Ungeborene, deren späteres Wohlergehen von heutigen Weichenstellungen (beispielsweise beim Thema Klimaschutz) abhängt.

 

 

Erkenntnistheoretische Konsequenzen

 

Folgt man den Gedanken Habermas, lässt sich Wahrheit als idealer Konsens definieren. Das, worauf sich Teilnehmer eines herrschaftsfreien Diskurses einigen, wäre gültig. Zumindest, wenn diese Wahrheitsverständnis soziologisch interpretiert wird, d. h. als Anerkennung einer Norm innerhalb der betreffenden Diskursgemeinschaft. Aber:


„Als Analogon zu einer Wahrheitsdefinition allerdings taugt dieses Kriterium nicht.“ (Julian Nida-Rümelin)

 

Denn:

 

„Auch unter idealen epistemischen Bedingungen kann ein Konsens in einer herrschaftsfreien Diskursgemeinschaft irrtümlich sein.“ (Nida-Rümelin)

 

Im Bereich der empirischen Wissenschaften (z. B. der Kosmologie) ist diese Annahme unmittelbar einsichtig, denn eine Theorie wird nicht dadurch wahr, dass sich Forschende in einem herrschaftsfreien Diskurs darauf einigen.


Warum? Weil neue Entdeckungen bisherige Erkenntnisse in Frage stellen (Karl Poppers hypothetischer Falsifikationismus). Deshalb sind Ergebnisse empirischer Wissenschaften grundsätzlich vorläufiger Art. Für Julian Nida-Rümelin stellt die physikalische Realität den letzten Prüfstein der Realität dar.

 

 

Normative Geltungsfragen

 

Im Gegensatz zu empirischen Geltungsfragen geht es bei normativen darum, herauszufinden, was gerecht ist. Dabei spielen Argumente eine Rolle, die für oder gegen eine kulturelle oder politische Praxis sprechen.

 

„Im Falle normativer Regeln kommt hinzu, dass die Angemessenheit einer Verhaltensregel oder einer politischen Institution davon abhängt, dass sie den Interessenslagen aller gleichermaßen gerecht wird.“ (Nida-Rümelin)

 

Voraussetzung ist der „Gebrauch des nüchternen Verstandes, der die Differenz zwischen Ideal und Wirklichkeit weder verleugnet noch verabsolutiert.“ (Georg Kohler)

 

 

 

 

Literatur

Klein, Michael: Die übererregte Gesellschaft – die digitale Welt als Biotop des Hyperismus: in: Addiction. Das Portal zum Thema Sucht und Suchterkrankungen, https://www.addiction.de/hyperismus/ (abgerufen am 19.04.2026).

Kohler, Georg: Die Gleichheit aller und die Freiheit jedes Einzelnen: Jürgen Habermas setzt auf das Vertrauen und die Vernunft, in: NZZ vom 16-06.2019, https://www.nzz.ch/feuilleton/juergen-habermas-gleichheit-und-das-vertrauen-in-die-vernunft-ld.1487540 (abgerufen am 19.04.2026).

Nida-Rümelin, Julian: Projekt der Aufklärung: Demokratie. Vom öffentlichen Vernunftgebrauch und einer vitalen Zivilkultur, in: Politik & Kultur vom 30.08.2023, https://politikkultur.de/aktuelle-meldungen/projekt-der-aufklaerung-demokratie/ (abgerufen am 19.04.2026).

 

 

 

 

 
 
 

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