• Der schwarze Peter

Epikur - Eine Philosophie der Freude

Aktualisiert: 26. Okt 2020

Mit dieser heiteren Philosophie kommt man leichter durch den Winter. Eine harte Jahreszeit, die wegen Corona noch trüber ausfallen dürfte als sonst.


Dem Schwarzen Peter wird bange wenn er an die kalte Jahreszeit denkt. Am liebsten würde er in einem konstant warmen Terrarium leben. Den Lauf der Jahreszeiten kann er nicht beeinflussen. Aber er kann sich wappnen. Wie immer, wenn ihm die Welt zu viel wird, treibt es ihn Richtung Bibliothek. Welcher Philosoph kann ihm bei der Bewältigung der bevorstehenden Winterdepression beistehen?


Seine Bibliothek ist penibel geordnet - oben links mit der Antike beginnend, unten rechts mit zeitgenössischer Philosophie endend. Wenn er an die griechische Antike denkt, kommen ihm Sonne, Wein, Musik und allerhand Geistesgrößen in den Sinn. Mit Epikur (341-271/270 v. Chr.) soll die therapeutische Reise unseres Philosophen beginnen.



Eine Philosophie für trübe Zeiten


Epikurs Lehre ist eine Philosophie der Freude und Gelassenheit. Die drei großen Bereiche seines Denksystems, die Naturlehre, Erkenntnistheorie und Ethik sind auf einen Endpunkt bezogen: Die Glückseligkeit (eudaimonia). Seine Philosophie ist eine Lebensaufgabe mit einem klaren Ziel: Genuss am Dasein durch ein nachhaltig selig-frohes Gemüt (Johannes Mewaldt). Diesen Zustand will unser Philosoph erreichen.


Epikur lebt in politisch unruhigen Zeiten. Angesichts einer dominant auftretenden Staatsgewalt beobachtet er bei seinen Mitmenschen Orientierungslosigkeit, Ohnmacht, Resignation und Angst. Wer sich nicht auf die Vernunft (i.e. die Philosophie) stützt, dem bleiben nur vage Jenseitshoffnungen. Epikur möchte dem Einzelnen jenseits religiöser Verheißungen helfen, glücklich zu werden. Deshalb sucht er nach einer rationalen Basis für die wichtigsten Lebensfragen (Franz Schupp).


„Da die Menschen Angst haben, brauchen wir die Philosophie, denn diese soll uns Seelengesundheit liefern.“ (Epikur)

Das ist unserem Philosophen nicht konkret genug. Er weiß nicht, wie er mit Epikurs Hilfe zur unerschütterlichen Seelenruhe (ataraxia) gelangt.



Die Seele ist sterblich


Epikur glaubt nicht an ein individuelles Fortleben der Seele nach dem Tod. Im Gegensatz zu Platon ist er überzeugt, dass nichts von unserer Einzigartigkeit erhalten bleibt - weder Geist noch zusammenhängende Materie. Einzelne Atome ja, aber nur als Baumaterial für neu entstehende Organismen.


Dieser Gedanke ist ernüchternd, aber er ebnet Epikur den Weg zu seiner Philosophie der Freude. Wenn dem Menschen - je nach Perspektive - ein weiteres Leben erspart oder verwehrt bleibt, gilt es, das gegebene bestmöglich zu nutzen. Unserem Philosophen kommt Heideggers Wortungetüm sich-vorweg-sein-zum-Tode und der daraus resultierende Imperativ ein eigentliches, selbstbestimmtes Leben zu führen in den Sinn. Wahrscheinlich hat Heidegger bei Epikur abgekupfert.


Bleibt die Frage: Wie packt man das Karnickel am Schopf? Man muss alle in einem ruhenden, von der Natur verliehenen Kräfte mobilisieren - die geistigen mehr als die körperlichen (Mewaldt). Es mag seltsam klingen - die Unausweichlichkeit des Todes hilft bei dieser Anstrengung.



Es gibt keinen Grund, den Tod zu fürchten


Unser Philosoph hat Philosophie studiert, um seine Furcht vor Krankheit, Siechtum, Sterben und Tod in Schach zu halten. Epikur ist da weiter. Für ihn ist der Tod kein Schrecken, denn er ist ein Nichts, wie er in seinem Brief an Menoikeus betont:


„Solange wir da sind, ist er nicht da, und wenn er da ist, sind wir nicht mehr. Folglich betrifft er weder die Lebenden noch die Gestorbenen […].“ (Epikur)

Die Erkenntnis, dass der Tod ein Nichts ist, macht das Leben in seiner zwangsläufigen Vergänglichkeit erst köstlich - meint zumindest Epikur.


„[W]er eingesehen hat, dass am Nichtleben gar nichts Schreckliches ist, den kann auch am Leben nichts schrecken.“ (Epikur)

Mit psychologischer Präzision diagnostiziert er darüber hinaus eine dem Menschen innewohnende Ambivalenz:


„[D]ie große Masse meidet den Tod als das größte der Übel, sehnt ihn aber andererseits herbei als ein Ausruhen von den Mühsalen des Lebens.“ (Epikur)

Unserem Philosophen dämmert, dass es Epikur nicht um die Dauer des Lebens, d.h. um die Quantität geht, sondern um die Qualität. Wie beim Essen kommt es nicht auf die Menge an, sondern auf die Art der Zubereitung (Epikurs Brief an Menoikeus).




Teilnahmslose Götter


Noch fehlen dem Schwarzen Peter ein paar Bausteine von Epikurs Glückstheorie. An dieser Stelle kommen die im antiken Griechenland omnipräsenten Götter ins Spiel. Epikurs Gottheiten, deren Existenz er nicht anzweifelt, sind frei von Gemütsregungen. Sie nehmen keinen Einfluss auf das menschliche Treiben. Diese entrückten Gestalten strafen und belohnen nicht.


„Das glückselige und unvergängliche Wesen [das Göttliche, P.M.] hat weder selbst Sorgen, noch bereitet es sie einem anderen.“ (Franz Schupp)

Der späteren deistischen Gotteslehre ähnlich, greifen die Götter nicht kleinlich in den Weltlauf ein. Nach Epikurs Auffassung leben sie ihr glückseliges und unendliches Leben für sich. Sie haben weder mit der Entstehung der Schöpfung noch mit ihrem Schicksal zu tun (Franz Schupp). Negativ formuliert: Sie sind keine Kümmerer. Positiv gewendet: Der Mensch muss den Göttern nicht gefallen und ist deshalb allein verantwortlich für sein Leben und die Vervollkommnung seiner Persönlichkeit. Es gibt kein unabänderliches, von Göttern bestimmtes Schicksal. Wir können diese Götter nicht enttäuschen, weil sie sich nichts von uns erwarten.


„So hat Epikur dem Menschen, der seiner Lehre mit klarer Einsicht folgt, die volle Selbstentscheidung gegeben, um zu seinem Glücke zu gelangen.“ (Mehrwaldt)

Das Glück kann mit menschlichen Mitteln zu Lebzeiten erlangt werden. Wie pflegten die Eltern unseres Philosophen zu sagen: „Jeder ist seines Glückes Schmied“


Zwei Erkenntnisse hat der Schwarze Peter bis jetzt gewonnen: 1.) Gleichmut gegenüber dem Tod ist glücksfördernd und 2.) die Annahme, dass sich die Götter nicht um die Menschheit scheren. Um Epikurs Theorie der Freude zu verstehen, bedarf es einer weiteren Grundannahme.



Die praktische Vernunft als Schlüssel zum Glück


Unser Philosoph wünscht sich ruhige Gewässer und eine umfassende Gemütsruhe. Kein Wellenschlag des Lebens soll ihn beunruhigen. Weder das Gute noch das Schlechte soll ihn aus seiner Mitte werfen. Kann das gelingen?


Der Reihe nach: Die angenehme Empfindung, die Freude und Lust (hēdonḗ), ist das Kriterium der Glückseligkeit (eudaimonia). Die Lust wird von Epikur nicht um ihrer selbst willen angestrebt, sondern weil sie zur Seelenruhe (ataraxia) führt (Franz Schupp).


„All unser Tun richten wir ja darauf, keinen Schmerz erdulden und keine Angst empfinden zu müssen.“ (Epikur).

An dieser Stelle wird es für unseren Philosophen interessant. Epikur behauptet in seinem Brief an Menoikeus, dass wir Schmerzen höher bewerten als Freuden, wenn auf eine längere Zeit des Schmerzes eine umso größere Freude folgt.


„So bedeutet für uns also jede Freude, weil sie an sich etwas Annehmliches ist, zwar ein gewisses Gut, aber nicht jede ist erstrebenswert, wie umgekehrt jeder Schmerz wohl ein Übel ist, aber darum nicht unbedingt vermieden werden muss.“ (Epikur, Menoikeus)

Etwas verdaulicher formuliert: In der Hoffnung auf Heilung und den damit verbundenen Zustand der Freude sind wir bereit, schmerzvolle Therapien durchzustehen. Das in Aussicht gestellte Gut übersteigt das aktuelle Übel.



Die falschen Freuden


Epikur geht es nicht um die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung. Damit unterscheidet er sich fundamental von Aristippos von Kyrene (435 - ca. 355 v. Chr.). Dessen Maßstab für ein glückliches Leben ist eine kontinuierliche Abfolge lustvoller Momente. Genuss als Sinn des Lebens. Für ihn ist das höchste Gut nicht die eudaimonia sondern die einzelnen Lüste. Aristippos’ Empfindungsglück steht dem Erfüllungsglück Epikurs diametral gegenüber.


„Wir haben es [bei Epikur, P.M.] keineswegs mit einem schrankenlosen Hedonismus zu tun, sondern mit einer Vernunftethik, die auf ‚vergleichendem Messen‘ aufgebaut ist.“ (Schupp)

Epikur ist Vernunftethiker und damit ein Freund des Maßhaltens. Deshalb widmet er sich zunächst den falschen Freuden des Lebens: Reichtum um seiner selbst willen, unterschiedlose Liebesgenüsse, Völlerei und Ehrsucht. Sie schaden der Seele und lassen das wahre Glück in weite Ferne rücken. All diese trügerischen Ablenkungen braucht der Mensch nicht. Warum? Weil es laut Epikur in der Natur des Menschen liegt, mit weniger und einfacheren Dingen zufrieden zu sein. Während Besitz zu permanenter Sorge führt, verhilft Bescheidenheit zu einer dauerhaft ruhevollen Hochstimmung.


„Die Vernunft korrigiert die Lebensführung durch die Aufdeckung der wahren Güter und die Verwerfung falscher Ziele und führt auf diese Weise zum Glück.“ (Christoph Horn)

Unser Philosoph hat diesbezüglich Zweifel, aber diese Geisteshaltung kommt ihm entgegen. In Ermangelung großer finanzieller Mittel, sieht er seinen vergleichsweise einfachen Lebensstil durch Epikur geadelt. Ob unser Philosoph aus der Not eine Tugend macht, will er nicht verraten.


Zurück zu Epikur: Dem geht es um eine sorgfältige und überlegte Auswahl der Freuden. Mit seinem Imperativ des Maßhaltens und der Genügsamkeit bis an die Grenze der Anspruchslosigkeit trifft er den Nerv seiner Zeit.


Diese materielle Vernunftethik sichert seiner Meinung nach das Freisein von Beunruhigung. Innere und äußere Freiheit wiederum ist die Voraussetzung für die eigentliche Glückseligkeit. Der Weise sucht sein Glück nicht in den trügerischen äußeren Gegebenheiten.


Fazit: Getreu dem Motto „Was du hast, das hat auch dich“, legt der Weise epikureischer Prägung keinen Wert auf überflüssige materielle Güter. Er vermeidet jegliche Anhaftung. Das gilt für materielle Dinge ebenso wie für das eigene Leben.


Seine Philosophie stützt sich auf eine souveräne Weltorientierung und eine reflektierte Genussfähigkeit. Sie ist eine „bis ins letzte verfeinerte Lebenskunst“ (Horn, Mewaldt), die heutigen Lesern einen Eindruck vermittelt, was es bedeutet, wenn vom Trost der Philosophie die Rede ist.


Überlassen wir Epikur das letzte Wort:

„Man soll nicht aus Gier nach fernen Gütern die nahen gering achten, sondern bedenken, dass auch diese einmal zu den sehnlich erwünschten gehört haben.“ (Epikur)




Literatur

Epikur: Philosophie der Freude, Vorwort: Johannes Mewaldt, Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1976.

Horn, Christoph: Antike Lebenskunst. Glück und Moral von Sokrates bis zu den Neuplatonikern, 3. Auflage, Verlag C.H. Beck, München 2014.

Ricken, Friedo: Philosophie der Antike, 3. Auflage, Kohlhammer, Köln 2000.

Schupp, Franz: Geschichte der Philosophie im Überblick. Antike, Felix Meiner Verlag, Jokers edition, Hamburg 2003.



134 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen