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Gewissen = Freiheitserfahrung

Aktualisiert: 16. Aug 2019


„Bettler [..] sollte man ganz abschaffen! Wahrlich, man ärgert sich ihnen zu geben und ärgert sich ihnen nicht zu geben.“ (Friedrich Nietzsche)

Mir reicht ein kurzer Blickkontakt, um mich verantwortlich zu fühlen. Gebe ich oder nicht? Die Begegnung ist flüchtig. Trotzdem bindet mich etwas an diesen fremden Menschen. Was ist es? Es ist eine innere Zwangsinstanz, die sich aufdrängt. Das Gewissen!


Vom Gesicht des Anderen geht ein gebieterischer Appell aus - sagt Emmanuel Levinas. Eine einseitige Verantwortung für den Anderen, der ich mich nicht entziehen kann. Die Erwiderung des Appells hängt nicht von meiner Großzügigkeit ab. Beunruhigend, diese Macht des Anderen. Dass ich die Verantwortung für einen fremden Menschen nicht übernehmen möchte, lässt Levinas nicht gelten. Vielleicht entlastet mich ein Blick in die Bibel: „Bin ich der Hüter meines Bruders?“ Bist Du, sagt Levinas! In dem Moment, in dem Du um die Not des Anderen weißt, bist Du für ihn verantwortlich.


Entsprechend wird das Gewissen meist mit bleischweren Begriffen beschrieben: Pflicht, Schuld, Verantwortung, Rechtfertigung. Ist es als innere Letztinstanz die Nervensäge des Bewusstseins? Ja, aber es ermöglicht zugleich eine individuelle Freiheitserfahrung. Eine Freiheit, die mich in die Pflicht nimmt. Wenigstens bin ich gegenüber dem Ruf des Gewissen frei, aber


„[…] diese Freiheit besteht einzig und allein in der Wahl zwischen zwei Möglichkeiten, nämlich auf das Gewissen zu hören oder dessen Warnungen in den Wind zu schlagen“. (Viktor Frankl)

Was, wenn ich gegen den Rat des Gewissens handle? Dann wird ein Preis fällig - in Form des Schlechten Gewissens. Es ist wie ein unbestechlicher Blick, dem ich ausweichen will - verbunden mit dem Eindruck des Durchschautseins. Derartige Schuldgefühle und Selbstvorwürfe sind für Friedrich Nietzsche verschwendete Energie:


„Der Gewissensbiss ist, wie der Biss des Hundes gegen einen Stein, eine Dummheit.“

Spüre ich wegen des entstandenen Schadens zusätzlich Reue, füge ich der ersten Dummheit (dem Gewissensbiss) eine zweite hinzu. Sinnvoller ist es laut Nietzsche, im Anschluss Gutes zu stiften.


Zurück zum positiven Aspekt des Gewissensanspruchs: Befreiend und verpflichtend zugleich, bezeichnet er ein moralisches Sollen. Ein Anspruch, der sich an inneren Pflichten orientiert - nicht an äußerlichen Obrigkeiten. Diese Haltung ermöglicht ein couragiertes Eintreten für den Anderen. Ich muss handeln, als würde es auf mich ankommen. Ich bin exklusiv heraus-gerufen und kann mich nicht in der hinteren Reihe verstecken. Im Gewissen fühle ich mich unvertretbar angesprochen. Wenn ich von ihm gefordert werde, bin ich in meiner Unersetztbarkeit gefordert. Das Gewissen ermöglicht eine Eigenwert-Erfahrung. Darin liegt eine Bestätigung meiner Person.





Literatur

Frankl, Viktor E.: Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn, 24. Auflage, Piper Verlag, München 2011.

Levinas, Emmanuel: Die Spur des Anderen. Untersuchungen zur Phänomenologie und Sozialphilosophie, 6. Auflage, Verlag Alber, Freiburg 2012.

Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra, Kritische Studienausgabe, Band 4, de Gruyter, München 1999.

Nietzsche, Friedrich: Menschliches, Allzumenschliches, Kritische Studienausgabe, Band 2, de Gruyter, München 1999.



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