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Platon - Der Weg in die Tyrannei

Aktualisiert: Aug 2

Die goldenen Zeiten für Tyrannen schienen vorbei zu sein. Nun die Trendwende. Entgegen allen Unkenrufen halten sie sich an der Macht. Warum? Gute Frage. Interessanter ist jedoch, warum jemand zum Tyrannen wird.


Love Is All He Needs


Die Menschenrechtlerin Olga Karatch vermutet die Ursache für den späteren Irrweg in der Kindheit des Tyrannen. Macht als Substitut für die Liebe, die ihm in frühen Jahren vorenthalten wurde. Macht als Antidepressivum und Wiedergutmachung. Dem Tyrannen geht es nicht mehr um Reichtümer - er will geliebt werden.


„Er [Lukaschenko, P.M.] kämpft um die Liebe des Volkes. Niemand soll sie ihm wegnehmen.“ (Olga Karatch)

So arbeitet sich der Tyrann an einem Trauma ab und kompensiert lebenslang seine emotionalen Defizite. Der Tyrann ist unglücklich - und er war es schon als Kind.



Traumberuf Tyrann?


Oberflächlich betrachtet, hat der Tyrann ein erfülltes Leben. Er kann sich hemmungslos austoben. Unter uns: Träumen Sie nicht ab und zu von solch einer Machtfülle? Aber die Zahl der Vertreter dieser Lebensform ist überschaubar - nicht jeder kann Tyrann werden. Die Wahrscheinlichkeit, sich auf der unbequemeren Seite der Theke einrichten zu müssen ist groß. Deshalb lautet Platons Diagnose:


„[W]er die Ungerechtigkeit schmäht, tut das nicht, weil er das Unrechttun, sondern weil er das Unrechtleiden scheut.“ (Platon, Politeia, 344c)

Das klingt weniger idealistisch als Goethes „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“. Wenn Platon (428/427 - 348/347 v. Chr.) recht hat, ist es nicht der eigene moralische Kompass, der den Menschen gerecht sein lässt, sondern die Furcht, durch Ungerechtigkeit anderer Nachteile zu erleiden. Eigentlich möchte sich der Normalbürger wie der Tyrann ungestraft und ungehindert dem Schwarm der Lüste hingeben. Der Sophist Thrasymachos ist im Dialog mit Sokrates dieser Ansicht:


„Am allerleichtesten wirst du es erkennen, wenn du dich an die vollendetste Ungerechtigkeit hältst, welche den, der Unrecht getan, zum Glücklichsten macht, die aber, die das Unrecht erlitten haben und nicht wieder Unrecht tun wollen, zu den Elendsten.“ (Platon, Politeia, 344a)


Die Entstehung des tyrannischen Charakters


Nicht jedes Kind mit Zuwendungsdefiziten wird später zum Haus- oder Staatstyrannen. Die Ursachen sind vielschichtiger. Vielleicht kann Platon weiterhelfen. In seinem Werk Politeia beschäftigen ihn drei Fragen:


  1. Warum wird der Mensch zum Tyrannen?

  2. Wie ist der Tyrann charakterlich beschaffen?

  3. Ist der Tyrann glücklich?


Zu diesem Zweck untersucht Platon zunächst die Wesensart der ihm bekannten fünf Staatsformen Aristokratie, Timokratie, Oligarchie, Demokratie und Tyrannis. Der Grund für diese Vorgehensweise: Er glaubt an die charakterliche Übereinstimmung von Staat und Mensch.


„Wenn es also bei den Städten fünf Arten von Verfassungen gibt, dann gibt es wohl auch bei den Einzelnen fünf seelische Verfassungen.“ (Platon, Politeia, 545a)

Ist die Polis im grundsätzlich gerecht, spiegelt sich dieser Zustand in der Mehrheit der Bewohner.



Der Verfall der Staatsformen


Platon hält die Aristokratie für die Bestform, in der sich ein Gemeinwesen (Staat, Stadt, Polis) befinden kann. In ihr sind die Herrscher Philosophen und die Philosophen Herrscher. Platon greift nicht einzelne Bewohner heraus, sondern hält die aristokratisch geführte Polis in ihrer Gesamtheit für glücklich. Der Haken: Es handelt sich um einen von Vernunft geprägten Idealtypus, der ein Mythos geblieben ist. Platons Versuche, einen solchen Staat auf Sizilien zu errichten, sind gescheitert.


Von der Aristokratie ausgehend, verschlechtert sich das Staatswesen kontinuierlich. Verglichen mit der Aristokratie platonischen Zuschnitts handelt es sich bei den darauf folgenden Verfassungen um Entartungen.


Platon ist konsequent: Er lehnt alle vom aristokratischen Herrschaftsideal abweichenden Staatsformen ab. Bemerkenswert für heutige Leser: Die Demokratie hält er für die zweitschlechteste Staatsform. Sie wird in ihrer Unzulänglichkeit nur von der Tyrannis übertroffen.


Wie kommt es zu diesem Verfall?



Von der Aristokratie zur Timokratie


Der Verfall des Staatswesens geht laut Platon von der Elite aus. Erodiert die Einigkeit der Herrschenden, gerät die Stadt in Bewegung (Politeia, 546a). Es öffnet sich das Tor für Zwietracht, „unzeitige Vermählungen und falsche Paarungen“, aus denen degenerierte Kinder hervorgehen.


Die aristokratischen Herrscher zeigen habgierige Züge. Bauern und Handwerker werden unterdrückt. Die Gesellschaft gerät aus dem Gleichgewicht und die stabilisierenden Normen der Aristokratie werden außer Kraft gesetzt. Sich stetig vom Ideal der Bildung entfernend, richtet sich die Aufmerksamkeit auf körperliche Ertüchtigung (der heutige Fitnesswahn) und kriegerische Spiele. Noch ist das Leben des Einzelnen am Gemeinwohl ausgerichtet und öffentlich zur Schau gestellter Reichtum verpönt. Aber die durch Degeneration entstandene Verfassung der Timokratie ist aus „Schlechtem und Gutem gemischt“.


Die Kennzeichen der Timokratie: Streitlust und Ehrsucht




Von der Timokratie zur Oligarchie


Weicht die Tüchtigkeit des Einzelnen wie des gesamten Staates dem Streben nach Vermögen, wandelt sich die Timokratie zur Oligarchie. Die Ständetrennung zerfällt. Die Reichsten, deren Zahl stetig wächst, herrschen in der Oligarchie. Zudem wird die Kluft zwischen Reichen und Armen größer. Bildung und Erziehung werden vernachlässigt. Der Oligarch widmet sein Leben der Geldvermehrung und unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung.


Das Kennzeichen der Oligarchie: Die Gier nach Reichtum




Von der Oligarchie zur Demokratie


In der Oligarchie bemühen sich weder die Armen noch die Reichen um Tüchtigkeit und Tugend (im Sinne von aretḗ, d.h. Bestheit). Die Reichen werden schlaff, eine Entwicklung, die den Benachteiligten nicht verborgen bleibt. Die Verachtung ist wechselseitig. Die Prekären und Entrechteten spüren, dass es ein Leichtes ist, die verweichlichten Herrschenden zu entmachten, und


„dass diese [..] ihren Reichtum nur der Feigheit der Armen verdanken“. (Platon, Politeia, 556d)

Mit dem Sturz der Oligarchen wechselt das Prinzip, nach dem die Herrschenden an die Macht kommen. In der Athener Demokratie werden die Ämter verlost. Charakterliche oder fachliche Eignung ist nebensächlich. Es herrscht die maximale Freiheit. Es steht den Bürgern zu, sich nach den Gesetzen zu richten oder nicht. Dem Staat mangelt es an Autorität, die Gesetze durchzusetzen. Die Demokratie ist


„[A]llem Anschein nach [..] eine angenehme, herrscherlose und buntscheckige Verfassung, die Gleichen und Ungleichen eine gewisse Gleichheit verleiht.“ (Platon, Politeia, 558c)

Der moralische Zustand der Gesellschaft verschlechtert sich. Das macht den Menschen formbar und empfänglich für Populismus. Die Sehnsucht großer Teile der Gesellschaft nach einem willens- und durchsetzungsstarken Führer nimmt zu.


Das Kennzeichen der Demokratie: Die maximale Freiheit




Von der Demokratie zur Tyrannis


Die Gleichstellung und wechselseitige Anbiederung in der Demokratie dehnt sich auf

den gesellschaftlichen und familiären Bereich aus. Sogar


„die Pferde und Esel sind gewohnt, völlig frei und stolz einherzuschreiten [sic] und jeden, dem sie auf der Straße begegnen, anzurennen, wenn er ihnen nicht aus dem Weg geht. Und so ist auch alles andere voll Freiheit.“ (Platon, Politeia, 563c)

Derart eingestimmt ist


„die Seele der Bürger empfindlich, sodass sie, wenn ihnen jemand […] Zwang antut, unwillig werden und das nicht ertragen können.“ (Platon, Politeia, 563e)

Das ist der ideale Nährboden für die Tyrannis. Die zahlenmäßig bedeutsamste Gruppe in der Demokratie ist das Volk, also


„[...] alle, die mit der Hand arbeiten und sich sonst um nichts kümmern und auch kein großes Vermögen besitzen.“ (Platon, Politeia, 565a)

Diese Gruppe gilt es bei Laune zu halten. Die Wohlhabenden sollen durch ihre Abgaben den Lebensstandard der Mehrheit garantieren. Die Reichen versuchen ihren Besitz zu schützen, während die weniger privilegierte Mehrheit bereit ist, sich einem Führer anzuschließen, der ihre Interessen durchzusetzen verspricht. In diesem Reizklima neigt sich der Volkswille zugunsten desjenigen, der die Rolle des Schutzherrn für die unteren Schichten einnimmt.


„Die übergroße Freiheit [der Demokratie,P.M.] schlägt offenbar in nichts anderes um als in übergroße Knechtschaft.“ (Platon, Politeia, 564a)

Der Alleinherrscher, zunächst als Protektor des Volkes angetreten, wandelt sich zum Tyrannen.



Der Tiefpunkt


Mit der Tyrannis ist Platons Verfallskette vollendet. Von der größtmöglichen Freiheit in der Demokratie ist es zur größten Sklaverei durch einen Tyrannen gekommen.


„Jener [demokratisch legitimierte; P.M.] Führer liegt also offenbar durchaus nicht groß und lang hingestreckt am Boden, sondern er streckt viele andere nieder und steht dabei auf dem Wagen des Staates; es ist aus einem Führer ein vollendeter Tyrann geworden.“ (Platon, Politeia, 566c)

Der Tiefpunkt in Platons Typologie der Staatsformen ist erreicht. Kennzeichen der Tyrannis ist die völlige Abwesenheit von Rationalität. Die Tyrannis, die Diktatur, ist der momentane Triumph der Ungerechtigkeit über die Gerechtigkeit.


Platon lässt Sokrates die Untersuchungen über den letzten Wechsel der Staatsformen mit den Worten enden:


„Es [das Volk] hätte statt des Kleides jener großen und maßlosen Freiheit das der übelsten und bittersten Sklaverei unter Sklaven angezogen.“ (Platon, Politeia, 565a)


Ist der Tyrann glücklich?


Im Gegensatz zur Aristokratie, die allen Bewohnern die Voraussetzung für ein geglücktes Leben ermöglicht, ist in der Tyrannis nach Platons Ansicht nur ein Mensch potentiell glücklich. Nur der Tyrann hat die Freiheit, das zu tun, was er möchte. Trotzdem hält Platon den Tyrannen für untauglich, ein glückliches (und geglücktes) Leben zu führen. Mit Hilfe der Analogie zwischen menschlichem Charakter und der jeweiligen Staatsform will er das belegen.


Platon hält den tyrannisch regierten Staat für „geknechtet, im höchsten Maße“. Ähnelt der Staat dem Menschen, herrschen in ihm dieselben Verhältnisse. Deshalb muss auch die Seele des Menschen in der Tyrannis von Knechtschaft und Unfreiheit erfüllt sein.


„Und nur ein kleiner Teil, und zwar der wertloseste und ausschweifendste, wird herrschen.“ (Platon, Politeia, 577d)

Eine solche Seele kann nicht frei sein. Deshalb kann weder der tyrannische Staat noch die tyrannische Seele tun, was sie möchte - beide sind geknechtet. Beide sind von Furcht erfüllt.


Die Freiheit des Tyrannen ist eine scheinbare. Der Tyrann ist in seinem Palast wie in einem Gefängnis eingeschlossen.


„[S]ein ganzes Leben hindurch ist er voller Furcht und voll Unruhe und Schmerzen, insofern er ein Abbild des Zustandes der Stadt ist, über die er herrscht.“ (Platon, Politeia, 579e)


Die drei Seelenteile


Platon geht von drei Seelenteilen aus: Begierde/Trieb, Emotion und Vernunft.

Er hat erkannt, dass der Mensch zu gleicher Zeit etwas Bestimmtes wollen und nicht wollen kann. Deshalb muss es mehr als einen Seelenteil geben, der sich auf einen Sachverhalt bezieht. Platon verdeutlicht das am Beispiel eines Wagenlenkers (Vernunft), der die beiden anderen Seelenteile bändigt.


Etwas konkreter: Sie haben mit dem Rauchen aufgehört, haben aber das Gefühl eine Zigarette rauchen zu müssen (Begierde/Trieb). Zugleich ahnen Sie, dass sie es bereuen. Es würde Ihnen ein schlechtes Gewissen (Emotion) verursachen. Sie wollen eine Zigarette rauchen und Sie wollen es nicht. An dieser Stelle kommt der befreiende dritte Seelenteil, die Vernunft, ins Spiel. Mit Hilfe der mäßigenden Vernunft reflektieren Sie und kommen zu dem Schluss: Es ist vernünftiger, die Finger von der Zigarette zu lassen.


Ein glückliches Leben kann nur derjenige führen, der sein Wollen in konkrete Handlungen umsetzen kann. Der Tyrann hat eine falsche Vorstellung von dem, was Platon als das Gute bezeichnet und anstrebt. Er handelt nicht vernünftig und will das Falsche. Der Tyrann ist - neben der Furcht vor seinen Untertanen - getrieben von der Hingabe an seine Begierden. Es gehört zum Grundverständnis von Platons Vorstellung eines geglückten Lebens, dass der Mensch gemäß der Vernunft handelt und seine Begierden im Zaum hält.


Die Vernunft ist laut Platon auf das Gute gerichtet. Der Mensch wird glücklich, wenn seine Vernunft das Gute anstrebt. Das Gute ist zugleich das Letztziel im Leben - das was man um seiner Selbst willen anstrebt. Wenn man sich im Letztziel irrt (z.B. Macht um ihrer selbst willen) verfehlt man sein Glück. Das ist das Schicksal des Tyrannen.





Literatur

Karatch, Olga: https://www.3sat.de/kultur/kulturzeit/sendung-vom-3-september-2020-100.html (Stand 05.09.2020).

Platon: Gorgias, in: Sämtliche Werke Band1, 32. Auflage, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2011.


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