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Wittgenstein - dem Denken eine Grenze ziehen

Aktualisiert: 16. Dez. 2021

Wer es in der Philosophie nicht zu Bekanntheit gebracht hat kann immer noch bedeutungsvolle Zitate zum Besten geben. Kaum ein Denker bietet mehr Material als Ludwig Wittgenstein (1889-1951).


Der hat zwar kaum zusammenhängende Texte geschrieben, aber eine ebenso bizarre wie produktive Arbeitsweise kultiviert. Auf Spaziergängen hat er seine kryptisch wirkenden Gedanken per Hand in einem Notizbuch festgehalten und anschließend seiner Sekretärin diktiert. Im nächsten Arbeitsschritt zerschnitt er die mit Maschine geschriebenen Aufzeichnungen und kombinierte einzelne Sätze immer wieder neu. Das Ergebnis dieser Schnipselei: Rund 20.000 Zettel mit „außerordentlich markanten und auf den Punkt gebrachten Sentenzen“ (Michael Bordt).


„Der Stil Wittgensteins im Tractatus ist aphoristisch und verzichtet auf jedes überflüssige oder auch nur ausschmückende Wort.“ (Franz Schupp)

Das mag den asketischen Wesen Wittgensteins gerecht werden, sein Ziel war es aber, ein flüssig lesbares Buch schreiben.


„Nach manchen missglückten Versuchen, meine Ergebnisse zu einem solchen Ganzen zusammenzuschweißen, sah ich ein, dass mir das nie gelingen würde. Dass das beste, was ich schreiben konnte, immer nur philosophische Bemerkungen bleiben würden.“ (Ludwig Wittgenstein)

Eine falsche Bescheidenheit, wenn es nach Franz Schupp geht. Der hält Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus (1921) für eines der maßgeblichen philosophischen Werke des 20. Jahrhunderts. Diese Ansicht erfuhr 2017 eine offizielle Bestätigung, indem der philosophische Nachlass Ludwig Wittgensteins in die Liste des UNESCO-Weltdokumentenerbes aufgenommen wurde.


Der Ökonomon und Wahrscheinlichkeitstheoretiker John Maynard Keynes zeigte übrigens früh seine Bewunderung für den Professoren-Kollegen:


„Ich weiß noch immer nicht, was ich über Ihr Buch [Tractatus, Anm. d. Verf.] sagen soll, außer dass ich das Gefühl habe, dass es ein außerordentlich wichtiges und geniales Werk ist.“

Interessanterweise hat Keynes seine Bewunderung nicht davon abhängig gemacht, ob das von Wittgenstein zum Ausdruck Gebrachte richtig oder falsch ist.


Diese Unvoreingenommenheit dürfte nach Wittgensteins Geschmack gewesen sein.



Ein unbequemer Zeitgenosse


Ludwig Wittgenstein kam 1889 in Wien als Spross einer Familie der industriellen und kulturellen Oberschicht zur Welt. Sein Vater Karl, ein patriarchalischer Kunstmäzen und seine Mutter Leopoldine, eine begabte Pianistin, machten das „Palais Wittgenstein“ zu einem kulturellen Treffpunkt der künstlerischen Elite. So gehörten Gustav Klimt, Auguste Rodin, Johannes Brahms und Gustav Mahler zu den regelmäßigen Gästen (Franz Schupp).


Ungeachtet des materiellen Wohlstandes und kulturell inspirierenden Umfeldes war das Leben im Hause Wittgenstein emotional entbehrungsreich und über Jahrzehnte von Schicksalsschlägen geprägt. Drei von Ludwigs Brüdern begingen Suizid und auch Ludwig litt an depressiven Verstimmungen. Nach eigenem Bekunden dachte er, das jüngste von acht Geschwistern, oft daran, ebenfalls freiwillig aus dem Leben zu scheiden.


Sein beruflicher Weg führte ihn über ein Maschinenbau-Studium zur Mathematik und im Jahr 1911 nach Cambridge, wo er bei Bertrand Russell Logik und Philosophie studierte. Bald verband die beiden eine, die Wechselfälle des Leben überdauernde, Freundschaft. 1913 ließ er sich in Norwegen eine Holzhütte errichten, um in Abgeschiedenheit an einem neuen System der Logik und an Entwürfen zum Tractatus zu arbeiten.


Wittgenstein kämpfte als Freiwilliger im 1. Weltkriegs und geriet bei Monte Cassino in italienische Gefangenschaft. Die Kriegserlebnisse in Verbindung mit seiner schwermütigen Prägungen führten 1919 zu einer Weichenstellung: Er kehrte nach Wien zurück, um den größten Teil seines Erbteils an die Geschwister zu überschreiben. Statt das Leben eines wohlhabenden Privatgelehrten zu führen, ließ er sich zum Dorf-Volksschullehrer ausbilden. Eine von mäßigem Erfolg gekrönte Tätigkeit. Wegen seiner Stimmungsschwankungen hielt sich die Trauer seiner Schüler in Grenzen, als er 1929 erneut nach Cambridge ging, um mit dem längst fertiggestellten Tractatus zu promovieren.


Seine Art zu dozieren war im akademischen Betrieb von Cambridge ungewohnt. Er unterrichtete nämlich ausschließlich seine eigene Philosophie. 1939 übernahm er dort den Lehrstuhl von George Edward Moore. Ludwig Wittgenstein starb 1951 an den Folgen einer Krebserkrankung. Kurz vor seinem Tod soll er gesagt haben: „Sage ihnen, dass ich ein wunderbares Leben gehabt habe“.



Von der Klarheit der Sprache


Wittgensteins Philosophie in einem kurzen Blog-Beitrag mit den gebührenden Tiefgang darzustellen ist unmöglich. Zu schlingernd, weiträumig und komplex ist sein philosophisches Denken. Das Fehlen fortlaufender Texte oder einer stringenten Lehre erschweren das Verständnis, mindern jedoch nicht die Faszination, denn:


„Er entwickelte seine Philosophie während des Schreibens, wodurch es möglich ist, seinen Gedankengängen zu folgen, auch denen, die letztendlich ins Leere laufen.“ (philosophenlexikon.de)

Ohne Wittgensteins Lebenswerk einengen zu wollen, richten wir den Scheinwerfer auf den Tractatus und damit auf den wirkmächtigsten Teil seines Schaffens. Wittgenstein geht es in seiner Sprachanalytik um die Grenzen der Sprache und die Grenzen der Erkennbarkeit der Welt. Er will festlegen, welche Art von Aussagen sinnvoll sind und welche nicht. Damit steht er in der Tradition Immanuel Kants (1724-1804), dessen Bestreben es war, die Grenzen der Erkenntnis zu bestimmen („Was kann ich wissen?“). Der wesentliche Unterschied: Kant sieht die Begrenzungen in einem Mangel an Vernunft, der frühe Wittgenstein (Tractatus) in der Unzulänglichkeit der Alltagssprache. Wittgenstein hält sie (wie Bertrand Russell) für mehrdeutig und unpräzise – im Gegensatz zur unmissverständlichen Klarheit der Logik. Vereinfacht ausgedrückt, handelt der Tractatus von der Unterscheidung zwischen Weltbeschreibung und Welterlebnis, also


„zwischen der Welt, die wir wie ein Mosaik zerlegen und dann durch einfache oder komplexe Sätze abbilden, und dem Sinn der Welt, der sich uns zeigen muss, den wir aber nicht beschreiben und erst recht nicht herbeireden können.“ (Bernd Lutz)

Für Wittgenstein haben Sprache und Welt eine gemeinsame logische Form. Deshalb kann Sprache, wenn sie exakt genug ist, die Welt darstellen wie sie ist. Zudem offenbart sich das Denken durch die Sprache. Um philosophische Probleme zu lösen, ist es notwendig, die Struktur der Sprache zu kennen. Worte entsprechen den Gegenständen, auf die sie sich beziehen. „Im Wort wird ein Abbild der Wirklichkeit erschaffen.“ (philosophenlexikon.de)



Von der Alltagssprache zur Idealsprache


Weil der frühe Wittgenstein (Tractatus) die Alltagssprache für ungeeignet hält, die Wirklichkeit abzubilden, arbeitet er an einer Idealsprache, die einen unverstellten Blick auf die Welt ermöglichen soll.


Dafür unterscheidet Wittgenstein drei Arten von Sätzen: sinnvolle, sinnlose und unsinnige.


„Die Gesamtheit der wahren Sätze ist die gesamte Naturwissenschaft (oder die Gesamtheit der Naturwissenschaften).“ (Wittgenstein TPL 4.11)

Diese Sätze sind empirisch verifizierbar. Und weiter


„Die Philosophie ist keine der Naturwissenschaften.“ (Wittgenstein TPL 4.111)

Folgerichtig ist für Wittgenstein die Philosophie weder Wissenschaft noch Lehre, sondern eine Tätigkeit – und zwar eine überflüssige. Vor allem die Sätze, die sich auf Ethik beziehen, hält er für sinnlos oder unsinnig. Sie haben keinen Wahrheitsgehalt, weil sie sich auf Werte, nicht auf beweis- oder widerlegbare Tatsachen beziehen. Moralische Werte können nur gelebt werden oder nicht (Anton Grabner-Haider).


Ist die Beschäftigung mit der Philosophie Zeitverschwendung? Nicht, wenn man das Ziel der Philosophie in der Klarwerdung von Sätzen sieht (Michael Bordt).


„Die Philosophie begrenzt das bestreitbare Gebiet der Naturwissenschaften.“ (Wittgenstein TPL 4.113)

„Sie soll das Denkbare abgrenzen und damit das Undenkbare. Sie soll das Undenkbare von innen her durch das Denkbare begrenzen.“ (Wittgenstein TPL 4.114)

„Die Philosophie soll die Gedanken, die sonst, gleichsam, trübe und verschwommen sind, klar machen und scharf abgrenzen.“ (Wittgenstein TPL 4.112)

Die Philosophie ist damit nicht mehr als eine Hilfswissenschaft, die dazu dient, das Gebiet der Naturwissenschaften abzustecken und zu begrenzen. Sie ist die Magd der Naturwissenschaften.


Mit dem Tractatus glaubt Wittgenstein zum Thema Philosophie alles Wesentliche gesagt zu haben. Er sieht keinen Grund, sich weiter damit zu beschäftigen und widmet sich in den folgenden Jahren seiner Tätigkeit als Dorfschullehrer.



Einige Zitate zum Schluss


„Alles was überhaupt gedacht werden kann, kann klar gedacht werden. Alles, was sich aussprechen lässt, lässt sich klar aussprechen.“ (TPL 4.116)

„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ (TLP 7)

„Einen Satz verstehen, heißt, wissen was der Fall ist, wenn er wahr ist. (Man kann ihn also verstehen, ohne zu wissen, ob er wahr ist). Man versteht ihn, wenn man seine Bestandteile versteht.“ (TLP 4.024)

Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems. (Ist nicht dies der Grund, warum Menschen, denen der Sinn des Lebens nach langen Zweifeln klar wurde, warum diese dann nicht sagen konnten, worin dieser Sinn bestand?). (TLP 6.521)





Literatur

Bordt, Michael SJ: Ordinary Language Philosophy, Vorlesungsskript Wintersemester 2011/12, Hochschule für Philosophie, München.

Grabner-Haider, Anton: Die wichtigsten Philosophen, 3. Auflage, marixverlag, Wiesbaden 2012.

Lutz, Bernd: Die großen Philosophen des 20. Jahrhunderts, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1999.

Römpp, Georg: Ludwig Wittgenstein, Böhlau UTB-Verlag, Köln 2010.

Schupp, Franz: Geschichte der Philosophie im Überblick, Band 3 Neuzeit, Felix Meiner Verlag 2003, Lizenzausgabe für Jokers Edition, Augsburg 2012.

Wilson, Brendan: Philosophical Investigations. A Guide, Edinburgh University Press, Edinburgh 1998.

Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus und Philosophische Untersuchungen, Werksausgabe Band 1, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. Main 2006.

Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Bemerkungen, Werksausgabe Band 2, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. Main 2006.


Philosophenlexikon.de: Wittgenstein Biographie, in: http://www.philosophenlexikon.de/ludwig-wittgenstein/ (abgerufen am 09.12.2021).






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